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Auszug aus: IWK, Heft 1/2000, S. 34 - 61 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen] Der Fall Werner HirschVom KZ Oranienburg in die Moskauer LubjankaVon Reinhard MüllerIn mehreren NKWD-Anklageschriften wie in erfolterten und vorgefertigten "Verhörprotokollen" (z. B. Karl Radek, Elsa und Hermann Taubenberger) wurden 1936/37 sowohl der frühere Chefredakteur der Berliner "Roten Fahne" Werner Hirsch wie auch der ehemalige KPD-Reichstagsabgeordnete Willi Budich beschuldigt, Teilnehmer einer angeblich 1933 von Erich Wollenberg und Max Hoelz geschaffenen "konterrevolutionären, trotzkistischen Terrororganisation" gewesen zu sein. Die Biographien von Werner Hirsch und Willi Budich besaßen Gemeinsamkeiten, die beide KPD-Funktionäre in den Moskauer Inquisitionsverfahren für die Kominterninstanzen und das NKWD verdächtig machten: ihre Verhaftung 1933 in Berlin, Folter und Entlassung aus Konzentrationslagern in Deutschland, Flucht und Emigration nach Moskau über Prag, ihre "Verbindungen" zu Zenzl Mühsam und zu Erich Wollenberg. Ihr Aufstieg in der Parteihierarchie und ihr Fall im Moskauer Exil illustrieren exemplarisch jenen permanenten Verdacht, mit dem aus dem KZ entlassene KPD-Funktionäre als potentielle "Spione", "Terroristen", "Diversanten" und "trotzkistische Gestapoagenten" nach ihrer Ankunft im scheinbar rettenden Vaterland aller Werktätigen überzogen worden. Auch Werner Hirsch gehörte zu den Moskauer Politemigranten, über die bereits vor ihrer späteren Verhaftung sowohl in der Kaderabteilung der Komintern wie im NKWD "ernsthafte Materialien", d. h. belastende Dossiers, angelegt worden waren. Erst mit der Synopse von "Kaderakten" der Komintern, von Protokollen der Internationalen Kontrollkommission der Kommunistischen Internationale (IKK) und von NKWD-Untersuchungsakten läßt sich diese bürokratisch organisierte Verfolgungslogik des stalinistischen Terrors, die politische "Amtshilfe" von KPD-Funktionären und Kominterninstanzen für die NKWD-Organe dechiffrieren. Dies gilt zumindest für jene "Politemigranten", die von der Kaderabteilung als "schlechte Elemente" in Listen erfaßt, als "Trotzkisten" oder/und "Rechte" durch "Auskunftsberichte" oder durch Meldungen von parteiamtlichen und individuellen Zuträgern an die 3. Abteilung des NKWD in der Lubjanka vermeldet wurden. Erst mit dem NKWD-Befehl Nr. 00439, der sich im Rahmen der "nationalen Operationen" auch gegen deutsche Staatsbürger und deutsche Politemigranten mit russischer Staatsbürgerschaft richtete, wurden in vielen Fällen die Verhaftungen von "Politemigranten" nicht mehr durch die Vor- und Zuarbeit von Komintern- und KPD-Instanzen präformiert. [...] Im "Fall" von Werner Hirsch, den das NKWD 1936 der "Wollenberg-Hoelz-Organisation" zurechnete, ist eine spravka (Dossier) des NKWD überliefert, in der zahlreiche, durch die Kaderabteilung und die KPD-Untersuchungskommissionen gesammelte Informationen für die Verhaftung und die folgenden Verhöre aufbereitet wurden. Dieses NKWD-Dossier über Werner Hirsch stützte sich auf die ausführlichen Berichte einer "Quelle" in der Komintern, die durch das NKWD als "Agentur" unter dem Namen "Doppelgänger" geführt wurde. In der nicht datierten "Auskunft", die vor der Verhaftung Werner Hirschs zusammengestellt worden war, verarbeitete ein NKWD-Mitarbeiter den detaillierten Bericht der KPD-Kommission vom 16. November 1935, den Bericht Herbert Wehners vom 9. April 1935 zur "Angelegenheit Werner Hirsch" und eine Ergänzung der Kaderreferentin Grete Wilde vom 21. Dezember 1935. Für den Generalsekretär Dimitroff verfaßte der stellvertretende Leiter der Kaderabteilung Cernomordik am 2. Juli 1936 eine weitere kurze Zusammenfassung des "Falles" von Werner Hirsch, der inzwischen "langwierigen Charakter" annehme. Grete Wilde, Referentin in der Kaderabteilung, die die "Untersuchungen" sowohl zu Kippenberger wie auch zu Hirsch durchführte, erstellte am 20. Juni 1936 für den Generalsekretär Dimitroff bereits eine "Kurze Darstellung der Angelegenheit