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Auszug aus: IWK, Heft 1/2000, S. 12 - 28 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

Ein Linkssozialist und "Sturmvogel" als internationaler Gewerkschaftssekretär

Edo Fimmen in der Internationalen Transportarbeiterföderation (1919 - 1942)

Von Sigrid Koch-Baumgarten

Der Name Edo Fimmen sagt der zeitgenössischen politischen Öffentlichkeit nichts mehr. Selbst in den Gewerkschaften ist Fimmen außerhalb der ITF kaum bekannt. Gleichwohl war er eine der herausragenden Persönlichkeiten der internationalen Gewerkschaftsbewegung der Zwischenkriegsjahre, der als Generalsekretär des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB, 1919 - 1923) und insbesondere der Internationalen Transportarbeiterföderation (ITF, 1919 - 1942) bekannt wurde. Deren Zwischenkriegsentwicklung prägte er so maßgeblich, daß diese historische Phase im Selbstverständnis des Transportarbeitersekretariats bis heute als die "Ära Fimmen" gilt.

Fimmen war eine kontroverse Persönlichkeit, als Repräsentant des Linkssozialismus mit Wurzeln im Anarchosyndikalismus und im Protestantismus ein eher ungewöhnlicher internationaler Gewerkschaftsfunktionär, der so gar nicht zum Klischee eines Gewerkschafters der Zwischenkriegsjahre paßt. Er selbst sah sich als "Sturmvogel" in einer Zeit, als etwa deutsche Gewerkschaftseliten für sich ganz andere Stilisierungen gefunden hatten: sie charakterisierten sich als Gewerkschaftsbeamte - gleichwohl mit proletarischer Gestalt, mit schweren Händen, breiten Schultern und mit von Arbeit und Sorgen gezeichneten Gesichtern. Betont wurde ihre verantwortungsreiche Stellung als Persönlichkeiten von internationaler Autorität. Sie sahen sich als nüchterne Sachkenner, Spezialisten, als Pragmatiker. Sie verstanden sich als "versöhnende Vermittler und Unterhändler" in institutionalisierten industriellen Beziehungen, charakterisierten sich selbst als Personen mit "ruhiger Überlegenheit", mit überlegener Willens- und Entschlußkraft - als "Männer von Stahl, von unbeugsamer Energie und von jener goldenen Rücksichtslosigkeit, die für ein gigantisches Ringen der Arbeiterklasse in schweren Zeiten notwendig war".

Fimmen ist zwar in Nachrufen nach seinem Tod 1942 in ähnlicher Weise zu einem Heroen, zu einem Giganten der Bewegung stilisiert worden. Aber gleichzeitig scheinen andere Bilder auf, die einen atypischen Gewerkschaftsfunktionär erkennen lassen: einen Romantiker, einen Aktivisten, einen Abenteurer, der im Gegensatz zum korrekten Gewerkschaftsbeamten auch den Tabubruch oder unkonventionelles Handeln nicht scheute. So gehörte Fimmen zu jenen Gewerkschaftern, die mit den Geheimdiensten der alliierten Nationen im Kampf gegen den Nationalsozialismus kooperierten - für viele Linke seiner Zeit eher Ausdruck von "Klassenverrat" als legitimes Mittel des Widerstands. Er blieb auch als Gewerkschafter - in den Worten des langjährigen ITF-Präsidenten Charles Lindley - "a man of very radical ideas". Er galt als "jolly street boy", als "typical big boy of the streets". Fimmen als ITF-Generalsekretär, so erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter, "sometimes go[es] for a walk in town with a flower in his buttonhole". Das läßt sich zwar offiziellen Quellen nicht entnehmen, aber in ITF-Kreisen wird noch heute schmunzelnd darüber berichtet, daß Edo Fimmen im Ruf stand, ein Frauenheld zu sein.

Fimmen war also eine recht schillernde Persönlichkeit, in Habitus und politischen Einstellungen abweichend vom Stereotyp sowohl des (klassischen) proletarischen Kämpfers als auch des (modernen) Interessenrepräsentanten und gewerkschaftlichen Staatsmannes. Er selbst sah sich (auf dem ITF-Weltkongreß 1924) im Konflikt zwischen "Person" und "Amt": als Person ein "Sturmvogel", wo doch das Amt eine "Beamtenseele" erfordere. Aus diesem Widerspruch zwischen der Person Fimmens, seinen politischen Ideen und den Erfordernissen des Amtes als Gewerkschaftssekretär erwuchs allerdings eine sehr produktive Spannung, die nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, aus der Internationalen Transportarbeiterföderation der Zwischenkriegsjahre eine der führenden und wichtigsten Gewerkschaftsinternationalen dieser Zeit zu machen, die verantwortlich zeichnete für einige der spektakulärsten Aktionen des Gewerkschaftsinternationalismus dieser Jahre. [...]


Bisher in der IWK zur Geschichte der Internationalen Transportarbeiterföderation erschienene Beiträge:

  • Sigrid Koch-Baumgarten: Spionage für Mitbestimmung. Die Kooperation der Internationalen Transportarbeiter-Föderation mit alliierten Geheimdiensten im Zweiten Weltkrieg als korporatistisches Tauscharrangement, in: Jg. 33 (1997), H. 3, S. 361 [Heft bestellen]
  • Sigrid Koch-Baumgarten: Geschichte der Internationalen Transportarbeiterföderation 1896 - 1996. Ein gewerkschaftlich-wissenschaftliches Kooperationsprojekt, in: Jg. 30 (1994), H. 2, S. 273 [Heft bestellen]
  • Dieter Nelles: Ungleiche Partner. Die Zusammenarbeit der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) mit den westalliierten Nachrichtendiensten 1938 - 1945, in: Jg. 30 (1994), H. 4, S. 534 [Heft bestellen]

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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 15.01.2001