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Auszug aus: IWK, Heft 2/2001, S. 141 - 200
(ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]
Schattenmänner im Quartett
Kurzprofile eines Übergangs. Vorabdruck 3 aus:
Friedrich Stampfer. Mission ohne Mandat
Von Henryk Skrzypczak
In memoriam
Roderich von Ungern-Sternberg -
Boris Winogradow - Richard Bernstein -
Franz Feuchtwanger
Ihre Wege haben sich nur flüchtig gekreuzt.
Jeder führte sein eigenes Leben, jeder starb seinen eigenen Tod. Etwas
aber verband sie. Sie stellten sich jenem Verhängnis entgegen, das
für einen von ihnen Auschwitz hieß. Deshalb sei ihrer gemeinsam
gedacht
I. Auf dünnem Eis
Diesmal lagen sie mit der Nase vorn. Als die Blitznachricht
über den Kabinettsbeschluß durchkam, brauchten sie in der
Lindenstraße nur noch auf die Knöpfe zu drücken. Die Texte
waren umbrochen, die Rotationsmaschinen in Startposition, die Verteiler
eingewiesen, die Genossen der Transportkolonne warteten auf das Abfahrtssignal.
Eine knappe Stunde dauerte es gerade noch, dann waren die letzten Handgriffe
getan, die noch druckfeuchten Zeitungsbündel auf den Ladeflächen
verstaut. Die Kolonne setzte sich in Bewegung, rollte durch das Tor des
"Vorwärts"-Gebäudes, Zielrichtung klar: Roter Wedding, Neukölln,
Moabit, die proletarischen Wohngebiete im Osten und all die anderen
Arbeiterviertel.
Die Regie zeigte sich auf der Höhe. Wo immer die Transporter
aufkreuzten, standen die Trupps der freiwilligen Helfer abnahmebereit.
Kooperativ zeigte sich auch das Wetter. Dieser Abend des 3. Juni -
welch ein zauberhafter Frühlingsabend war er doch. Wen hatte er nicht
alles ins Freie, auf die Straßen und Plätze, in die Parkanlagen
gelockt - in denen plötzlich Alarmrufe die Stille zerrissen.
Sonderausgabe! gellte es, Extrablatt. "Reichstag aufgelöst!"
Sonderausgabe! Gratis! "Das Kabinett der Barone zieht in den Wahlkampf".
Und dann schrillte es. "Schlagt die Reaktion!" schrillte es. "Kampf!" schrillte
es wieder und wieder. "Es lebe der Kampf!"
Wenn er das schon hörte. Kurt Rosenfeld dachte sich sein
Teil. "Der alte Kampfgeist der Sozialdemokratie lebt!" Aber ja doch,
gewiß. "In diesem Geiste werden wir kämpfen und siegen!" Darauf
konnte man Gift nehmen. Kampfparolen, wenn sie aus dieser Ecke kamen,
entlockten ihm nur noch ein müdes Lächeln - allenfalls. Er
kannte sich schließlich aus mit der Partei. Drei lange Jahrzehnte war er
ihr verbunden gewesen, hatte sie von Grund auf kennengelernt, hatte sie bis zum
Überdruß erlebt und erlitten bei dem unablässigen Versuch, sie
in die richtigen Bahnen zu lenken. Wo und wann immer es ihm erforderlich
schien, er hatte sich quergelegt: große Koalition unter Hermann
Müller, Panzerkreuzeraffäre, Tolerierungsskandal - er hatte
weiß Gott das Seine getan. Und was war herausgekommen dabei? Otto Wels
und sein Klüngel hatten ihm kurzerhand den Stuhl vor die Tür gesetzt,
Kurt Rosenfeld aber fühlte sich geradezu wie erlöst. Es stimmte ja
doch nicht, daß sie lediglich ein verbohrtes Grüppchen waren, er,
Max Seydewitz und all die anderen Genossen der Fronde. Hunderttausende dachten
ähnlich wie sie und würden begeistert zu ihnen stoßen, wenn sie
eine neue Parteifahne entrollten, die Fahne der SADP, der Sozialistischen
Arbeiterpartei Deutschlands. So hatten sie sich das vorgestellt, doch leider
war es anders gekommen. Die weitaus meisten hatten den Bruch gescheut und waren
verdrossen in der angestammten Herde geblieben. Die Preußenwahl vor allem
hatten das Fiasko amtlich gemacht.
Die in der Lindenstraße vermerkten es selbstgefällig.
Zwar hatten bei der Wahl auch sie erheblich Federn gelassen, doch in der
großen Linie durften sie sich glänzend gerechtfertigt fühlen.