Werner Hirsch". Am 26. September 1936 verfaßte Grete Wilde einen weiteren Kurzbericht zu Werner Hirsch, in dem am Schluß mehrere Details und "Verbindungen" vermerkt sind, die in der NKWD-Information über Werner Hirsch erneut auftauchen: "Werner Hirsch nahm enge Verbindung zu Zensl Mühsam auf, die in Prag weilte und die in enger Verbindung mit Erich Wollenberg stand. Auch nach seiner Ankunft in der SU [Sowjetunion] hielt er die Verbindung zu ihr aufrecht und führte einen parteifeindlichen Briefwechsel mit ihr. Während der Anwesenheit Zensl Mühsams in Moskau hatte er enge Verbindung zu ihr. Ins Ausland schickte er von Moskau Briefe mit chemischer Tinte, Inhalt nicht bekannt. Einer mit Intourist angekommenen Ilse Wollenberg, die von der Komintern abgelehnt wurde, gab er zwecks Legitimierung sein Bild mit Unterschrift mit. Für wen die Legitimierung bestimmt war, ist bisher unbekannt. Ilse Wollenberg soll eine Verwandte von Erich Wollenberg sein. In Moskau hatte er enge Verbindung zu David. Im September 1936 stellte er an das Politbüro den Antrag auf Ausreise nach Paris als freier Schriftsteller, der abgelehnt wurde." Über Werner Hirsch kursierten bereits vor 1933 in der KPD-Führung zahlreiche Gerüchte und Dossiers, in denen Hirsch verdächtigt wurde, daß er als "Spitzel" für die Reichswehr tätig sei, ein Vorwurf, der durch mehrere "Berichte" Hans Kippenbergers seit 1934 in Moskau immer wieder kolportiert wurde und den das NKWD aufgriff. Auch im Falle von Werner Hirsch weitete sich zusehends der "immer unerträglicher werdende Klatsch" zur "Angelegenheit Werner Hirsch" aus. Herbert Wehner beschrieb aus eigener Erfahrung diese von Intrige, Gerücht und Denunziation geprägte Moskauer Atmosphäre, die von früheren Fraktionskämpfen und von der drohenden Verhaftung überlagert wurde: "Angeberei, Provokation, feiges Abschieben eigener Versehen auf andere wucherten in dieser krankhaften Atmosphäre." Bereits nach Hirschs Entlassung aus dem KZ lieferte vor allem der "M-Apparat" Hans Kippenbergers weitere "Meldungen" an die Moskauer Kaderabteilung, und Hirsch wußte selbst, daß über ihn "in allen Zentren unserer Emigration eine Unmenge von diskreditierenden Gerüchten kolportiert" wurde. Durch Kippenberger wurde 1935 vor der "Brüsseler Konferenz" der KPD das "fraktionelle Ammenmärchen" verbreitet, daß Werner Hirsch der "Sammelpunkt der Unzufriedenen" in der KPD sei. Nach der Verhaftung von Werner Hirsch am 4. November 1936 lieferte die Kaderabteilung mehrere ergänzende Meldungen an die NKWD-Offziere Poljacek und Kornilev, die auch selbst Anfragen an die Kaderabteilung zu Werner Hirsch richteten. So wurde z. B. eine Meldung von Willi Koska am 26. November 1936 an den "Gen. Kornilev" weitergegeben, in der dreizehn deutsche Politemigranten genannt wurden, die "Verbindung" zu Werner Hirsch unterhalten hätten. Bei diesem Informationstransfer wurde stets der Instanzenweg zwischen Komintern und NKWD eingehalten. Die bei der Kaderabteilung schriftlich eingegangenen Informationen, Berichte, abgefangenen Briefe, Denunziationen und Distanzierungen von KPD-Mitgliedern faßten die Referenten der Kaderabteilung Grete Wilde oder Georg Brückmann zusammen und richteten sie mit dem Verweis "Es ist notwendig, folgende Mitteilung weiterzuleiten. Betrifft Angelegenheit Werner Hirsch" an den Leiter der Kaderabteilung Alichanov. Der ins Russische übersetzte Text wurde dann - ohne Nennung des Adressaten NKWD - an "Gen. Poljacek" oder "Gen. Kornilev" in der 3. Abteilung des NKWD weitergereicht. Bei dieser auf dem Kurierwege ausgetauschten "Korrespondenz", die jeweils als "streng geheim" eingestuft wurde, verwandte man neben dem Namen häufig auch das Aktenzeichen der Anfrage. Nach der Verhaftung von Hirsch gab die wachsame Kaderabteilung die Briefe seiner Frau Emmy Luttermann, die aus Paris an eine Moskauer Bekannte adressiert waren, ebenso weiter wie die Meldung, daß Erwin Piscator "bezüglich Werner Hirsch" an Lore und Arthur Pieck aus Paris geschrieben habe. [...] |
| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 15.01.2001 |