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Auszug aus: IWK, Heft (1/2002), S. 1 - 22 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

Im Spannungsfeld zwischen Loyalität und Renitenz

Der 17. Juni 1953 und die Wissenschaftler

Von Andreas Malycha

[...] Insgesamt hatte sich am Vorabend des 17. Juni auf vielfältige Weise unter Wissenschaftlern sowohl an akademischen Einrichtungen als auch an den Universitäten und Hochschulen ein erhebliches Maß an Frustrationen, Enttäuschungen und Unzufriedenheit über die herrschende Wissenschafts- und Hochschulpolitik der SED angestaut. Dies dokumentierten auch die SED-internen Analysen und Stimmungsberichte. Doch bei aller Unzufriedenheit unter den Intellektuellen war es nicht die Hochschullehrerschaft, die zum öffentlichen Protest neigte. [...]

Der 17. Juni beförderte die schon zuvor sporadisch aufkommenden Debatten über die Wissenschafts- und Hochschulpolitik der SED. Über die unmittelbaren Reaktionen an den Universitäten und Hochschulen geben verschiedene Berichte des Staatssekretariats für Hochschulwesen bzw. Mitteilungen über Gespräche mit Rektoren und Professoren während dieser dramatischen Junitage Auskunft. [...]

Die Hochschulprofessorenschaft reagierte auf die Geschehnisse des 17. Juni äußerst unterschiedlich. An allen Universitäten und Hochschulen fehlte es in der Tat nicht an politischen Loyalitätserklärungen. Viele verhielten sich abwartend und demonstrierten eine Art von Neutralität des Wissenschaftlers, die dem tradierten Berufsethos entsprach. Auf der anderen Seite ist eine Beteiligung an den Demonstrationen nachweisbar, in einigen Fällen fielen die Vorlesungen mit klar erkennbaren Motiven aus. [...]

In nahezu allen Analysen über die Vorgänge an den Universitäten fehlten Hinweise auf Arbeitsniederlegungen. Insgesamt kam es demnach nicht zur Einstellung des Lehrbetriebes und zu größeren Streikaktionen. [...]

Assistenten und Dozenten sympathisierten zum Teil offen mit den politischen Forderungen der Demonstranten und Streikenden. [...]

Die Frage, ob die Hochschullehrerschaft, Institutsleiter und Mitarbeiter an den wissenschaftlichen Einrichtungen der Akademie weitgehend loyal zur Regierung standen, läßt sich nicht mit einem definitiven Urteil beantworten. [...]

Allerdings befanden sich jedoch die Wissenschaftler in ihrem Selbstverständnis im allgemeinen nicht in einem unlösbaren Widerspruch zur politischen Ordnung. [...] Allerdings resultierte die Anpassungsbereitschaft von DDR-Wissenschaftlern nicht allein aus der tradierten Einstellung, man sollte sich jeglicher politischer Exponierung enthalten und dem Staat seine Loyalität bekunden. Sie war in größerem Maße das Ergebnis der begründeten Furcht vor Repressalien, Restriktionen, persönlichen oder beruflichen Nachteilen, die sich aus einem politischen Engagement ergeben konnten. [...]


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 22.03.2002