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Auszug aus: IWK, Heft 1/2003, S. 1 - 36 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

17. Juni 1953 - Arbeiteraufstand, Volksaufstand, Revolution

Aufstandsgeschichte, Forschungskontroversen und Erinnerungskultur

Von Ilko-Sascha Kowalczuk

Der 50. Jahrestag des 17. Juni 1953 bietet in diesem Jahr vielfältige Möglichkeiten, sich mit diesem historischen Ereignis auseinanderzusetzen. Nach aktuellen Erhebungen (Stand: Anfang April 2003) werden sich annähernd 500 öffentliche Veranstaltungen der Geschichte und Wirkung des 17. Juni 1953 widmen. Das Spektrum reicht von wissenschaftlichen Konferenzen, über vielfältige Angebote in der politischen Bildung bis hin zu Ausstellungen, Theateraufführungen, Spiel- und Dokumentarfilmen sowie politischen Gedenkveranstaltungen. Auch eine Reihe von Straßenumbenennungen sind geplant und werden aller Voraussicht in mehreren Städten Ostdeutschlands über das Jahr 2003 hinaus an die Vorgänge vor fünfzig Jahren erinnern. Aufgerufen hatte dazu im Juni 2002 eine Gruppe Prominenter aus Politik und Gesellschaft. Rechnet man noch die zu erwartende Flut an Veröffentlichungen in Tageszeitungen und Wochenjournalen hinzu sowie die geplanten Beiträge von Rundfunk- und Fernsehstationen wird man kaum behaupten können, daß nach diesem Jubiläumsjahr der "17. Juni" zu jenen historischen Ereignissen zu rechnen sei, die ein Rand- oder Schattendasein führen. Ungeachtet dieser öffentlichen Würdigung jedoch wird zu beobachten bleiben, was davon dauerhaft in die Erinnerungskultur Eingang finden wird. Dabei ist nicht nur die nationale Ebene von Interesse, sondern ebenso wird die internationale in diesem Zusammenhang wichtig sein - das, was wir heute zumeist mit der europäischen Erinnerungs- und Geschichtskultur umschreiben.

Zunächst wird in den kommenden Jahren zu prüfen sein, inwiefern sich der allgemeine Wissensstand über die historischen Vorgänge von 1953 veränderte. Eine Emnid-Umfrage förderte im Juni 2001 erhebliche Wissenslücken in Bezug auf den 17. Juni 1953 zutage. Nur 43 Prozent aller Deutschen konnten benennen, was am 17. Juni 1953 geschah. 11 Prozent dagegen glaubten, an diesem Tage sei die Mauer errichtet worden, jeweils 6 Prozent gaben an, die Bundesrepublik bzw. die DDR sei gegründet worden, 5 Prozent dachten, an diesem Tag sei die D-Mark eingeführt worden und 29 Prozent machten gar keine Angabe. Nur bei den über 45jährigen Deutschen konnten etwas mehr als 50 Prozent korrekt angeben, was am 17. Juni 1953 geschah. Bei den 30- bis 44jährigen wußte immerhin noch gut ein Drittel Bescheid, bei den 25- bis 29jährigen nur noch 28 Prozent und bei den 18- bis 24jährigen nicht einmal mehr jeder Fünfte (19 Prozent). Bei solchen Befunden ist zu berücksichtigen, daß auch andere historische Vorgänge und Prozesse tendenziell einem allgemeinen Kenntnisschwund unterliegen. Selbst Basisdaten über die nationalsozialistische Diktatur sind bei immer weniger Deutschen korrekt abrufbar.

