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aus: IWK, Heft 1/2000, S. 1 - 11 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

Henryk Skrzypczak

Über "Eska", auch "Eskanowitsch" genannt

Von Peter Steinbach

Im 36. Jahrgang, der mit diesem Heft beginnt, erscheint die "Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" unter einer neuen Herausgeberschaft.

Was sie war und geworden ist, verdankt die IWK Henryk Skrzypczak als ihrem Herausgeber von Anbeginn und Gunter Krüschet als dem langjährigen, seit 1972 hauptverantwortlichen Redakteur. Die Redaktion der Zeitschrift war in den siebziger Jahren fast eine Art Durchlauferhitzer für ihre Mitarbeiter, für Rezensenten und Beiträger gewesen. Dies war das Verdienst eines ehemaligen Mediävisten, der sich durch einen für ihn überraschenden Quellenfund auf ein ganz anderes Forschungsgebiet hat führen lassen.

Als Redakteur der ersten acht Hefte ist neben anderen zunächst Peter Lösche ausgewiesen. Als dieser ein Kennedy-Stipendium wahrnahm, trat 1969 Hans H. Biegert vertretungsweise an seine Stelle. Zum Redakteursteam gehörte auch Rita Klunkert. Im April 1972 tauchte erstmals der Name von Gunter Krüschet, den der Historiker Hans-Dietrich Loock empfohlen hatte, im Impressum auf - ab Heft 1 des 10. Jahrganges (1974) mit dem offiziellen Zusatz "(verantw.)". Ab Ende des Jahres 1972 gehörte auch Walter Momper für begrenzte Zeit der Redaktion an. Ende 1975 kam Dirk H. Müller dazu. Für die Projektverzeichnisse und die Abstimmung mit den Rezensenten übernahm schließlich Franz J. Frohn Anfang 1980 die Verantwortung.

Die Beiträge der zunächst nur hektographierten Zeitschrift stammten von zahlreichen Historikern aus aller Welt, die zeigten, wie rasch das neue Organ zu einem wichtigen wissenschaftlichen Vermittler wurde. Viele von ihnen wußten sich rasch einen Namen zu machen. Nach dem Fall der Mauer trat ein von Dirk H. Müller geleiteter Diskussions- und Arbeitskreis vor allem Berliner Interessenten hinzu, dessen Kern zunächst die Sektion "Geschichte der Arbeiterbewegung" innerhalb der Historischen Kommission zu Berlin war, in den aber bald jene stießen, die vorher nach Alternativen zur orthodoxen Parteigeschichtsschreibung gesucht hatten. Unter ihnen war auch Andreas Graf, der Mitte 1992 in den Beirat der IWK gewählt wurde. So wurde aus der Zeitschrift, die zunächst nur in der Zusammenarbeit von Friedrich-Ebert-Stiftung und Historischer Kommission veröffentlicht werden konnte und zuerst am Friedrich-Meinecke-Institut erschienen war, in rund sieben Jahren eine Institution, die nicht zuletzt der Berliner Wissenschaftspolitik half, eine Brücke nach Ost- und Ostmitteleuropa zu schlagen. Dies war nur möglich mit Hilfe der regelmäßig stattfindenden "Linzer Konferenz", bei der sich - auf politisch neutralem Boden - alle diejenigen aus Ost und West trafen, die sich für die Geschichte der Arbeiterbewegung interessierten. Der erste Tagungsbericht stammte von Henryk Skrzypczak und wurde in der IWK publiziert, und es wurde deutlich, daß sich in Linz Historiker aller Richtungen stritten und sich miteinander zu messen suchten, dort zumindest ihre Positionen markierten.

Die IWK bewährte sich in diesem internationalen Kräftemessen, Streiten und Austauschen auch, weil ihre Mitarbeiter zwei Ziele verbanden: der Wille zur Erforschung der Arbeiterbewegung und die Absicht, sich einer gegenwartsorientierten und vor allem geschichtslegitimatorisch gerechtfertigten ideologischen Parteinahme zu enthalten. Dies schuf die Voraussetzungen für die bemerkenswerte Empfehlung des Wissenschaftsrates, auch nach der für 1995 ins Auge gefaßten Veränderung der Historischen Kommission zu Berlin diese Zeitschrift zu erhalten, der der damalige Wissenschaftssenator Erhardt Folge leistete. Die Zeitschrift sollte nun an der Freien Universität herausgegeben werden.

