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Auszug aus: IWK, Heft 2/1999, S. 258 - 266 (ohne Anmerkungen)

Das gute Gewissen des Sozialismus?

Karl Kautsky in der wissenschaftlichen Literatur der letzten zehn Jahre

Von Till Schelz-Brandenburg

Die Forschung zur Geschichte der Arbeiterbewegung, in Sonderheit zu ihrer Theorie und Ideologie, hat in den letzten 25 Jahren zumindest in der Bundesrepublik eine sprunghafte Karriere hinter sich: Im Gefolge der Studentenbewegung und deren Wiederentdeckung von Marx sowie ziemlich aller Spielarten von Marxismus und Materialismus erlebte sie Anfang der siebziger Jahre einen wahren Boom. Ein gesamtes Marktsegment von Zeitschriften widmete sich der marxistischen Interpretation von Marx, der Entlarvung des Konkurrenten als Revisionisten - und manchmal auch der Wirklichkeit. Die Feuilletons großer, auch großbürgerlicher Zeitungen nahmen nicht nur die Publikationen zu diesem Thema wahr, sondern diskutierten eifrig die Gebrauchs- und die Tauschwertseite von Kunst und Kultur. Und die Universitäten begannen mit der Einrichtung von einschlägigen Lehrstühlen.

Heute, nicht einmal eine Generation später, ist von alledem kaum noch etwas zu entdecken außer jenem Lehrpersonal, das sich zu großen Teilen seiner Vergangenheit, der es immerhin die jetzige Reproduktion auf doch recht erweiterter Stufe verdankt, zu schämen scheint. Die Entwicklungen in der Sowjetunion, in Jugoslawien, China, Vietnam, Kuba etc. haben in der Historiographie, aber auch in den Kultur- und Literaturwissenschaften die Reaktion von enttäuschten Liebhabern zur Folge gehabt. Man wandte sich von der Geliebten, die die eigene Eitelkeit zu befriedigen nicht mehr in der Lage war, vorwurfsvoll ab und ergab sich raffinierteren Beziehungen. So erleben wir die eigentümliche Situation, daß die ehemals eifrigen Vertreter - und Publizisten - der Geschichte des Sozialismus diese Leidenschaft zur Jugendsünde erklären. Diese Haltung wird oft damit begründet, daß die Arbeiterbewegung und der Sozialismus am Ende seien - eine für Historiker erstaunliche Kausalverbindung, die natürlich die Legitimität von historischer Forschung überhaupt in Frage stellt, aber gleichzeitig darauf hinweist, daß die einstige üppige Blüte genau dem Motiv geschuldet ist, das diese heute so verdorrt erscheinen läßt: damals wie heute wurde der Mode gefolgt. Wenn die Neuausschreibung des ersten bundesrepublikanischen Lehrstuhls für die Geschichte der Arbeiterbewegung an der Universität Bremen jenen Begriff in den verquast-inhaltsleeren Ausdruck der "Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" auflöst, dann dokumentiert das eindrücklich die Entwicklung dieses Forschungsgegenstands vom Hit zu einer randständigen Disziplin.

Nun hat es Moden in der Historiographie neuerer Zeit immer gegeben - und die Steuerungs- und Lenkungsfunktion nicht zuletzt der Drittmittelgeber sind dabei nicht zu unterschätzen. Häufig genug werden damit ja nicht bestehende Forschungsschwerpunkte gefördert, sondern erst auf ihre Antragsfähigkeit hin kreiert. Das Spezifische und Eigentümliche im Fall der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus ist aber, daß die Abwendung von diesem Gebiet mit einer angeblich dem Gegenstand inhärenten "überholten" Methodik bzw. gleich mit der Behauptung begründet wird, hier sei alles erforscht. Auf eine solche Idee sind bis heute nicht einmal die Bismarckspezialisten für ihr Gebiet gekommen. Doch verweisen solche Begründungen auf das ideologische Verhältnis vieler Wissenschaftler eben nicht nur in der DDR zu ihrem Exgegenstand - sie waren oft Beteiligte jener interpretatorischen Schlachten, in denen es um die Meinungsführerschaft in aktuellen politischen Auseinandersetzungen ging, vor allem aber um die historische Legitimation, Erbe der Traditionen der Arbeiterbewegung zu sein. Daher bestimmte häufig nicht die neugierige Frage, sondern ein ideologischer Auftrag die Forschungsarbeiten, und es dürften sich nur wenige von Engels' Lob für Kautskys Untersuchung über die Bergarbeiter in Thüringen angesprochen fühlen, es handele sich hierbei um "die entscheidenden Punkte erschöpfendes Studium, nicht [...] auf Bestätigung einer vorgefaßten Meinung gerichtet".