Die Hauptgefahr war gebannt. Im Kampf um die Präsidentschaft hatte nicht
Hitler, sondern ihr Kandidat Hindenburg, der Schirmherr ihres Kanzlers
Brüning, das Rennen gemacht, ein erneuter Beweis dafür, welche der
Arbeiterparteien einzig und allein über "politisches Können"
gebot. "Der Faschismus hat seine Durchbruchsschlacht verloren. Er ist
steckengeblieben und zurückgeschlagen. Er wird niemals durchkommen",
triumphierten sie. Doch sie jubelten etwas zu früh, diese
Hochgewächse politischen Könnens. Keine zwei Monate danach hatte ihr
Reichspräsident ihrem Kanzler den Laufpaß gegeben und ihnen Herrn
von Papen als Nachfolger vor die Nase gesetzt. Da standen sie nun mit ihrer
Strategie, "die Sieger des 10. April".
Franz von Papen - der Name allein schon war Programm. Herr
von Papen, das hieß, den Gürtel um noch einige Löcher enger zu
schnallen; hieß für die "braunen Bataillone" Straße wieder
frei; stand für einen brutalen Anschlag auf die kläglichen Reste der
Errungenschaften des Weimarer Staates. Papen, das war in der Tat ein
"Peitschenhieb", war eine "Kriegserklärung an die werktätigen
Massen", deren Protestfront sich in seltener Einmütigkeit bis tief in die
Reihen des christlichen Lagers erstreckte. Mit geballten Fäusten warteten
ungezählte auf das Abwehrsignal. Wonach sie stürmisch verlangten,
lieferten ihnen die in der Lindenstraße frei Haus - auf dem Papier.
Nach bewährtem Muster schrieb sich das Wörtchen Kampf bei ihnen
wieder ganz groß. Kampf, Kampf und abermals Kampf! Um mitzubekommen,
worauf sie hinauswollten, brauchte man sich nicht mal an das Kleingedruckte zu
halten, sie sagten es unverblümt: "Wählt sozialdemokratisch!"
Mandatsgerangel also, Kampf im Schmalspurformat - einzig darauf lief das
Ganze hinaus. Ein paar lumpige Sitze mehr im Reichstag, "ein noch
schärferes Mißtrauen!", "alle parlamentarischen Konsequenzen", dann
war so ziemlich alles wieder im Lot. Und damit das halbwegs plausibel klang,
durfte man die Alarmrufe von gestern heute schon nicht mehr wahrhaben wollen.
Gewiß doch, gewiß, diese neue politische Lage barg große
Gefahren in sich, doch wer mochte da denn gleich die Perspektive der
apokalyptischen Reiter beschwören. Der Sozialdemokratie bot die Situation
doch auch ganz neue, unerhört günstige Chancen. In Berlin, das hatte
sich ja nun gezeigt, wehte ein frischer Wind. Berlin sah einem
fröhlichen Kampf entgegen, und genauso wie hier in Berlin würde es
überall sein im Reiche. Auf denn, es "ist genug, jetzt ergreifen wir die
Offensive!"
Sie spielten die Gefahren herunter und wußten doch genau,
daß einige Mandate mehr es bei weitem nicht brachten. Mit den Barrieren
des Parlaments würde man diesen "Marsch ins Neue" niemals aufhalten
können. Dem Faschismus beizukommen war nur auf dem "Weg des
außerparlamentarischen Massenkampfes der geeinten
klassenbewußten Arbeiterschaft", da hatten die Kommunisten völlig
recht. Klassenmobilisierung, darauf kam es an, Aktivierung mit dem vorrangigen
Ziel, im entscheidenden Augenblick ein Millionenheer kampfbereiter Proletarier
in den politischen Generalstreik zu führen. Eine solche Mobilisierung
jedoch war der KPD immer wieder gründlich mißlungen. Die
revolutionärsten Teile des Proletariats in aufreibenden Einzelaktionen
vorzutreiben, das war alles, was sie zustande brachte. Mit der Sturheit ihrer
Parolen isolierte sie sich von jenen Massen, die es einzubinden galt, und mit
der Absolutheit ihres Führungsanspruchs spielte sie nur den
Gußeisernen der Sozialdemokratie in die Hände. Durch ihre
überzogene Taktik sabotierte sie praktisch jede wirkliche
Einheitsfront. [...]
Bereits in der IWK erschienene Beiträge:
- Henryk Skrzypczak: Anspiel. Vorabdruck aus: Mission ohne
Mandat. Der Fall Friedrich Stampfer, in: IWK, Jg. 32 (1996), H. 1,
S. 47 [Heft bestellen]
- Henryk Skrzypczak: Umfeld eines Brückenschlags.
Vorabdruck 2 aus: Mission ohne Mandat. Der Fall Friedrich Stampfer, in:
IWK, Jg. 33 (1997), H. 1, S. 42
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