So kehrte ihr Herausgeber Henryk Skrzypzcak fast ein Jahrzehnt nach seiner Pensionierung an die Freie Universität Berlin zurück. Alle, die diesen Übergang von seiten der Senatsverwaltung, der Historischen Kommission und aus der IWK heraus gestaltet hatten, stellten sich seit 1997 auf eine neue Phase konzentrierten Arbeitens ein. Nach zwei Jahren aber stand die IWK vor einer neuen, ganz unerwarteten und schmerzlichen Herausforderung, die in der tödlichen Erkrankung des weithin respektierten Redakteurs Gunter Krüschet ihren Ausgangspunkt hatte. Damals war es selbstverständlich, daß alle in Berlin ansässigen engeren Mitarbeiter der Redaktion und des Beirats einsprangen, um die notwendigen Arbeiten zu tun, weil es die zentrale Leitung der FU nicht einmal in die Wege zu leiten wußte, aus den beträchtlichen Senatsmitteln, die der IKW jährlich zur Verfügung standen, unverzüglich einen Vertreter des Erkrankten mit der Redaktionsarbeit zu beauftragen.

Als Gunter Krüschet im September 1999 nach schwerer Krankheit verstarb, war allen, die die IWK bis dahin als Mitglieder des Beirats oder als Redakteure begleitet hatten, bewußt: Nach dem nur wenige Jahre vorher bewältigten Übergang von der Historischen Kommission zur Freien Universität mußte eine neue und schwierige Phase auf die Zeitschrift zukommen. Niemandem war dies klarer als dem langjährigen Herausgeber Henryk Skrzypczak.

Für Außenstehende war dies nicht ohne weiteres voraussehbar und schon gar nicht einsichtig gewesen, denn sie setzten auf die Nachwirkung einer unbefristeten Finanzierungszusage, die der damalige Berliner Wissenschaftssenator Erhardt vor dem Abgeordnetenhaus gegeben und in die Form eines Vertrages zwischen Historischer Kommission und Freier Universität gebracht hatte. Zeitlich unbegrenzt wollte die Senatsverwaltung durch eine Erhöhung des FU-Plafonds die Stelle des gesamtverantwortlichen Redakteurs finanzieren und so die Anregung des Wissenschaftsrates aufnehmen, die IWK als eines der angesehenen Organe einer Geschichte der Arbeiterbewegung zu erhalten. Daß diese Arbeitsgrundlage zerstört zu werden droht, liegt nicht an der Senatsverwaltung, sondern an der Freien Universität Berlin.

Der Tod von Gunter Krüschet weckte offensichtlich auf seiten der Präsidialverwaltung der Freien Universität merkwürdige Begehrlichkeiten, denn der Leiter des Präsidialamtes stellte sich vor, die Redakteursstelle aus dem Überhangpool der Berliner Beschäftigten des öffentlichen Dienstes besetzen und die von staatlicher Seite zugesicherten Finanzierungskosten dem Universitätshaushalt zuschlagen zu können. Auch hörte man, daß ihm die Auflage nicht hoch genug erschien. Es sei deshalb gesagt, daß fast siebenhundert Abonnements ein guter Grund für manche wissenschaftliche Zeitschriftenredaktion wäre, sich als höchst vital zu bezeichnen. Wer weiß, wohin die "Zlatkoisierung" - um an eine Person aus der Pseudodokumentation "Big Brother" von RTL 2 anzuknüpfen, also die demonstrativ zur Schau gestellte Bildungs- und Traditionslosigkeit - die Freie Universität Berlin noch treiben wird?

