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Auszug aus: IWK, Heft 3/2002, S. 302 - 319 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

Mythen sächsischer Geschichtsschreibung

Eine Erwiderung auf Ewald Frie

Von Thomas Adam und Michael Rudloff

Der Frage nach den Ursachen für den Bedeutungsverlust der Sozialdemokratie ausgerechnet in ihrem legendären "Roten Königreich", das in der Gegenwart als "schwarzes Wahlkönigtum" von sich Reden macht, ist Ewald Frie in einem kürzlich in der "Zeitschrift für Geschichtswissenschaft" veröffentlichten Beitrag nachgegangen. Er konzentriert sich dabei nicht lediglich auf die Jahre der Weimarer Republik, in denen diese Entwicklung offensichtlich wurde. Die Zäsur 1918/19 überschreitend, bietet er eine Interpretation an, die den eigentlichen Grund für die spätere Selbstblockade der Sozialdemokratie in ihrem frühen Erfolg sieht. Dessen ohnmächtiges Opfer sei sie trotz ihrer Siegesserie seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geworden. Bürgerliche Ränkespiele hätten sie von jeder Mitwirkung in Kommunal- und Landespolitik ausgeschlossen, was sie der Notwendigkeit enthob, politische Verantwortung zu übernehmen, realistische Konzepte zu entwickeln und diese in Kompromissen durchzusetzen. Sie habe daher die Binnenlogik der eigenen Organisation nicht verlassen, sondern sich auf die Macht innerhalb der Partei und auf die ganze Macht im Staate konzentriert. Ihr verbaler Radikalismus habe wiederum die bürgerlichen Eliten in ihrer Politik der Ausgrenzung der sächsischen Linken bestätigt. So sei eine Art Teufelskreis entstanden, der zu der "doppelten politischen Blockierung" geführt habe - mit unheilvollen Folgen: Im Beharren auf der "im Wortsinne verantwortungslosen Lagerpolitik des Wilhelminismus" hätten die politischen Akteure in der Weimarer Republik "dauerhafte Kompromißlinien zugunsten lagereinigender Gesinnungstreue" verworfen. Daran sei letzten Endes die Demokratie in Sachsen gescheitert.

Diese Deutung wirkt auf den ersten Blick überzeugend, sie beruht allerdings hauptsächlich auf Darstellungen zur Geschichte der sächsischen Sozialdemokratie. Ihr wurde von der bisherigen Forschung weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den bürgerlichen Parteien in Sachsen. Autoren, die sich mit der politischen Geschichte des sächsischen Bürgertums befassen, lassen sich an zwei Händen abzählen. Die Gründe dafür liegen in der Bedeutung Sachsens als Stammland der deutschen Sozialdemokratie und darin, daß Quellen zur Geschichte der bürgerlichen Parteien schwer zugänglich und teilweise nur aus verstreuten privaten Nachlässen zu rekonstruieren sind. Dies verleitet dazu, zeitgenössische sozialdemokratische Deutungen zu übernehmen, die vor allem die politische und soziale Ausgrenzung der Arbeiterbewegung betonen. Eine relativ isolierte Betrachtung der Geschichte der Sozialdemokratie, ohne die ständige Wechselwirkung mit den sich wandelnden politischen Konzepten innerhalb des bürgerlichen Lagers zu berücksichtigen, kann allerdings leicht zu Fehlurteilen führen. Der Untergang der ersten deutschen Demokratie erscheint dann als ein geradezu zwangsläufiger Prozeß, mit rein theoretischen Alternativen, die jenseits des Horizonts der zeitgenössischen Akteure gelegen haben. Daran sind Zweifel angebracht. [...]


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 03.12.2002