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Heft 2/1999 > Skrzypczak
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Gunter Krüschet, der langjährige verantwortliche Redakteur der IWK, ist am 16. September 1999 nach schwerer Krankheit verstorben. Der folgende Nachruf des Herausgebers der Zeitschrift ist in Heft 2/1999, S. 1 - 3, erschienen. Gunter Krüschet zum GedächtnisVon Henryk SkrzypczakRechtzeitig wahrgenommen hat es keiner von uns. Er selbst wiederum hat es lange nicht wahrhaben wollen, hat die alarmierenden Symptome zunächst verdrängt und später überspielt. Im Januar noch, auf dem Symposion der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft, das er organisatorisch betreute, war ihm nicht das mindeste anzumerken gewesen. Als sein Zustand sich dann vor der nächsten Umgebung nicht länger verbergen ließ, bedurfte es erst einer freundschaftlich-unnachgiebigen Intervention, um ihn endlich in die Obhut der Ärzte zu drängen. Ihre Diagnose war ein Schock für jeden von uns, die Prognose, zumal in den letzten Wochen, bedrückend. Und gerade deshalb bemühten wir Zuversicht. Mit der Robustheit seiner Natur - redeten wir uns ein, und seine Haltung bestärkte uns darin - würde er jede noch so radikale Therapie durchzustehen vermögen. Unsere Aufgabe war es dabei, ihm durch behutsamen Zuspruch über die eine und andere Stunde der Verzagtheit hinwegzuhelfen. Die letzte dieser Aufmunterungen - ein gemeinsamer Gruß, zum Ausklang der Linzer Konferenz abgesandt - sollte ihn nicht mehr erreichen. Am 16. September 1999 hatte Gunter Krüschet die Augen für immer geschlossen. Seine Wahlheimat war Berlin, sein Geburtsort der kulturelle und wirtschaftliche Mittelpunkt des Bergischen Landes. Dort, in Wuppertal, wurde er am 6. Februar 1941 geboren, das Großdeutsche Reich Adolf Hitlers schien noch dauerhaft auf Sieg abonniert. Das familiäre Milieu, in dem der Junge heranwuchs - der Vater Kraftfahrer in der Bauwirtschaft, die Mutter Fabrikarbeiterin in der Konfektion - blieb gegenüber dem Ungeist der Zeit resistent. Anarchosyndikalismus hieß das Losungswort, an dem die Eltern sich orientierten. Illegale Aktivitäten hatten dem Vater wegen "Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens" eine Zuchthausstrafe eingetragen, dem Onkel zudem noch eine mehrjährige Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach der frühen Prägung durch das Elternhaus erschlossen sich Gunter mit der Aufnahme in die Wuppertaler Rudolf-Steiner-Schule neue Horizonte. Für die Entscheidung, den Sohn einer anthroposophischen Lehranstalt anzuvertrauen, dürften weltanschauliche Gesichtspunkte ohne Belang gewesen sein. Ausschlaggebend war sicherlich ein anderes Moment: ein reformpädagogisches Konzept, das darauf abzielte, den Schülern über die Wissensvermittlung hinaus sinnvoll genutzte Freiräume zur Persönlichkeitsentfaltung zu bieten. Den Erwartungen der Eltern hat das Institut in vollem Maße entsprochen. Krüschet verdankte ihm jenen Fundus gediegener Kenntnisse, den er während des Wintersemesters 1961/62 in die Anfänge seines Universitätsstudiums einbringen konnte. Die Studienrichtung verstand sich inzwischen bei ihm von selbst. Wie die Epochen der neueren Geschichte im allgemeinen fesselten ihn insbesondere die Umbrüche und Katastrophen der jüngsten Vergangenheit. Diese Präferenz bewog ihn denn auch bei seinem Eintritt in die akademische Welt, Geschichte als Hauptfach zu wählen. Einer der Gründe, sein Studium an der Freien Universität Berlin aufzunehmen, war mit dem Namen Walther Hofers verknüpft. Hofer, zum