Hier ist nicht der Ort, um die Mischung aus Enttäuschung und Entsetzen sichtbar zu machen, die mich als den von Henryk Skrzypczak in seine Nachfolge gebetenen Kollegen seit einigen Monaten angesichts der leichtfertig produzierten Schwierigkeiten überfällt, welche die Universitätsleitung dem verantwortlichen Herausgeber der IWK zugemutet hat. Es geht bei der Zurückweisung der Einflußnahme auf die Stellenbesetzung aus der Zentralen Universitätsverwaltung der FU zunächst um die Tradition der Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung an der FU Berlin und um die Sicherung des Lebenswerks des verstorbenen Gunter Krüschet und des IWK-Herausgebers Skrzypczak, den die Redaktionsmitglieder als "Eska" titulierten. Diese Abkürzung klang liebevoll, rätselhaft, ein wenig revolutionär, denn man dachte an "Iskra", und wenn Dirk H. Müller diese Abkürzung russifizierte, dann wußte man: Hier kamen Distanz und Verehrung, Konspiration und Humor, Loyalität und Engagement zusammen.

Diese Mischung veranlaßte die Beteiligten, unbeeinflußt von Belastungen für "die IWK" einzutreten. Das war besonders wichtig, als im rüden Umgang eines Teils der politischen Universitätsleitung mit der Zeitschrift manches in den Vorstellungen der Verantwortlichen zusammenkam, das mit Sicherheit nicht nur den Willen zu Sparsamkeit und Kostenbewußtsein im öffentlichen Dienst spiegelte, sondern auch jene Willkür, die nicht selten die Folge von Veränderungen war, die man hingenommen hatte, weil man in den weit zurückliegenden Jahren die Macht der Ordinarien brechen wollte. An deren Stelle waren nicht selten neue Abhängigkeiten getreten, die an die Stelle der Ordinarienherrlichkeit die strukturelle Verantwortungslosigkeit gesetzt hatten. Die beschworene Vernunft, Leistungsbereitschaft und Innovation werden, und das wäre in der Dokumentation des innerhalb der FU-Leitung produzierten Reibungsverlustes nachweisbar, oft genug an einer politisierten Gruppenuniversität wie der FU verletzt.

Um so merkwürdiger und um so weniger nachvollziehbar war diese Haltung, als die IWK beim Übergang von der Historischen Kommission zur Freien Universität solide durch einen unbefristeten Zuschuß der Senatsverwaltung finanziert worden war und klar war, daß sie die Freie Universität auch in Zukunft nichts kosten würde. Dies ist durch ein deutliches Bekenntnis des Staatssekretärs der Wissenschaftsverwaltung Dr. Josef Lange für die Bestellung eines wissenschaftlich qualifizierten Redakteurs noch einmal bestätigt worden - gegen die Universitätsverwaltung, die sich die grundsätzliche Entscheidung bei der Einstellung eines wissenschaftlichen Redakteurs vorbehielt, dessen Arbeit letztlich der in die Einflußlosigkeit abgedrängte Herausgeber zu verantworten haben sollte. Es war schon beeindruckend, daß auch der Institutsrat gegen diese Haltung der Universitätsleitung Protest einlegte - einstimmig übrigens.

Mit Hilfe des schwer erkrankten Gunter Krüschet war Andreas Graf noch in die Aufgabe eines ihn zunächst krankheitshalber vertretenden Redakteurs eingewiesen worden. Skrzypczak verstand so wenig wie andere Beteiligte, warum dies für die Universitätsverwaltung nicht akzeptabel sein sollte, deren Bearbeitung des Antrags auf Besetzung einer Krankenvertretung und schließlich eines Nachfolgers von Krüschet das Beispiel eines willkürlichen Verwaltungshandelns bot, das nur im Wildwuchs einiger pseudodemokratischer Universitätsstrukturen möglich ist und einen vielzitierten Roman wie "Campus" aus der Feder des Hamburger Anglisten Dieter Schwanitz zu einer Art Heimatbeschreibung macht.

