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Auszug aus: IWK, Heft 3/1999, S. 374 - S. 387 (ohne Anmerkungen)

Gewalt und Terror in kommunistischen Diktaturen

Von Hermann Weber

Nach der (teilweisen) Öffnung der Archive in früheren kommunistischen Diktaturen haben Forschungen zur Geschichte des Kommunismus "Hochkonjunktur". Vor allem zur Entwicklung der DDR gibt es in den letzten Jahren geradezu eine Flut von Veröffentlichungen. Zunehmend rückt in der gegenwärtigen Debatte über den Kommunismus im 20. Jahrhundert indes die Rolle von Gewalt und Terror in den Mittelpunkt des Interesses. Mit dem Terror und seinem Stellenwert in den kommunistischen Systemen beschäftigten sich ausführlich die Medien. Ausgangs- und Höhepunkt dieser Diskussion war das "Schwarzbuch des Kommunismus", das 1997 in Paris erschien und nicht nur in Frankreich für Schlagzeilen sorgte. Hier zeigte sich rasch, daß es weniger um eine wissenschaftliche als vielmehr um eine politische Auseinandersetzung, nämlich "Abrechnung" einerseits und "Rechtfertigung" andererseits, ging.

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Die Bedeutung des Schwarzbuches liegt in der dramatischen Beschreibung der Folgen des kommunistischen Terrors, der ungeheuerlichen Opferzahlen. Gerade die "einseitige" Sicht des Schwarzbuches auf den - früher nicht selten verharmlosten - Terror und die Opfer scheint berechtigt. Allerdings heißt dies nicht, daß die Wissenschaft diese Thematik ausgeklammert hätte, wie fälschlich behauptet wurde [...].

Denn die Wissenschaft hat längst über die kommunistischen Systeme mit deren terroristischen Methoden differenzierter berichtet (etwa Andicz, Brzezinski, Conquest, Daniels, Deutscher, Hodos, Lewytzkyi, Medwedew, Schapiro oder Reiman). Im Schwarzbuch werden hingegen die Rahmenbedingungen von Gewalt und Terror ebenso vernachlässigt wie Veränderungen kommunistischer Systeme; es stört dessen monokausale Betrachtung. Der im Schwarzbuch unternommene Versuch, den Terror anhand der Opfer kommunistischer Regime weltweit zu eruieren und darzustellen, um den Kommunismus als kriminelles System zu definieren und den Terror weitgehend auf die kommunistische Ideologie zurückzuführen, ist nicht überzeugend. Wissenschaftlich umstritten bleibt die Addition von Opfern in unterschiedlichen Regionen. Die historische und geographische Heterogenität des Kommunismus wurde verwischt. Außerdem ist der ungleiche Forschungsstand in einzelnen Ländern wie auch der mögliche Zugang zu den Archiven bei der Generalisierung des Terrors nicht berücksichtigt worden. Schließlich überlagern politische Bewertungen die angesprochenen Grundprobleme des Terrors.

Die Schlußfolgerung aus den bisherigen Forschungen und den gegenwärtigen Diskussionen um die Rolle des Terrors, der gewaltsamen Unterdrückung und Verfolgung im Kommunismus scheint indes eindeutig: Terror war kommunistischen Diktaturen, insbesondere dem Stalinismus, immanent.

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Bereits im Leninschen Kommunismus liefen einige Konzeptionen auf den Terror hinaus. Die Vorstellung, durch Gewalt eine andere Gesellschaft herbeiführen zu können, die Ablehnung jeden Pluralismus, des Rechtsstaates und individueller Rechte, das Freund-Feind-Schema usw., nicht zuletzt aber auch die Anwendung der Gewalt als wesentliches Mittel zum Machterhalt schufen im Leninismus die Grundlage für den Terrorismus. Im Stalinismus jedoch dirigierte die absolutistische Führung den Ausbau des Polizeistaats, sie bestimmte allein über den Terror. Da mit der Stalinisierung im Kommunismus alle humanistischen Werte verschwanden, erhielten die Machtsicherung und die Anwendung willkürlicher Repressalien eine spezielle Bedeutung. Von den traditionellen Ideen der Arbeiterbewegung, dem Ziel einer besseren Gesellschaft, blieb nur noch Propaganda übrig, letztlich wurde Machterhalt zum Selbstzweck, und der Terror bekam eine neue "Qualität". Diese Entwicklung geht aus dem Schwarzbuch nicht hervor. Das Addieren der horrenden Opferzahlen allein kann eben die Analyse nicht ersetzen. Dies ist besonders deswegen zu bemängeln, weil der Forschungsstand zu dieser Thematik längst weiter entwickelt war.

