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Auszug aus: IWK, Heft 1/2001, S. 1 - 76 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen] Kontingentierte "Volksfeinde" und "Agenturarbeit"Verfolgungsmechanismen der stalinistischen Geheimpolizei NKWD am Beispiel der fiktiven "Hitler-Jugend" in Moskau (1938) und der "antisowjetischen Gruppe von Kindern repressierter Eltern" (1940)Mit einem DokumentenanhangVon Hans SchafranekEine 1991 vom Berliner Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung publizierte Sammlung von Kurzbiographien erfaßte 1136 deutsche Polit- und Wirtschaftsemigranten, die zwischen 1935 und 1943 in die Mühlen des stalinistischen Terrors gerieten. Heute können wir davon ausgehen, daß dem Wüten der Geheimpolizei NKWD allein in der Periode 1936 - 1939 annähernd 3000 deutsche Emigranten (von insgesamt etwa 4600) zum Opfer fielen, darunter ein erheblicher Teil des Führungskorps der Weimarer KPD, z. B. sechs ehemalige Politbüromitglieder und sechzehn frühere Angehörige des ZK. Neuere Untersuchungen lassen erkennen, daß im Mechanismus dieser Terrormaschinerie der Kominternapparat und verschiedene Gremien der Exilparteileitungen nicht bloß als Akklamationsinstanzen fungierten, sondern auf vielfache Weise aktiv verstrickt waren. [...] Mit dem Februar-März-Plenum 1937 der KPdSU(B) und der Durchführung von "Massenoperationen" seit Sommer 1937 erreichte der "große Terror" neue Dimensionen, die vor allem in der vom Politbüro sanktionierten Festlegung riesiger definierter Opfergruppen bestanden. [...] Die "Untersuchung" zum Fall 8842 - unter dieser Aktennummer wurde der Komplex "Hitler-Jugend" geführt - leitete von Januar 1938 an die 4. Abteilung (Sektion) der Verwaltung für Staatssicherheit (UGB) des NKWD für das Moskauer Gebiet. Mit der operativen Durchführung wurde die für Jugendfälle zuständige 7. Gruppe dieser Abteilung betraut. [...] An der Spitze des Apparats der Moskauer Verwaltung für Staatssicherheit liefen die Fäden bei Leonid M. Sakowskij bzw. bei G. Jakubowitsch zusammen, die auch einen Teil der gegen die "Hitler-Jugend" ausgestellten Haftbefehle "bestätigten". Diese Schreibtischtäter arbeiteten geradezu nach stachanowistischen Maßstäben: "Wenn Sorokin und Persiz Jakubowitsch Haftbefehle zur Unterschrift vorlegten, legte dieser seine Armbanduhr auf den Schreibtisch und sagte: 'Schaut, wie viele Haftbefehle ich in einer Minute unterschreibe.' Und dann begann er, seine Unterschrift darunterzusetzen, ohne die Haftbefehle zu lesen." Zumindest im Hinblick auf die bisher zur Verfügung stehenden Akten über den Untersuchungsgegenstand schien freilich eine Lektüre der Haftbefehle kaum erforderlich, weil sie keinerlei individuelle Eigenart aufwiesen, sondern einem recht dürren Stereotyp folgten: "Durch die 4. Abteilung der Verwaltung für Staatssicherheit der NKWD-Verwaltung des Moskauer Gebietes wurde eine konterrevolutionäre, faschistische Organisation der in der Sowjetunion lebenden deutschen Jugend aufgedeckt, und diese wird liquidiert. Die Untersuchungsbehörde hat festgestellt, daß der angeführten Organisation (Name, Geburtsjahr, Geburtsort, Nationalität, Staatsbürgerschaft, Beschäftigung, Adresse) angehört. Aufgrund des Dargelegten ist (Name) zu verhaften und nach Artikel 58 Absatz 10 und 11 des Strafgesetzbuches der RSFSR zur Verantwortung zu ziehen." Absatz 10 des berüchtigten Artikels 58 ahndete "antisowjetische Agitation und Propaganda", Absatz 11 die "Zugehörigkeit zu einer konterrevolutionären Organisation". In einigen Fällen diente als formale Grundlage der Beschuldigungen auch Artikel 58 Absatz 6 ("Spionage"). Der Aussage Rudolf Traibmans (3. Januar 1957) zufolge wurde "insgesamt die Organisation Hitler-Jugend auf Jakubowitschs 'Direktive' hin geschaffen". Jakubowitsch soll - so eine frühere Aussage Smirnows - während eines Verhörs im Tagankagefängnis Smirnows Arbeitszimmer betreten und einen Beschuldigten gefragt haben: "'Bist Du ein Deutscher?' 