Im Jahr 1999 war es jedenfalls nur dem Einsatz freiwillig tätiger Redakteure wie Dirk H. Müller und Andreas Graf, der schließlich nur aus Werkvertragsmitteln honoriert werden konnte, zu danken gewesen, daß, wenngleich mit halbjähriger Verspätung, Anfang Mai 2000 das letzte Heft des Jahrgangs 1999 der IWK ausgeliefert werden konnte. In diesem Heft kündigte Henryk Skrzypczak, Motor und Seele seiner Zeitschrift, für alle überraschend an, daß er nach 35 Jahren den Rückzug als Herausgeber antreten wolle, allein aus triftigen gesundheitlichen Gründen, aber - und das war spürbar - mit schwerem Herzen. Sein Name ist längst zu einem Begriff geworden, den - obwohl zwei Vokale mit acht Konsonanten  heute jeder leicht aussprechen kann, der sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung beschäftigt. Viele Jahre hat er die IWK auf der "Linzer Konferenz" vertreten und sich dort zum scharfsinnigen und doch Brücken schlagenden Beobachter vieler Forschungsansätze in der Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung entwickelt.

Es ist ebenso selbstverständlich wie nachvollziehbar, wenn ich hier als sein Nachfolger in der Herausgeberschaft angesichts dieses Staffettenwechsels bekenne: Der Appell - "Herr Steinbach, übernehmen Sie" - ist mir in die Knochen gefahren. Dies weniger wegen der nicht objektiv drückenden, sondern durch Verwaltungshandeln entstandenen fiskalischen Schwierigkeiten, mit denen ich mich seit dem Wechsel der IWK in den Geschäftsbereich des Otto-Suhr-Instituts zu befassen hatte, dies auch nicht wegen der Schwierigkeiten, die nicht zuletzt im Leitungsbereich der FU produziert wurden, aus welchen Gründen auch immer. Sondern dies vor allem, weil mir plötzlich bewußt wurde, mit welcher Umsicht, mit welchem Engagement und mit welcher Kompetenz "Sk.", wie wir ihn auch liebevoll schrieben, die IWK vom Mitteilungsblatt über Archivbestände und Forschungsvorhaben zu einem wichtigen Organ der Geschichtswissenschaft gemacht hatte. Diese Zeitschrift trug sich selbst und machte mit ihren Auflagen, die zuweilen in die zweite und dritte gingen, niemals - sieht man von den Redakteurskosten ab - rote Zahlen.

Nun ist die Situation da, um mit Adenauer zu sprechen, und eine meiner ersten Aufgaben ist es deshalb, dem Vorgänger Dank zu sagen. Dies ist keine der üblichen Formalien und auch kein Lippenbekenntnis, sondern Ausdruck meines tief empfundenen Dankes. Wie manch andere Nachwuchswissenschaftler der siebziger Jahre habe ich eine meiner ersten Miszellen in der IWK veröffentlicht, damals tief beeindruckt von der Liberalität und der Akribie, mit denen diese Zeitschrift gemacht wurde. Mit ganz anderen Erwartungen hatte ich ursprünglich die engen Redaktionsräume unter dem verwinkelten Dach des "Mittelhofes" in Nikolassee, dem Sitz der ehemaligen Forschungsstelle der Historischen Kommission zu Berlin, betreten, oberflächlich bestätigt durch ein Chaos von Büchern, Manuskripten, Karteikästen und Prospekten, die dem Besucher geradezu entgegenkamen. Merkwürdigerweise fand jeder Mitarbeiter aus der Redaktion allerdings sofort alles, was er suchte, und machte so deutlich, daß dieses Chaos Ordnung war. So recht begriff ich dies erst viel später.

Meine Vorbehalte waren zunächst allerdings ganz anderer Art, denn in der IWK sammelten sich höchst anregende, gewiß auch für einen von außen kommenden Betrachter gewöhnungsbedürftige Erforscher der Arbeiterbewegung, die vor allem hüben wie drüben parteioffiziell verschüttete Traditionen der Geschichte der Arbeiterbewegung erschließen und erforschen wollten - Rätekommunisten, innerparteiliche Oppositionelle, Renegaten, Abweichler, Brückenmenschen der Arbeiterbewegung. Krüschet verkörperte gleichsam einen programmatisch undogmatischen Zugang, und Skrzypczak ließ ihm jeden Spielraum, zum Nutzen der Zeitschrift.