Prinzipiell steht die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit in Deutschland vor den gleichen wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Problemen, die seit Jahrzehnten den Umgang mit der NS-Diktatur prägen. Der "17. Juni" hat zwar geschichtspolitisch seit langem einen festen Platz in den eingespielten politischen Ritualen der Bundesrepublik - allerdings weniger als historisches Ereignis und den daraus resultierenden Folgen für ganz Deutschland denn mehr als Legitimationsbasis und Ausgangspunkt oder Standortbestimmung jeweils aktueller politischer Debatten. Versteht sich Wissenschaft nicht allein als erkenntnisorientiert, sondern auch als probates Mittel, um Erkenntnisse in die Gesellschaft zu tragen, so sollten Geschichts- und Erinnerungskultur nicht nur als Gegenstand theoretischer Analysen und Debatten Beachtung finden, sondern zugleich wäre zu überlegen, welche spezifischen Mittel und Wege der Wissenschaft zur Verfügung stehen, um die Geschichts- und Erinnerungskultur bewußt und zielgerichtet zu beeinflussen. Das hört sich selbstverständlich an, ist es aber in der Praxis bei weitem nicht. Prinzipiell fällt der historischen Wissenschaft aber zunächst die Aufgabe zu, zu rekonstruieren, zu analysieren und einzuordnen. Galt der Forschungsstand über den "17. Juni" bereits bislang als eher gut, so ist zu erwarten, daß er nach diesem Jubiläumsjahr als ausgezeichnet angesehen werden kann. Bis zum Ende des Jahres werden mehrere neue Monographien, eine Vielzahl Dokumenten- und Sammelbände sowie eine kaum überschaubare Anzahl von empirisch gesättigten Aufsätzen erschienen sein. Vor allem regionalhistorisch ist zu erwarten, daß wir dann über das Geschehen in vielen bislang - bezogen auf den "17. Juni" - vernachlässigten Städten und Gemeinden erheblich besser Bescheid wissen werden. Erfahrungsgemäß aber werden dieser Forschungsstand und damit verbunden das Thema nicht automatisch allgemeinen Eingang in übergreifende wissenschaftliche Debatten und Fragestellungen finden. Man vergegenwärtige sich nur, daß in den drei voluminösen und wegweisenden Bänden "Deutsche Erinnerungsorte" der "17. Juni" keine Aufnahme fand. Man mag sich über die Aufnahme von so manchem Stichwort in diesen Bänden streiten können, aber daß der "17. Juni" fehlt, hätte auch schon vor zwanzig oder vierzig Jahren harscher Kritik unterzogen werden müssen. Zugleich ist dies aber ein Indiz dafür, wie wenig selbst gestandene Historiker offenbar etwas mit diesem Ereignis und seinen langanhaltenden Folgen anfangen können, wie schwer sie es sich mit einer Einordnung machen und - ganz allgemein - wie stark noch immer die Geschichte der DDR und des europäischen Kommunismus an den meisten deutschen Hochschulen, Universitäten und historischen Forschungsinstitutionen ein Schattendasein führen. Die Geschichte des berühmten Kochlöffels von der Ostseite des Bodensees im mittleren 16. Jahrhundert scheint noch immer attraktiver, interessanter und offenbar auch karrierefördernder zu sein als die Gesellschaftsgeschichte kommunistischer Diktaturen.

Mag diese Aussage auch polemisch und überspitzt formuliert sein, unterm Strich bleibt allemal festzuhalten, daß insbesondere in der Lehre an historischen Instituten der Bundesrepublik die Geschichte der DDR und des Kommunismus immer stärker marginalisiert werden. Über die Ursachen zu schreiben, hieße hier zu spekulieren. Für den vorliegenden Zusammenhang aber ist daran wichtig, daß davon auch die Geschichte - die Ursachen, die Abläufe, die Folgen - des "17. Juni" betroffen ist. Vor diesem Hintergrund stellt sich der nachfolgende Aufsatz zum Ziel, problemorientiert in die Geschichte des "17. Juni" einzuführen. Dabei geht es nicht um Handlungsabläufe. Die sind in den bereits erwähnten Publikationen ausführlich und im allgemeinen, nicht immer, präzise und korrekt nachzulesen. Statt dessen skizziere ich zunächst die Ursachen des Aufstands und gehe ebenso knapp auf die Ausmaße der Erhebung ein. Vor diesem Hintergrund diskutiere ich dann offene oder kontroverse Forschungsfragen, frage nach dem Stellenwert des "17. Juni" in der deutschen und europäischen Geschichte und gehe schließlich am Beispiel des Umgangs mit dem "17. Juni" auf das Problem ein, worin die Verantwortung von Historikern und Historikerinnen für die Erinnerungskultur und Geschichtspolitik liegt. [...]


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 16.07.2003