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Auszug aus: IWK, Heft 3/1999, S. 327 - 348 (ohne Anmerkungen) Ethischer Sozialismus vor 1890Der Arzt und Sozialdemokrat Carl Boruttau (1837 - 1873)Von Sebastian PrüferNach dem Zusammenbruch jener politischen Systeme, die sich - wohl überwiegend zu Unrecht - auf den "wissenschaftlichen" marxistischen Sozialismus als theoretisches Fundament ihrer Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftslehre beriefen, ist seit Ende der 1980er Jahre mit dem Begriff des "demokratischen Sozialismus" auch die Tradition des "ethischen Sozialismus" zu neuen Ehren gekommen. Zumeist wird diese Tradition auf die Revisionismusdebatte Ende des 19. Jahrhunderts zurückgeführt, seltener auf frühere Theoretiker wie Friedrich Albert Lange (1828 - 1875) oder Karl Höchberg (1853 - 1885) verwiesen. Dieser frühe ethisch begründete Sozialismus grenzte sich von einem marxistischen Sozialismus ab, dem Tendenzen zum Ökonomismus und zum Geschichtsdeterminismus vorgeworfen wurden. "Daß die Verwirklichung des sozialistischen Ideals eng an die Voraussetzungen konkreter ökonomischer und politischer Art gebunden ist, wird nicht bestritten; bestritten wird lediglich die These, der Sozialismus ergäbe sich als künftiger Gesellschaftsstatus mit einer der naturgesetzlichen Notwendigkeit analogen Zwangsläufigkeit innerhalb eines krisenhaften Prozesses revolutionärer Erschütterungen. Sollte die angestrebte Gesellschaft ethisch gerechtfertigt sein, mußten ihre Prinzipien abgeleitet sein aus dem 'Bewußtsein von der gleichen und gemeinsamen Würde aller Menschen' (Lange)." Auf den sog. utopischen Sozialismus der Franzosen und Wilhelm Weitlings wird in diesem Zusammenhang eher selten verwiesen, noch seltener aber auf jenen frühen innerparteilichen "ethischen Sozialismus", der sich aus der Kritik von Kirchen und Religion speiste, ohne einem "Atheismus sans phrase" zu huldigen. An einen heute vergessenen Vertreter dieser in der frühen Sozialdemokratie keineswegs völlig randständigen sozialistischen Option, den Arzt und Sozialdemokraten Carl Boruttau, soll hier erinnert werden. [...] Carl Boruttau zählte zu den Pionieren eines "ethischen Sozialismus", der sich von freireligiösen Vorstellungen gelöst hatte, aber weder die "religiöse Frage" völlig leugnete noch einem Atheismus sans phrase huldigte. Der - häufig noch freidenkerisch orientierte, bisweilen auch etwas naive - gedankliche Faden von Parteiintellektuellen wie Bruno Geiser, Albert Dulk (1819 - 1884), Jacob Stern (1843 - 1911) und Carl Boruttau wurde auf höherem Niveau in den 1890er Jahren von Eduard Bernstein und anderen wieder aufgenommen. Bis auf den heutigen Tag wird er - befreit von den zeitgebundenen kirchen- und religionskritischen Spitzen - weitergesponnen: Grund genug, sich eines der unbekannten Väter dieser Tradition zu erinnern. |
| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 15.01.2001 |