Erst viel später begriff ich, was Krüschet, der mir dann zum ganz nahestehenden Kollegen wurde, beseelte: ein aus der Familiengeschichte mit Verfolgung und Unterdrückung erwachsender Anstand, der den Humus eines Willens zur Offenheit und Liberalität bildete. Dieser machte die Beschäftigung mit der Arbeiterbewegung zum intellektuellen Abenteuer. Skrzypzcak trug durch seine Freude an Neuentdeckungen verschütteter Quellen, aber auch durch seine Formulierungsfreude und -kraft dazu bei. Seine Aufsätze wurden zunehmend zu Miniaturen, vollendet durchgeformt, witzig und unhaltsam und gedanklich und von der Quellenverarbeitung her ungemein gehaltvoll.

Henryk Skrzypczak gehört zu der kleinen Gruppe wirklich gebürtiger Berliner. Geboren am 3. Mai 1926 in Berlin-Moabit als Sohn eines Schlossers, war er nach dem Besuch der Mittelschule und mit dem Übergang zur Oberschule zunächst als Luftwaffenhelfer, dann als Arbeitsdienstler und schließlich als Soldat ein kleines Rädchen im Getriebe des Krieges geworden. Kriegsgefangenschaft in den USA und in Großbritannien schlossen sich an. Im Sommer 1947 legte Skrzypczak die Reifeprüfung ab, belegte Philosophie, Geschichte, Germanistik und wandte sich rasch, seit 1949 ganz der Geschichtswissenschaft zu.

Im Wintersemester 1950/51 wechselte er, der gern an die Lehrveranstaltungen von Fritz Hartung, Fritz Rörig, auch von Ernst Kunisch und - früh schon - von Ernst Schraepler zurückdachte, an die 1948 gegründete Freie Universität. Er wurde als Doktorand von Wilhelm Berges angenommen, der damals einen Kreis von jüngeren Historikern um sich versammelte, die das Fach Geschichte an der FU ganz entscheidend prägen sollten. Mit der geplanten Dissertation wollte Skrzypczak einen Beitrag zur Erforschung der Schriftlichkeit in der Stadt leisten und knüpfte an generelle Thesen von Henri Pirenne und Fritz Rörig an, nicht um sie zu bestätigen, sondern um diese zu überprüfen.

Skrzypczak hat selten über die Zeit bis zum Abschluß seiner Dissertation gesprochen. Berlin war damals nicht nur durch politische Unsicherheiten, sondern auch durch eine große Arbeitslosigkeit im Westteil der Stadt geprägt. So ist zu ahnen, was es heißt, daß er die Jahre bis 1956 durch Hilfsarbeiten finanzieren mußte. 1953 hatte er geheiratet, 1954 war die Tochter Michaela geboren worden. Skrzypczak kam 1956 an das selbst gesetzte Ziel. Nach der Promotion konnte er als Redakteur im Verlag von Otto R. Hess, einem der am 16. April 1948 relegierten Studenten der Berliner (Humboldt-)Universität, eine Anstellung finden.

1958 brachte dann einen sein weiteres Leben bestimmenden Einschnitt, denn im November dieses Jahres fand Skrzypczak einen neuen, auf Kontinuität angelegten Aufgabenbereich als Sekretär der neu gegründeten Berliner Historischen Kommission, aus der sich wenig später die Historische Kommission zu Berlin entwickelte. Von 1965 bis 1974 war er deren Generalsekretär. Zu seinem Aufgabenbereich gehörte auch die Redaktion des "Jahrbuchs für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands" (JGMOD), bald eines der wichtigen landeshistorischen Periodika in Deutschland, das Skrzypczak von 1968 bis 1981 geschäftsführend mit anderen herausgab.

