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Auszug aus: IWK, Heft 3/2002, S. 339 - 359 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen] Besso Lominadses Aufenthalt in Deutschland von Januar bis Mai 1927Von Wladislaw HedelerAm Sonntag, dem 9. Januar 1927, zwei Tage nach der Sitzung des Präsidiums des Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) zur deutschen Frage, traf Wissarion ("Besso") Wissarionowitsch Lominadse mit dem Zug in Berlin ein. Es war nicht seine erste Reise nach Deutschland. Bereits im August 1926 hatte der im März 1926 in das EKKI gewählte Jugendfunktionär die Arbeit der kommunistischen Parteien in Deutschland und Polen inspiziert. Zeitgenossen beschreiben ihn als Hitzkopf, aufbrausend und grob. Darin unterschied er sich nicht von seinem Landsmann und Förderer Sergo Ordshonikidse, der in Parteikreisen für seine Handgreiflichkeiten bekannt war. A. Mjasnikow, ein Parteiarbeiter aus Transkaukasien, hielt am 5. Februar 1924 im Tagebuch fest: "Hier sind auch einige Worte über den anderen, den dritten (oder ersten - das ist egal) Sekretär des ZK der KP Georgiens Lominadse angebracht. Er ist einer der jungen Mitarbeiter, einer von den ehemaligen 'Linken'. Er gehörte in seiner Laufbahn etlichen Abweichungen an. Ein Hitzkopf, Impressionist, aufwallend und dreist. Das fällt in mehrfacher Hinsicht zu seinem Schaden aus. Sergo [Ordshonikidse] sagt, daß er [Lominadse] außerordentlich aufrichtig sei. Das ist wohl wahr. Nur ist mir aufgefallen, daß seine Aufrichtigkeit oft bis ins Extreme geht, bis zur Selbstgeißelung, zur Simplifizierung und sogar die Preisgabe von Partei- und politischen Geheimnissen einschließt. Sein Elan ist ein Spiegelbild seines unsteten Charakters. Er mag es, Unsinn zu reden, zu schimpfen, aber eigentlich ist er gut. Er arbeitet wie ein Ochse, ist nicht zu halten, ohne Plan und System, bis zur Erschöpfung. Oft schadet er damit sich selbst und der Sache [...]. Ein wertvoller Arbeiter, ein großer Demokrat [...]. Was er als Genosse darstellt, weiß ich nicht. Er scheint ehrgeizig zu sein. Sein Auftreten hat etwas. Er ist scharfsinnig, logisch und folgerichtig in seiner Gedankenführung." Am Vorabend der Tagung des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), auf der Ruth Fischer und Arkadi Maslow aus der KPD ausgeschlossen wurden, wies Besso Lominadse unter dem Eindruck der Aktivitäten der Oppositionellen in der KPD darauf hin, daß es an der Zeit wäre, sich nicht mehr an die Entschließung des EKKI zu halten, die es untersage, die russische Diskussion in die westeuropäischen kommunistischen Parteien zu tragen. Lominadses Aufenthalt in Deutschland von Januar bis Mai 1927 spiegelt die Umsetzung dieser Aufgabenstellung wider. Was Lominadse in Berlin und im Reichsgebiet unternahm, über welche Rückendeckung er in Moskau verfügte und wie die Deutschen auf seine Vorschläge zur Verbesserung der Parteiarbeit reagierten, geht aus den im Stalin-Bestand des RGASPI abgelegten 13 umfangreichen Berichten aus Deutschland hervor. Es handelt sich um insgesamt 61 Blatt, die Lominadse zwischen dem 11. Januar und dem 2. Mai 1927 an Genossen Michail, d. h. an Ossip Pjatnitzki, Mitglied des Präsidiums des EKKI, schickte. Bei allen Dokumenten, mit Ausnahme der zwei an Josef Stalin persönlich adressierten Briefe, handelt es sich um Kopien der von Lominadse verfaßten Berichte, die in der Regel keinen Hinweis auf den Empfänger Pjatnitzki enthalten. Die von Lominadse mitgeschickten Anlagen fehlen. Über den Verteiler des Sekretariats des ZK der Kommunistischen Partei Rußlands (Bolschewiki) erhielt Josef Stalin Kopien dieser Berichte. Aus dem ersten Brief vom 11. Januar 1927 geht hervor, daß sich Lominadse direkt vom Bahnhof in die Berliner Bezirksleitung begab. Er traf im Karl-Liebknecht-Haus ein, als Philipp Dengel sein Referat über das EKKI-Plenum beendet und die Diskussion bereits begonnen hatte. Der letzte dieser Briefe, auf denen viele Randbemerkungen und Anstreichungen von Stalin stehen, trägt das Datum: Montag, den 2. Mai 1927. Lominadse traf am 5. Mai 1927 in Moskau ein. Am Sonntag, dem 8. Mai 1927, verließ er Deutschland wieder. Im folgenden wird anhand dieser Dokumente sein Aufenthalt vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen in der KPD skizziert. [...] |
| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 03.12.2002 |