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Auszug aus: IWK, Heft 3/2002, S. 281 - 301 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

Ein Abgesang, der keiner ist

Robert Kurz und das Geheimnis der "bösen Horizontalen"

Von Henryk Skrzypczak

Keine Frage, ein gewichtiges Buch; 800 Seiten kompakt, die offenbar weitaus mehr halten, als der Titel verspricht. "Schwarzbuch Kapitalismus", das hätte ein bloßes Pendant werden können zu jenem Schreckensmemorial, in dem Stéphane Courtois die kommunistischen Verbrechen zu bilanzieren versuchte. Robert Kurz, ein dezidierter Gegner des "Kasernenkommunismus" auch er, mochte sich die Systemkritik so einfach nicht machen. Menschenleben aufzurechnen widerstrebt ihm erklärtermaßen zutiefst. Doch da gibt es nun mal "die Hölle der kapitalistischen Durchsetzungsgeschichte". Und es gibt seinen Vorsatz, die Marktwirtschaft als ein blutgetränktes Zwangssystem auf die Anklagebank zu versetzen: Die so friedlich "maskierte Weltmaschine des Kapitals" hat "in ihren objektivierten Wirkungen mehr Menschen- und nicht zuletzt Kinderopfer gefordert  [...] als sämtliche äußeren Repressionen und Kriege aller modernen Diktaturen zusammengenommen" und fordert sie weiterhin. Dies in den Blickpunkt zu rücken, jene apologetischen Schleier fortzuziehen, die Schatten- und Nachtseiten der Kapitalsherrschaft im öffentlichen Bewußtsein verbergen, dies alles ist unverzichtbar für ihn, verlangt aus seiner Sicht aber nach Problemvertiefung, nach Einordnung in ein epochenübergreifendes Bedingungs-, Beziehungs- und Wirkungsgeflecht, zu dem auch die emanzipatorischen Anläufe gehören. Kritische Reflexion "über das historische Gewordensein" ist also gefragt. Wer sie auffaßt wie Robert Kurz, geht allerdings ein Risiko ein. Systemkritische Reflexion gilt schließlich "als wenig opportun und karrierefördernd" zu einer Zeit, da der Kapitalismus "von der Kette" gelassen ist und ein Gesicht zeigt, "das ihm so bösartig viele nicht mehr zugetraut hätten". Robert Kurz läßt sich davon nicht schrecken. "Um eine neue, andere Alternative" jenseits der alten staatssozialistischen Ideen "wieder denken zu können", bleibt ihm geschichtliche Besinnung ein appellatives Schlüsselwort.