Eine Zäsur seiner wissenschaftlichen Entwicklung war ein zufälliger und folgenreicher Aktenfund. In einem Keller der Ziethenstraße entdeckte er wichtige Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung und übernahm deren Sichtung, Erschließung und Zusammenführung im Archiv des August-Bebel-Instituts. Der Bestand fand dank einer wunderbaren Fügung den Weg in die Historische Kommission zu Berlin und mutierte dort zu einem Sonderbestand. Bei der Schließung ihrer Forschungsstelle wurden der Teilbestand "Crimmitschau" ins Heimatsmuseum Crimmitschau, Sachsen, und die übrigen Akten ins Archiv der sozialen Demokratie (AdsD), Bonn, abgegeben.

Die Gewerkschaftsbewegung in der Weimarer Republik, das Ende der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie 1933, insbesondere im Spiegel der Überlieferung von Friedrich Stampfer, bestimmten seitdem die wissenschaftlichen Aktivitäten von Skrzypzcak. Diese Aufbereitung war zugleich ein symbolischer und früher geschichtspolitischer Akt, denn die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung wurde seit den frühen fünfziger Jahren mit allem erdenklichen staatlichen Rückhalt vor allem in Ost-Berlin erforscht. Skrzypczak hielt dagegen, erforschte diesen Gegenstand, als das noch keineswegs Mode war. Er begründete an der Historischen Kommission zu Berlin ein Referat für die Geschichte der Arbeiterbewegung, in dem sich Historiker sammelten, die der Wille verband, der SED nicht die Deutungsmacht über die Geschichte von SPD und Gewerkschaften zu überlassen. Im Jahre 1964 traten Siegfried Bahne, Georg Kotowski, Ernst Schraepler und Henryk Skrzypzcak mit einer ersten fundamentalen Kritik am "Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" in die Öffentlichkeit. Diesen Stil der Auseinandersetzung pflegte er übrigens weiter und machte so deutlich, daß er methodologische Kritik mit einer bewundernswerten Quellenkenntnis verband.

Mit diesem kritischen Paukenschlag, der rückblickend nicht nur durch den Untergang einer ideologisierten Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung im Zusammenhang mit dem Umbruch in Ost- und Ostmitteleuropa bestätigt wird, verschaffte sich "Eska" den Zutritt zu einem Forschungsfeld, das nun allein für ihn bestimmend blieb. Seine auf dem Höhepunkt der Studentenunruhen veröffentlichte "Standortbestimmung" des gegenwärtigen Marxismus knüpfte an die Kritik des von Walter Ulbricht inspirierten Grundrisses der deutschen Geschichte an und spitzte sie noch einmal auf eine für seinen Ansatz charakteristische Weise zu. Gleich weit entfernt vom Dogmatismus und einer pauschalen Ablehnung des Marxismus, witzig und geistreich näherte sich der frühere Mediävist einem höchst gegenwärtigen Thema der Geschichtswissenschaft - mit Marx-Zitaten die "Geschäfte der imperialistischen Bourgeoisie" besorgt zu haben, lautete der Vorwurf aus dem Osten, und es lag gewiß an der Abteilung zur Geschichte der Arbeiterbewegung, wenn das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ein besonderes Augenmerk auf die Ausforschung der "Historischen Kommission" richtete. Im Hinblick auf Sk. tat man daran recht, denn ihm gelang es schließlich wie nur wenigen anderen, die Auseinandersetzung mit Marx zu popularisieren.

Wenige Jahre zuvor, im Dezember 1965, war die erste Ausgabe einer hektographierten Zeitschrift mit dem bekannten komplizierten und dadurch präzisen Titel erschienen. Ein Korrespondenzblatt sollte die Doppelarbeit der Arbeiterbewegungshistoriker durch Nebenläufigkeit vieler Arbeiten im Bereich der Erforschung der Arbeiterbewegung reduzieren, über Aktenfunde informieren, Archive zu erschließen helfen und Projekte verzeichnen. Die Aufnahme dieses Hilfsmittels war überraschend, eigentlich überwältigend positiv, lange, bevor ein Aufsatz- und ein Rezensionsteil die IWK zu einer richtigen Zeitschrift machten.

