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Auszug aus: IWK, Heft 4/2002, S. 422 - 454 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

Wohnungsnot und Blutschande

Zur historischen Konstruktion eines kulturellen Stigmas

Von Brigitte Kerchner

Wie "ist es [...] zu erklären, [... wenn] der ältere Bruder darauf verfällt, den jüngern zu päderastieren, [... wenn] ein anderer den Beischlaf mit der Schwester im Beisein der jüngern Schwester vollzieht. [...] Wie kommt der Vater dazu, sich an seinen eigenen Kinder[n] zu vergreifen, die ältere Schwester dazu, den jüngeren Bettgenossen zur Unzucht zu verleiten, und dieser wiederum, das von der Schwester Erlernte an noch kleinern Spielgenossen zu verüben und aus Angst vor der Entdeckung zum Mörder zu werden?" Mit diesen Fragen wandte sich kurz nach der Jahrhundertwende der Hamburger Stadtarzt Pfeiffer in einer kämpferischen Rede an seine Zuhörer. Pfeiffer sprach auf dem Ersten Kongreß der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, der am 9. und 10. März 1903 in Frankfurt am Main stattfand. Vordergründig ging es ihm darum, das Wohnungselend der großen Städte als soziale Ursache von Prostitution, Geschlechtskrankheiten und Unmoral schlechthin anzuprangern. Insofern unterschied er sich kaum von den vielen bürgerlichen Sozialreformern, die um 1900 die Wohnsituation der Unterschichten als Ausgangspunkt einer ins Verderben führenden "Elendskette" betrachteten, um dagegen politische Maßnahmen einzufordern. Was Pfeiffers Elendsbild aus einer kulturgeschichtlichen Perspektive interessant macht, ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier das proletarische Milieu nicht nur als "kriminell", sondern die dortigen Familienverhältnisse konkret als "blutschänderisch" angesprochen wurden. [...]

Allerdings mahnen sozial- und kulturwissenschaftliche Studien, solchen Wahrnehmungen des "unsittlichen" und "kriminellen Arbeitermilieus" - und seien sie um die Jahrhundertwende auch noch so weit verbreitet - nicht ohne weiteres für bare Münze zu nehmen. Schon in den achtziger Jahren wurde die historische Darstellung der Sexualität in ihren mythischen Dimensionen freigelegt. Daß die "schaurigen Bilder" über die Arbeiterfamilie des Kaiserreichs oder der Weimarer Republik in der Regel eine verzerrte Sicht des Bürgertums wiedergeben, wurde früh gesehen. Anfang der neunziger Jahre hat Klaus Tenfelde auf der Basis demographischer Daten nicht nur die Vorstellung von einem einheitlichen Typus der Arbeiterfamilie zurückgewiesen. Er hat auch gezeigt, in welch hohem Ausmaß die zeitgenössischen Darstellungen des Sexuellen in der Arbeiterfamilie fiktionale Elemente enthalten. Am Beispiel Württembergs machte Carola Lipp zudem an eindrucksvollen Beispielen sichtbar, wie der dortigen Textilarbeiterschaft durch kommunale Instanzen systematisch das Odium des "Unsittlichen" angehängt wurde, wobei insbesondere die Arbeiterinnen der "Liederlichkeit" bezichtigt wurden. Karin Walser ist es gelungen, den "Prostitutionsverdacht", unter den sich die Dienstmädchen im Kaiserreich gestellt sahen, als Projektion zu enttarnen. Und Ulrich Linse hat darauf hingewiesen, daß die medizinische Wahrnehmung von Körper und Sexualität in den Arbeiterschichten oftmals metaphorische Züge trägt. Offenbar standen insbesondere Prostitution und Geschlechtskrankheiten häufig stellvertretend für die zeitgenössischen Ängste vor politischem Umbruch und sozialer Desintegration. Zudem wurde aus einer kulturgeschichtlichen Sicht die Semiotik im kriminologischen Diskurs der Jahrhundertwende freigelegt und die damals verbreiteten Täterbilder als willkürliche Konstruktionen des Bösen identifiziert. Demnach wäre das Bild des monströsen Verbrechers aus der Unterschicht nichts anderes als ein pejorativ besetztes Fremdbild bürgerlicher Experten, letztlich ein negatives Spiegelbild ihrer selbst, mit dem in unsicheren Zeiten eine an sich fragile bürgerliche Identität abgegrenzt und gesichert werden sollte.

Bislang wurden diese Beobachtungen noch kaum auf das Phänomen der Blutschande bezogen. So ist der in den Quellen permanent suggerierte Zusammenhang von Wohnsituation, Klassenlage und Inzestproblematik weitgehend ungeklärt. Gibt es tatsächlich Anhaltspunkte dafür, daß blutschänderische Akte in der Arbeiterschaft des Kaiserreiches vermehrt verbreitet waren? Und inwiefern hing die Ausbreitung des Inzests wirklich von der Wohnungssituation ab? Oder handelt es sich bei Schilderungen, wie dem oben zitierten Elendsbild des Hamburger Mediziners Pfeiffer, um nichts anderes als um "gewagte phantastische Konstruktionen"? Viel spricht zunächst für den fiktionalen Gehalt der Äußerung von Pfeiffer: Schon die Zwangsläufigkeit, mit dem Pfeiffer den Geschwisterinzest wie den Vater-Tochter-Inzest über ein breites Spektrum von sexuellen Praktiken und Gewalthandlungen in einen "Mord" einmünden ließ, erscheint wenig plausibel, der skandalisierende Ton ist kaum zu überhören. Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn man vergleichbare Belege aus dem deutschen Kontext heranzieht. Fast wörtlich finden sich die Beobachtungen Pfeiffers in anderen Texten des sozialreformerischen Diskurses der Jahrhundertwende wieder. Ganz offenbar handelte es sich hier weniger um zusätzliche Belege für die geschilderte Familiensituation, sondern um Zitate eines immer wiederkehrenden Topos. So läßt sich die Frage nach Fiktion und Realität auch durch Ausweitung der Heuristik und intensive Textvergleiche kaum abschließend klären.

Deshalb ist vielleicht eine Perspektive ergiebiger, die sich einer starren Gegenüberstellung von Fiktion und Realität entzieht. Mit einem diskursanalytischen Ansatz stellen sich die Fragen anders: Seit wann und mit welchen diskursiven Techniken wurde die Wahrnehmung innerfamilialer Gewalt an die Arbeiterfrage gekoppelt? Wodurch erlangten Aussagen über die Blutschande als einem typischen Verbrechen der "niederen Klassen" öffentliche Geltung? Welche Funktionen hatten solche Reden in unterschiedlichen disziplinären Kontexten? Und welche politischen Machteffekte gingen am Ende von solchen Zuschreibungen aus? Auf der Basis deutschsprachiger Texte möchte ich diesen Fragen im folgenden für die Zeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nachgehen. Vier Thematisierungsweisen der Blutschande sollen dabei in den Vordergrund rücken: erstens die juridische Definition des Tatbestandes und die Kodifizierung moderner Blutschandegesetze; zweitens die Thematisierung von Wohnungsnot und Blutschande in der Kriminalstatistik; drittens die Instrumentalisierung des Blutschandethemas im Diskurs über die "Wohnungsnot" im Kaiserreich; viertens die Konstruktion des Blutschänders als krimineller Typus in der Wohnungs- und Bodenreformbewegung der Weimarer Republik. [...]


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 20.06.2003