'Ja, ich bin ein Deutscher.' 'Reinblütig?' 'Jawohl', antwortete der Beschuldigte, woraufhin Jakubowitsch ihn ins Gesicht schlug und fragte: 'Ihr habt eine Organisation gehabt, was?' Der Beschuldigte bejahte die Frage. Zu Smirnow gewandt, sagte Jakubowitsch: Kein Zweifel, das ist einer von der Organisation Eiserne Kreuze, und fünfzig Mann sind mindestens noch aufzufinden." Diese Bezeichnung schien offensichtlich nicht aussagekräftig genug, so daß man sich auf den Terminus "Hitler-Jugend" einigte, als deren erstes "Mitglied" am 12. Januar 1938 der Medizinstudent Willi Zoschke verhaftet wurde, den der Gruppenleiter persönlich verhörte. [...] Von dem Bestreben geleitet, ein vorgesehenes Plansoll an Verhaftungsziffern innerhalb eines bestimmten Zeitraumes zu erfüllen, drückte die fließbandartige Routine der Untersuchung jener "Gruppenangelegenheit" einen unverkennbaren Stempel auf. Schon die bloße Bezeichnung "Hitler-Jugend" entpuppte sich als Farce - der älteste Beschuldigte in diesem Fall hatte zum Zeitpunkt seiner Verhaftung das 62. Lebensjahr vollendet, zwanzig Personen waren über dreißig Jahre alt, als sie in das Netz des NKWD gerieten. So unterschiedlich die Altersstruktur, so unterschiedlich war auch die sonstige Zusammensetzung jener "Gruppe", einer von zahllosen, die 1938 in den Köpfen der NKWD-Leute entstanden und bizarre Konturen annahmen. Eine große Anzahl der angeblichen NS-Jugendlichen bestand aus deutschen Politemigranten sowie aus kommunistischen oder mit der UdSSR sympathisierenden Facharbeitern, die während des ersten Fünfjahresplanes (1929 - 1933) in die Sowjetunion gekommen waren, um ihre Arbeitskraft in den Dienst des vermeintlichen "sozialistischen Aufbaus" zu stellen. Ein etwa gleich starkes Kontingent machten die Studenten (Hochschule für Körperkultur, 2. Medizinische Hochschule, Hochschule für Maschinenbau, Musikfachschule, Lenin-Arbeiterfakultät) und Schüler aus. Die Karl-Liebknecht-Schule hatte etwa fünfzehn überzeugte Kommunisten zu HJlern erzogen, darunter zwei Lehrer (Kurt Bertram, Rudolf Senglaub) und einen Pionierleiter (Kurt Ahrendt). Von den Mitarbeitern der seit 1931 in der UdSSR weilenden kommunistischen Agitproptruppe "Kolonne Links" verwandelten sich gleich sieben in HJ-Angehörige, darunter der Leiter, Helmut Damerius, sowie Bruno Schmidtsdorf, der Hauptdarsteller des 1935 produzierten antifaschistischen Films "Kämpfer". Als prominentester Name scheint unter den jungen "Nazis" Hans Beimler auf, der Sohn des zum Mythos stilisierten KPD-Vertreters im Spanischen Bürgerkrieg. [...] Ob analog zum Moskauer "Modell" auch in anderen Städten der UdSSR Hitler-Jugend-Gruppen fabriziert und dann durch die "Wachsamkeit" der NKWD-Organe "aufgedeckt" wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. In Moskau hinterließen die Erfinder der "konterrevolutionären, faschistischen Organisation Hitler-Jugend" jedenfalls eine breite Blutspur - mindestens 40 Menschen starben unter den Kugeln der Hinrichtungseinheiten; 25 verurteilten die NKWD-Tribunale zu langjähriger Lagerhaft, deren unmenschliche Bedingungen die Mehrzahl nicht überlebte; drei wurden während des Hitler-Stalin-Paktes an Deutschland ausgeliefert. [...] Bereits in der IWK erschienene Beiträge:
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| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 11.10.2001 |