"Eska" galt rasch als hervorragender Kenner der Archivlage zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Schwerpunkte waren früh erkennbar und blieben bestimmend: die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung und der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik und ihrer Führungsschichten. Zunächst interessierte Skrzypczak die Friedrich-Ebert-Stiftung für die Unterstützung der IWK, dann sicherte er die Zeitschrift als eigenständiges Unternehmen und wurde zugleich einbezogen in die Konzipierung der Quellenedition "Zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert", die inzwischen abgeschlossen ist. Als besondere Ehrung empfand er die Berufung in den Hans-Böckler-Kreis, den der damalige Vorsitzende des DGB Heinz Oskar Vetter um sich gegründet hatte.

Längst war Henryk Skrzypczak zum Spezialisten für die Geschichte der Weimarer Gewerkschaftsbewegung und der Sozialdemokratie geworden, ohne deshalb aus dem Blick zu verlieren, wie stark die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung durch das Mit- und Gegeneinander ihrer verschiedenen Flügel geprägt und bestimmt blieb. So schälte sich in der Mitte der siebziger Jahre das ihn endgültig fesselnde und seine weitere Arbeit mit der IWK bestimmende Forschungsthema heraus: die Untersuchung des gewerkschaftlichen Verhaltens zur Einheitsfrontproblematik in den frühen dreißiger Jahren und die Interventionen von Friedrich Stampfer, damals Chefredakteur des "Vorwärts", in Fragen der Einheitsfront.

Der Abschluß einer Monographie, die ihre Schatten in Vorstudien vorauswarf, wurde durch einen besonderen Umstand verzögert: den Zusammenbruch der DDR, der nicht zuletzt die Öffnung bisher verschlossener Archive bedeutete. Seit 1987 im Ruhestand, freute sich "Eska" auf das Archivstudium. Allerdings wurde er zunächst aus ganz anderen Gründen in das Zentrum der Auseinandersetzungen um die Grundlagen einer archivalisch abgestützten Erforschung der Arbeiterbewegung gerückt, eigentlich gestoßen. Die Bestände des Zentralen Parteiarchivs der SED waren eigentumsrechtlich sehr umstritten und drohten zerrissen zu werden. Skrzypczak wurde um Moderation gebeten und verweigerte sich nicht.

So geriet er, der von der Humboldt-Universität an die FU gewechselte und in der Mitte der sechziger Jahre aus politischen Gründen in den einschlägigen orthodoxen Organen kritisierte Gelehrte, in den Vorstand des "Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung". Ihn interessierte nicht der ideologisch überhöhte Besitzstand, sondern die optimale Zugangsmöglichkeit zu den reichen Beständen als Benutzerproblem. Dies überzeugte. Er wurde als Sachverständiger zu einer Anhörung des Bundestags herangezogen und auch an den Verhandlungen zwischen Vertretern des Bundesinnenministeriums und dem Vorstand der PDS beteiligt. Bis heute ist der Respekt spürbar, den er sich durch seine vielfältigen Aktivitäten bei der Sicherung von Archiv und Bibliothek in der SAPMO - der "Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR" im Bundesarchiv Berlin - erworben hat. Aus diesem Grunde war es auch selbstverständlich, daß die Unterlagen der IWK als Sammlungsbestand von dieser Einrichtung übernommen wurden.

Gekrönt werden sollte dieses Engagement durch die Wahl in den wissenschaftlichen Beirat der Stiftung. Aber der damalige Innenminister verweigerte Skrzypczak ebenso wie Jürgen Kocka und Peter Brandt die Bestätigung. Nachträglich mögen diese drei Historiker, die für die Breite, Vielfalt, auch Widersprüchlichkeit der Erforschung der Arbeiterbewegung stehen, diese in obrigkeitsstaatlicher Tradition stehende Verweigerung als Bekundung ihrer eigenen Unabhängigkeit sehen - man wird in der Verweigerung des Selbstverständlichen irgendwann einmal ein Beispiel für die Durchpolitisierung eines wichtigen neuen Politikfeldes der achtziger und neunziger Jahre sehen, sie als Paradigma der "Geschichtspolitik" interpretieren. Henryk Skrzypczaks Reputation war durch die Verweigerung der Ernennung nicht berührt, im Gegenteil.