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Das Schwarzbuch hat die Diskussion erneut angeregt. Es enthält neben einzelnen gediegenen Beiträgen sowie den nicht zu bezweifelnden unfaßbaren Opferzahlen kommunistischer Regime aber auch propagandistische Aussagen. Das gilt für die schwache Einleitung von Courtois, durch die sich die Debatte verschärfte, weil er von 100 Millionen Opfern "des" Kommunismus und "nur" 25 Millionen Opfern der NS-Barbarei geschrieben hat und dabei "Rassengenozid" und "Klassengenozid" gegenüberstellte. Das hat in der Öffentlichkeit etlichen Wirbel verursacht. Wegen fragwürdiger Überspitzungen, Vorurteilen bei Bewertungen des Terrors, vor allem aber einer Überbetonung der Ideologie ist das Schwarzbuch für die notwendige Erforschung des Kommunismus und des Terrors wenig hilfreich.

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Meist ausgeblendet wird bei den Diskussionen über Gewalt und Terror im Kommunismus nämlich, daß dieser nicht nur ein spezifisches Herrschaftssystem war, sondern auch eine radikale soziale Bewegung. Nur die Analyse auch der politischen kommunistischen Organisationen macht verständlich, wie aus einer radikalen sozialen Bewegung terroristische Regime hervorgehen konnten.

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Die Kommunisten beanspruchten, im Besitz einer absoluten "historischen Wahrheit" zu sein, sie hatten danach "immer recht". Für kommunistische "Kämpfer" galt es, im "Klassen-Weltkrieg" strikte, fast militärische Disziplin zu wahren. Daraus ergaben sich totalitäre Strukturen innerhalb der Organisation, erfolgte die Umwandlung einer breiten Bewegung in zentralistisch-diktatorische Parteien mit strengen "Ordens"-Regeln. Die Ideologie brauchte und vermittelte immer ein Feindbild. Dies verlangte die Bereitschaft, den Feind mit Gewalt zu bekämpfen.

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Erforderlich ist daher, an der Unterscheidung zwischen dem Kommunismus als radikal-sozialer Bewegung einerseits und den kommunistischen Gewaltregimen andererseits festzuhalten. Denn die kommunistischen Parteien waren auch eine "Antwort" auf den Kapitalismus und insbesondere den Ersten Weltkrieg.

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So bleibt für die Wissenschaft generell festzuhalten, daß Gewalt und Terror dem Kommunismus immanent waren. Sie spielten in den einzelnen Phasen und den verschiedenen Ausformungen des Kommunismus in Europa oder Asien aber eine unterschiedliche Rolle. Falsch ist zudem, den Kommunismus auf Terror zu reduzieren. Offensichtlich erweist sich der Kommunismus als eine Abstraktion. Der Terror war allerdings Realität.

Dies hat die Wissenschaft zu berücksichtigen. Schließlich dienen ihre Analysen der Versachlichung, denn sie tragen dazu bei, daß Legendenbildung wie Verdrängung keine Chance haben. Fundiertes Wissen hilft, damit Geschichtsaufarbeitung nicht ins Emotionale abgleitet oder gar als politisches Instrument benutzt wird. Terror und Gewalt in der Geschichte des Kommunismus sind daher genau zu untersuchen und differenziert zu behandeln.


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 15.01.2001