Genau hier aber liegt auch die heutige große Chance, die Arbeiterbewegung tatsächlich wissenschaftlich zu erforschen. Die Zwänge zur Legitimation existieren nicht mehr, so daß nunmehr die Gelegenheit gegeben ist, die Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus als Forschungsgegenstand und nicht als affirmativ hoch aufgeladenes politisch-ideologisches Exerzierfeld anzusehen. Die Wissenschaft von der Geschichte beginnt eben erst jenseits der Moden.

So lassen sich jetzt zentrale Fragen wie die nach Kohärenz, Prägekraft und Vorbildfunktion der ersten säkularen gesellschaftlichen Großorganisationen der Neuzeit, der sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften nämlich, ganz anders stellen und erforschen. Und ganz sicher gehört auch die Beurteilung herausragender Persönlichkeiten dieser Organisationen zu jenen Themen, die zu bearbeiten sind.

[...]

Will man sich nicht auf Schlagworte wie "Janusköpfigkeit" einlassen, die bestenfalls bebildern, aber nicht erklären, so kreisen die neuesten Forschungen zum Thema Kautsky eigentlich einen recht simplen Sachverhalt ein, der aber mangels kulturhistorischer Forschung insbesondere zur Geschichte des deutschen Kapitalismus noch nicht ausreichend dingfest gemacht worden ist: daß nämlich die Theoretiker des Sozialismus jenseits aller Lager- und Milieutheorien viel stärker mit dem intellektuellen Alltagsbewußtsein verbunden waren, vielleicht läßt sich sogar sagen: teilhatten an klassenübergreifender Ideologiebildung, als dies bisher wahrgenommen wurde. Ob es sich um den spontanen Antikapitalismus handelt, den Franz Mehring dem Antisemitismus zubilligte, ob es sich um die Überlegungen zur Rassenhygiene handelt, mit der Kautsky seine marxistische Kritik am Malthusianismus beschließt oder um das Mißtrauen gegen die Roheit und Verführbarkeit der Massen, das Eduard Bernstein bewegte - das sozialistische intellektuelle Milieu hat so manche ideologischen Versatzstücke der Bürgerlichkeit in sein Weltbild implementiert. Und dabei muß die Frage gestellt werden, ob und inwieweit gerade dies zum jahrzehntelangen Zusammenhalt der sozialdemokratischen Großorganisationen beitrug, denn es dürfte inzwischen klar sein, daß nicht die Fraktionierungen nach 1914, sondern die organisatorische Einheitlichkeit bis dahin das eigentlich Bemerkenswerte - und auch weitgehend singuläre - der Geschichte des Sozialismus vor dem Ersten Weltkrieg ist. Daß das wissenschaftliche Interesse an Karl Kautsky daher nicht erschöpft ist, sondern virulenter wird, sollte keine allzu gewagte Prognose sein, und es steht zu vermuten, daß diese Forschungen um so fruchtbarer sein werden, je mehr sie diese Persönlichkeit nicht als Propheten, sondern als Seismographen eines Sozialismus verstehen, der seinerseits nicht versammeltes, zeitloses Gutmenschtum, sondern historisch-konkrete Strömung war und ist.


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