Themenkreis Nationalsozialismus sein Mentor aus der Ferne, hatte ihn so fasziniert, daß er sich dem Schülerkreis des Schweizer Gelehrten anzuschließen gedachte. Deshalb war die Enttäuschung groß, als Hofer sich gerade damals für die Annahme eines Rufes in seine Heimat entschied. In dem jungen Gerhard A. Ritter, der mit seiner Studie über die Arbeiterbewegung im Wilhelminischen Reich einen weithin beachteten Maßstab gesetzt hatte, und in Georg Kotowski, dem Biographen Friedrich Eberts, fand Krüschet nun die ersten einer Reihe seiner herausragenden akademischen Lehrer. Von einer unbeschwerten Studentenzeit konnte bei ihm keine Rede sein. Sein Stipendium nach dem Honnefer Modell reichte mitsamt dem geringen Zuschuß, den die Eltern sich abzusparen vermochten, lediglich für die notwendigsten Tagesbedürfnisse. So blieb ihm zur Finanzierung dringender Sonderausgaben vorerst nur ein einziger Weg. Er mußte in den Semesterferien und manchmal auch während des Semesters "auf den Bau gehen" und auf Schrottplätzen "malochen". Unter derlei Umständen hätte es nahegelegen, sich jedes soziale und politische Engagement strikt zu verbieten. Krüschet hielt es anders - der Rückzug in den Elfenbeinturm reiner Wissenschaft kam für ihn nicht in Frage. Drei Semester hindurch opferte er einen wertvollen Teil seiner Zeit der Wahrnehmung studentischer Belange, wirkte als Vertreter der Philosophischen Fakultät im Zulassungsausschuß der FU und kreuzte in ihrem Disziplinarausschuß mit Roman Herzog, dem späteren Bundespräsidenten, die Klingen. 1967, es war die Zeit der anschwellenden Studentenbewegung, begegneten wir einander zum erstenmal. Der Eindruck, den ich von ihm in so mancher Gremiensitzung erhielt, war zwiespältig, unter dem Strich jedoch positiv. Was die aktuellen Streitfragen anbetraf, stand er mit nahezu beiden Beinen im anderen Lager. Doch im Unterschied zu nicht gerade wenigen der damaligen Wortführer zeichnete er sich durch eine natürliche Frische des Auftretens aus. Wo andere sich in Geschäftigkeit, Verbissenheit und mit taktischen Winkelzügen gefielen, warb er für seinen Standpunkt durch eine offene und ehrliche Art. Und mehr noch: Wo sich viele mit der Flexibilität ihrer Zunge begnügten, war er sich für die unentbehrliche Kleinarbeit niemals zu schade. Auf so einen wie ihn war Verlaß. Hieran erinnerte ich mich, als einige Jahre darauf eine redaktionelle Vakanz in der Historischen Kommission zu Berlin die Suche nach einem geeigneten Mitarbeiter erforderlich machte. Wir einigten uns schnell. Von der Zeitschrift "Archiv für Kommunalwissenschaften" des Kommunalwissenschaftlichen Forschungszentrums wechselte Krüschet 1970 zum "Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands" über. Landesgeschichte allerdings - er machte keinerlei Hehl daraus - war eher eine Sache des Verstandes für ihn, mit der er gewissenhaft umging, eine Sache des Herzens jedoch war sie ihm nicht. Was lag mithin näher, als ihm bei nächster sich bietender Gelegenheit eine Aufgabe innerhalb jenes Forschungsbereichs anzuvertrauen, dem jetzt seine Vorliebe gehörte: Geschichte der Arbeiterbewegung. 