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Auszug aus: IWK, Heft 3/1999, S. 362 - 373 (ohne Anmerkungen)

Labor history in Nordamerika

Eine Zustandsbeschreibung

Von Gerd-Rainer Horn

Seit mehr als einem Dutzend Jahren mehren sich Tagungen und Publikationen, die sich mit dem Zustand der Geschichtsschreibung über Arbeiter und Arbeiterbewegungen befassen. Ihr Befund schwankt regelmäßig zwischen den beiden Polen Krise und Stagnation. [...]

Mit ihrer Behendigkeit ist diese in den neunziger Jahren um sich greifende Selbstkritik kennzeichnend für nahezu all jene Länder geworden, in denen Geschichte der Arbeit und der Arbeiterbewegung während der siebziger und achtziger Jahre den Stellenwert fast schon einer Modeströmung errang. Nirgends jedoch scheint die dem Paradigmawechsel zugrundeliegende Ernüchterung, ja Katerstimmung weiter fortgeschritten zu sein als in den Vereinigten Staaten von Amerika. Labor history - das war dort in den siebziger Jahren zu einem verlockenden Trend geworden, von dem sich auch die herausragendsten Köpfe einer ganzen Generation von Doktoranden in den Bann ziehen ließen. Aus Doktoranden wurden Professoren und aus Dissertationen Bücher. Auf dem akademischen Stellenmarkt waren Forschungsthemen im Bereich der labor history während der achtziger Jahre zwar nicht gerade die großen Renner, ein Plus bei der Jobsuche blieben Schwerpunkte im Bezugsrahmen der Arbeitergeschichtsschreibung häufig aber doch - und das von Maine bis Kalifornien und von Seattle bis Key West.

Spätestens in den frühen neunziger Jahren indessen mutierte dieser boom zum bust. Professorenstellen an Universitäten, deren Ausschreibungstext Kenntnisse in labor history verlangt, sind zu Raritäten geworden. Gender, race und ethnic sowie cultural studies haben labor und class in den Hintergrund verdrängt. Dabei offenbart die Lage auf dem Stellenmarkt nur die vielleicht dramatischste Seite des Symptoms. Der Büchermarkt spiegelt ähnliche Vorgänge in den Lektoraten und Publikationsreihen großer Verlage wider. Während in den achtziger Jahren jede einigermaßen gut sortierte Buchhandlung über eine besondere Abteilung für labor history verfügte, sind diese Regale derzeit vorwiegend den gender studies oder cultural studies vorbehalten. Wie kam es zu dieser Situation? Gehört Arbeitergeschichtsschreibung in Amerika der Vergangenheit an? Ist der neueste Trend auf dem Stellen- und Büchermarkt Ergebnis einer fundamentalen Krise dieser Disziplin? Hat labor history sich in der Tat überlebt?

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In der Tat erschienen vor allem während der letzten Jahre innerhalb der amerikanischen Arbeitergeschichtsschreibung eine Vielzahl von Untersuchungen, die hauptsächlich als Lückenfüller dienten und nur selten Denkanstöße für weiterführende Studien zu geben vermochten. Allein schon durch einen Blick in das Inhaltsverzeichnis der wichtigsten Zeitschrift für Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Labor History, sieht sich dieser Eindruck bestätigt. Ob das Wissen über "Unionisation of Tomato Field Workers in Northwest Ohio, 1967 - 1969" oder den Übergang "From Craft to Industrial Unionism in the Window-Glass Industry: Clarksburg, West Virginia, 1900 - 1937" wirklich neue Dimensionen der Sozialgeschichte erschließt, läßt sich wohl bezweifeln. Freilich darf man nicht in den Fehler verfallen, amerikanische Arbeitergeschichtsschreibung an ihren schwächeren Publikationen zu messen, die sicherlich einen Großteil der Veröffentlichungen bilden. Ein Blick in manche der qualitativ hervorstechenden Beiträge der letzten Jahre zeigt, daß labor history in den USA weit davon entfernt ist, sich überlebt zu haben. Zwar finden in der Tat die meisten methodischen Erneuerungen im Gegensatz zu den sechziger und siebziger Jahren nicht mehr im Bereich der Arbeitergeschichtsforschung statt, doch die amerikanische labor history vermochte es bisher, diese in anderen Forschungsgebieten konzipierten Neuerungen kreativ zu adaptieren und in hochinteressante Studien umzusetzen. Es läßt sich sogar behaupten, daß die Attraktivität mancher der neuesten methodischen Errungenschaften gerade in der gelungenen Verflechtung mit bestehenden Ansätzen der Geschichtsforschung (hier eben der Arbeitergeschichtsforschung) besteht.

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Wenn es denn einen erfolgversprechenden Trend in der neuesten amerikanischen Arbeitergeschichtsschreibung gibt, ist dies nicht die Proklamierung einer Art Wunderwaffe, sondern die zunehmende Offenheit für neue thematische oder methodische Zusammenhänge, Pluralismus also. Damit ist selbstverständlich nicht die Verwässerung kritischer Perspektiven gemeint, sondern die bewußte Öffnung gegenüber erprobten wie innovativen Forschungsansätzen innerhalb der Geschichtswissenschaft und benachbarter Disziplinen.

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Diese meist trübsinnige Nabelschau darf allerdings, wie der vorliegende Überblick angedeutet hat, nur bedingt als gerechtfertigt gelten. Natürlich gibt es viele Beispiele für mehr oder weniger entbehrliche Nachahmungen der großen Vorbilder. Doch eine solche Entwicklung kennzeichnet nun einmal alle erfolgreichen Forschungsansätze, und das beileibe nicht nur in der Geschichtswissenschaft. Hält man sich an die herausragenden Ergebnisse der Forschung - und nur sie haben als adäquate Gradmesser der Vitalität oder Stagnation eines Forschungszweiges zu gelten -, dann kann nur eines das Fazit sein: daß Vielfalt und Gewicht der Resultate von einer erheblichen Erweiterung und Vertiefung der Problemlage zeugen. Labor history verändert sich. Und das ist gut so. Um eine finale Krise aber handelt es sich nicht.


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 15.01.2001