Ein herausragendes Buch mithin, ja mehr als nur das: auch ein mutiges, ein geradezu waghalsiges Buch. Wo, wenn nicht in einer Zeitschrift für Geschichte der Arbeiterbewegung, müßte seine Würdigung jeden Vorrang genießen. So jedenfalls der Eindruck, der sich beim ersten Anblättern ergab. Schon beim nächsten Durchgang indessen meldeten sich erhebliche Zweifel zu Wort. Hier lebte doch einer nur zu offensichtlich seine subkutanen Blessuren aus. Irgendwer von der "offiziellen Wissenschaft" mußte ihm irgendwann zu nahe getreten sein, und das hatte er dem gesamten akademischen Zunftladen auf Dauer übelgenommen, pfiff auf den "bürgerlichen Wissenschaftsfimmel", hielt zu den Quellen möglichst, aber auch unmöglichst Distanz, kompilierte munter drauflos und scherte sich den Teufel um den Teufel im Detail. Wer im Dienst "der wirklichen Geschichte" steht, weiß sich über solche Bagatellen eben denkbar erhaben. Richtschnur für ihn ist das Regelwerk der "negativen Historisierung". Im "Interesse einer gesellschaftlichen Erkenntnis" erlaubt sie ihren Adepten so mancherlei, das reduktionistische Verfahren zum Beispiel, "von der realen Gemengelage zu abstrahieren" und "eine Trennungslinie zu ziehen, die im konkret-historischen Prozeß zwar aufscheint, aber niemals scharf und eindeutig zutage liegt", anders gesagt: bedarfsgerecht auszudünnen, was sich den argumentativen Korsettstangen nicht einpassen will. Das macht sich ungemein eindrucksvoll, insbesondere dort, wo es so richtig schummrig wird in der Geschichte. Wo "Konturen bis heute nur schemenhaft sichtbar sind", wo es um das "bislang verborgene" Innere, um "die innerste Seele", um "den untergründigen, dunklen Zusammenhang", um Fragen der den Minderbegabten "völlig unverständlichen theoretischen Meta-Ebene" geht, genau dort ist seine wahre Heimat, dort ist er wirklich zu Haus. An der Breite seines Urteils gemessen, von nahezu umfassender Kompetenz, scheint er bisweilen mit dem Unterscheidungsvermögen eines Rasenmähers begabt, so wenn er Immanuel "Kant u. Co." auf der gleichen Ebene ansiedelt wie den "berühmten" Marquis de Sade, diese "schneidende Stimme der Aufklärungsvernunft". Der Gipfel des Gedankenmassivs ist erreicht, wenn sich der "Abgesang auf die Marktwirtschaft" unversehens in einen Hohngesang auf den historischen Gegenspieler des Kapitals verkehrt, auf die "gewissermaßen vom Kapitalismus 'verhausschweinte' Arbeiterklasse". Für ein solches Pamphlet, das sich auf eine "innere Identität von Liberalismus, Sozialdemokratie und Nazismus" versteift, wäre selbst ein knapper Verriß entschieden zuviel der Ehre gewesen.

Es sei denn - aber das wäre nun wieder wohl doch etwas zu weit hergeholt. Oder könnte sich tatsächlich einiges mehr dahinter verbergen als der abenteuerliche Versuch, mit der Weltgeschichte auf nur einer Kufe Schlitten zu fahren? Könnte hier nicht einer zugange sein, der sich einen Spaß daraus machte, die Spaßgesellschaft mit den ihr angemessenen Mitteln aufs Glatteis zu führen? Eine Satire ganz großen Stils, schwarzer Humor in einen sich ernsthaft gebärdenden Wälzer verpackt, "um die kapitalistische Modernisierungs-Gesellschaft von Grund auf zu verhöhnen"? Zuzutrauen wäre es ihm durchaus, auf den Kopf gefallen ist er ja nicht, und so eine "Tour de force", "die kein Auge trocken läßt", müßte einem wie ihm doch eigentlich liegen. Keiner weiß ja doch so gut wie er, daß es "gerade die besonders verrückten und unfreiwillig komischen Produkte einer gesellschaftlichen Debatte im Kapitalismus" sind, die "oft im nachhinein den Charakter der ganzen Veranstaltung am deutlichsten" erhellen. Die Seriosität des Verlages stünde einem solchen Streich durchaus nicht entgegen: auf minderer Stufenleiter hat er der Menschheit unter dem ansprechenden Titel "Kleines Arschloch" bereits ein anderes Meisterwerk des vergnüglichen Genres geschenkt. Inzwischen ist mit der Ungewißheit auch das Zögern endlich an sein Ende gelangt. Durch die Herausgabe eines Bandes der "wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert" hat Robert Kurz den unerbittlichen Ernst seines historischen Schaffens auf schlagende Weise unter Beweis gestellt. Überdies ist sein "Schwarzbuch" vor kurzem in einer wohlfeilen Ausgabe breiteren Leserkreisen zugänglich geworden. Eine ausführlichere, wenn auch längst nicht umfassende Analyse des sogenannten Abgesangs scheint deshalb unumgänglich zu sein. Sollte es dabei zu Kollateralschäden kommen, finde Autor Kurz bei der Spruchweisheit Trost: Tu l’as voulu, George Dandin, tu l’as voulu. [...]


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 03.12.2002