1972 trat Krüschet in die Redaktion der IWK ein, die fortan sein berufliches Leben bestimmte. Mit seinem Wechsel zur Forschungsstelle der Historischen Kommission materiell nun fester verankert, durfte er endlich wieder die Korrektur einer Entscheidung ins Auge fassen, zu der er sich 1968 hatte durchringen müssen. Familiäre Umstände im Verein mit seiner prekären wirtschaftlichen Lage hatten ihn damals zum Abbruch des Studiums bewogen. Ein Lehrauftrag, den er 1971 am Fachbereich Politische Wissenschaft des Otto-Suhr-Instituts übernahm und mit dem er auf höherer Ebene an seine Erfahrungen als studentischer Tutor am Friedrich-Meinecke-Institut anknüpfen konnte, eine kleine, aber gediegene Briefedition sowie ein weiterer Lehrauftrag an der FU waren jetzt untrügliche Anzeichen dafür, wie ernsthaft er sich um einen Neuanfang bemühte, der auf eine akademische Perspektive hinauslaufen sollte. Die Verhältnisse wollten es anders, und Gunter Krüschet trug die Mitverantwortung dafür. Zum einen war er schnell in die Rolle des verantwortlichen Redakteurs hineingewachsen, ein nicht zu übersehendes Faktum, dem 1974 auch offiziell Rechnung getragen wurde. Damit aber ruhte die Hauptlast einer Entwicklung auf ihm, in deren Verlauf die IWK aus einem sporadisch erscheinenden Newsletter zu einer Vierteljahrszeitschrift mit quantitativ und qualitativ fortgesetzt steigenden Ansprüchen wurde. Zusätzlich erschwerend kam hinzu, daß Krüschet nach seiner erneuten Wahl in den Betriebsrat dessen Vorsitz gerade zu einer Zeit übernahm, in der sich die Mitarbeiterzahl der Historischen Kommission stürmisch vermehrte. Dieser Wachstumsprozeß unter den schwierigen Bedingungen einer kreativen Mischfinanzierung verlangte den Beteiligten im Spannungsverhältnis von institutionellen Notwendigkeiten und Wahrung der Mitarbeiterinteressen ein Höchstmaß an Sensibilität und Kooperationswilligkeit ab. An beidem mangelte es Krüschet nicht, nur daß er mit steigender Tendenz in zeitliche Engpässe geriet. Lange bevor er sich auch noch das Ehrenamt eines Richters am Sozialgericht aufbürden ließ, war der Traum von einer gleichgewichtigen Verknüpfung redaktioneller und wissenschaftlicher Tätigkeitsfelder endgültig ausgeträumt. Das allerdings bedeutete keineswegs, daß Krüschet das Feld seiner Forschungsinteressen nunmehr hätte brachliegen lassen. Hiervor bewahrte ihn in Verbindung mit einem immensen Lektürebedürfnis schon der bibliographische Sektor seiner redaktionellen Aufgabenbereiche. Mit der Fachliteratur konkurrenzlos auf dem laufenden zu sein - diesen "Luxus" zumindest vermeinte er sich bei aller zeitlichen Bedrängnis denn doch gestatten zu dürfen. Die IWK, aber nicht nur sie, zog ihren Nutzen daraus. Krüschet, der sich sogar regelrechter Zumutungen von Fragestellern nur mit schlechtem Gewissen zu erwehren vermochte, war mit seinen Spezialkenntnissen als Ansprechpartner des wissenschaftlichen Nachwuchses gefragt, so wie er mit der zunehmenden Ausgewogenheit seines Urteils ein kompetenter Gesprächspartner ungezählter Fachkollegen des In- und Auslandes wurde. Beides fand in der IWK einen fruchtbaren Niederschlag. 1997, als wir das Jubiläum seines fünfundzwanzigjährigen Wirkens in der IWK-Redaktion begingen, konnte die Zueignung eines Aufsatzes nur ein "Kleiner Dank für eine große Leistung" sein. Heute, da es neben seinem Lebenswerk zugleich seine Persönlichkeit zu würdigen gilt, ist weit mehr angesagt. Gunter Krüschet werde ich als einen Menschen in Erinnerung behalten, der für mich weitaus mehr als nur ein in der Sache bewährter Mitarbeiter war. Er hat mich in so manchen Stunden des Selbstzweifels aufzurichten gewußt und hat in einigen meiner dunkelsten Zeiten mit unbeirrbarer Loyalität zu mir gestanden. Auch hierauf stützt sich mein Urteil, wenn ich seiner mit den Abschiedsworten gedenke: Mehr sein als scheinen - dieser preußische Imperativ ist auch heute nicht Schall und Rauch. Gunter Krüschet hat es vorgelebt. |
| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 15.01.2001 |