Mit dem Abschluß der Sicherung wertvollster Sammlungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung nahm Skrzypczak die liegengebliebenen Fäden seiner wissenschaftlichen Schreibarbeit wieder auf. Stampfers "Mission ohne Mandat" wurde in wunderbar geschriebenen Einzelstudien immer dichter, komplexer und anschaulicher erforscht, narrativ blendend dargestellt, geistesgeschichtlich höchst anregend, sozial- und parteigeschichtlich einfach hinreißend. Spürsinn, Akribie, die Freude an der gelungenen Formulierung charakterisieren seine Arbeiten und zeugen von einer im Zeitalter der leichtsinnigeren "Talkshowkultur" von der Skrupelhaftigkeit des Gelehrten, der eine Darstellungsweise bevorzugt, die im Unterschied zur üblichen "Kollegenliteratur" auch in der Verbindung von beabsichtigtem Erkenntnisgewinn und Spannung einen Reiz und eine Rechtfertigung seiner Arbeit sieht.

Einige Vorabdrucke sind in der IWK erschienen. Sie belegen, daß die Erwartungen, die mehrfach in Dezenniumartikeln an "Eska" gerichtet worden sind, realistisch sind. Er gibt seine IWK in andere Hände. Aber er zieht sich nicht zurück, sondern konzentriert seine Kräfte mit dem Ziel, sein als wichtig empfundenes wissenschaftliches Arbeitsprogramm zu erfüllen. Dieser Wille hatte ihn auch in seinen glücklich überwundenen Erkrankungen beseelt.

Als junger Mensch soll er einmal gesagt haben: "Man muß alt sein, um älter zu werden, und man ist alt." Beim Abschied in den Redaktionsräumen der IWK murmelte er: "Älter ist nicht alt genug." Dies hat man sich im Beirat und in der Redaktion auch gedacht und deshalb erfolgreich versucht, Henryk Skrzypczak als Mitglied des Beirats der IWK zu gewinnen. So findet eigentlich eine Rochade statt, ein Positionswechsel, der die Sicherung der Zeitschrift ebenso im Auge hat wie die publizistische Kontinuität.

Daß wir als Redaktion diesen seinen Wechsel in den Beirat dringend wünschen, mag dem nunmehr ehemaligen Herausgeber zum einen zeigen, daß die Redaktion ihm gegenüber dankbar ist. Zum anderen signalisiert dieser Wunsch: Wir geben nicht auf und lassen nicht nach.

Vor allem aber sei ihm gesagt: Wir warten weiterhin voller Anspannung auf die Untersuchung über Stampfers Rolle und Verhalten zwischen Demokratie und Diktatur. Und natürlich auf "Eskas" Erinnerungen.

So bleibt also die Hoffnung auf gute Zusammenarbeit im Beirat der IWK.

Über allem aber: Dank! Und: alles Gute für Sie und Ihre Familie.

Eines aber sei den Verantwortlichen in der Zentralen Leitung der FU gesagt: Wenn die IWK ihr Erscheinen einstellen müßte, dann läge es nicht an der Böswilligkeit von "Bürokraten" in der Ministerialverwaltung, auch nicht am fehlenden Geld, sondern allein an der Gleichgültigkeit und Überheblichkeit einiger weniger Universitätsbediensteter, die sich anmaßten, über die Existenz einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu entscheiden. Sie handelten nicht aus fehlender Einsicht, sondern zumindest manche wußten genau, was sie taten, auch wenn sie das Feld der Geschichte der Arbeiterbewegung bei weitem nicht überschauten.

Vielleicht aber überlebt die IWK auch diese Prüfung. Ich wünsche es mir, auch um des Werkes von "Eska" willen.


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 15.01.2001