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Auszug aus: IWK, Heft 2/1999, S. 176 - 206 (ohne Anmerkungen)

Rosa Luxemburg und die KPD-Führung im Berliner Januaraufstand 1919

Von Ottokar Luban

Wie ein roter Faden zieht sich durch Rosa Luxemburgs Schriften  insbesondere seit 1906 - die Überzeugung, daß die proletarischen Massen über den Kurs des revolutionären Kampfes immer selbst zu entscheiden haben und daß ihre Führer lediglich die sozialistischen Ziele vorschlagen und dabei eine vorwärtstreibende, stimulierende Funktion wahrnehmen. Hat nun Rosa Luxemburg ihre noch im Spartakusprogramm vom Dezember 1918 vertretene demokratische Position, nur mit der eindeutigen Zustimmung einer breiten Mehrheit der Arbeitermassen die Regierungsgewalt zu übernehmen, im Verlaufe des Januaraufstandes 1919 verlassen, wie dies Manfred Scharrer 1985 im Rahmen einer detaillierten Untersuchung behauptet? War Rosa Luxemburg eine demokratische Sozialistin, die den Mehrheitswillen der Arbeiterschaft respektierte, auch wenn er nicht ihren Auffassungen entsprach? Oder war sie die "blutige Rosa", die eine Gewaltherrschaft mit Hilfe einer Minderheit des Proletariats anstrebte? - Der folgende Aufsatz konzentriert sich unter Heranziehung bisher nicht erschlossener Archivalien auf das Verhalten Rosa Luxemburgs und der weiteren KPD-Führer im Arbeiteraufstand vom Januar 1919 in Berlin, wobei andere Aspekte der politischen Entwicklung jener Tage vernachlässigt werden.

[...]

Stand das demokratische Prinzip der bei der Mehrheit der Massen liegenden Entscheidungskompetenz für Rosa Luxemburg als Voraussetzung politischen Handelns fest, so ist doch zu fragen, welche Kampfformen und welche Kampfziele die Spartakusführerin dem Proletariat während des Januaraufstandes vorschlug und ob sie aus der Arbeiterschaft kommende eigenständige Entwicklungen, die in Richtung Sozialismus gingen, aufgreifen konnte. Vorschläge für die Führung des Kampfes fehlten weitgehend in ihren Zeitungsartikeln oder waren vollständig irreal wie der Punkt einer permanent auf den Straßen bleibenden Vollversammlung der Berliner revolutionären Arbeiter. Die KPD-Führerin machte den Eindruck einer "ratlosen Rosa". Um so radikaler war sie in der Propagierung des Aufstandsziels. Ab Mittwoch, dem 8. Januar, bis einschließlich Sonntag, dem 12. Januar, also sogar mehrere Tage nach der militärischen Niederlage der Aufständischen, verbreitete sie in der "Roten Fahne" die Illusion eines erreichbaren Sturzes der mehrheitssozialdemokratischen Regierung. Als einziges Zwischenziel und als Voraussetzung dieses Umsturzes wurde mit allerschärfster Polemik die Zerschlagung der USPD verkündet. Mit diesen schrillen Propagandatönen erreichte sie nur den besonders radikalen Teil der Massen, damit lediglich eine verschwindend kleine Minderheit, die sich in ihrer putschistischen Taktik - unter Ignorierung der demokratischen Grundsätze in Luxemburgs Argumentation - bestärkt und bestätigt empfand. Die große Mehrheit des Berliner Proletariats stand dieser Art der Luxemburgischen Agitation äußerst fern, auf jeden Fall ab dem 8. Januar, als die Parole von der Einigung der "einfachen" Mitglieder aller proletarischen Parteien mit dem Ziel einer Beendigung des Bruderkampfes und der Realisierung einer sozialistischen Politik großen Anklang in der Arbeiterschaft Berlins, aber auch in anderen industriellen Zentren Deutschlands fand. Die Fixierung auf ihre langjährigen Auseinandersetzungen mit dem Zentrum der Sozialdemokratie, also jetzt mit der USPD, und ihre illusionäre Verkennung des Bewußtseinsstandes der Massen führten zu einer verfehlten politischen Taktik und Zielsetzung der KPD-Führerin während dieser Januartage.

Höchstwahrscheinlich hätte sich Rosa Luxemburg während eines erneuten Gefängnisaufenthaltes, mit dem sie am 15. Januar 1919 bei ihrer Festnahme wohl rechnete, in einer Broschüre intensiver mit dem Verhalten der revolutionären Linken während des Januaraufstandes 1919 beschäftigt und vielleicht sogar die eigene Haltung und die ihrer Partei einer kritischen Analyse unterzogen. Doch die Mörder ließen ihr keine Zeit dafür.


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 15.01.2001