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Auszug aus: IWK, Heft 2/2003, S. 173 - 222 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

Das politische Selbstverständnis der DDR-Opposition

Ein deutscher Sonderweg?

Von Christof Geisel

Ob die Oppositionellen der ehemaligen DDR zu den Siegern der Geschichte zählen - und, wenn ja, ob uneingeschränkt oder nur sehr bedingt -, ist umstritten. Auch und gerade unter ihnen selbst. Natürlich pflegt man bei Jubiläumsfeiern um Mauerfall und Wiedervereinigung der "tapferen Frauen und Männer" zu gedenken, "die wegen ihres Einsatzes für die Achtung der Menschen- und Bürgerrechte von den SED-Machthabern bespitzelt und verfolgt, eingesperrt und ausgebürgert wurden". Selbst zu Wort kommen sie dabei aber eher selten. Dies hat zur Folge, daß als historisches Verdienst gewürdigt wird, was einem Teil der Geehrten bis heute Kopfzerbrechen verursacht: Immer wieder gerät das Engagement der "sozialethischen Gruppen" nicht nur zum Auslöser einer "deutsch-demokratischen Revolution", sondern zum direkten Vorspiel des 3. Oktobers 1990. Was so weit auch plausibel erscheint, als der "Aufbruch 89", den die Opposition - vor allem durch den so betitelten Gründungsaufruf des Neuen Forums - bei der bislang indifferent und passiv gebliebenen DDR-Bevölkerung ausgelöst hatte, ja bruchlos in den gewaltlosen Volksaufstand mündete, welcher dem selbsternannten "Arbeiter- und Bauernstaat" schon Ende 1989 lautstark das Sterbeglöckchen läutete.

Eine ganz andere Frage ist jedoch, ob dies den Vorstellungen und Zielsetzungen entsprach, die die "tapferen Frauen und Männer" während der achtziger Jahre entwickelt hatten. Ein Blick auf die Erzeugnisse des frühherbstlichen "Plattformfiebers", das - zur nicht geringen Überraschung seiner Initiatoren - den Sturz der SED einleitete, scheint ebenso für das Gegenteil zu sprechen wie das zeitnahe Resümee eines Beteiligten, nach dem die Oppositionellen "dieses Staatsgebilde ungewollt abgeschafft haben". Und in der Tat: Was Gruppen wie Neues Forum, Demokratie jetzt, Demokratischer Aufbruch und Vereinigte Linke im September und Oktober 1989 expressis verbis anstrebten, lässt sich mit dem geschichtlichen Resultat der "Wende" kaum vereinbaren. Zugleich deuten sich hier die Definitionsprobleme an, wenn man das, was in der DDR "bewußte politische Opposition" war, benennen und von anderen, gleichsam vorpolitischen Formen widerständigen Verhaltens abgrenzen will. Zum einen legt der "totalitäre" Charakter der SED-Herrschaft jene exzessive Auslegung des Oppositionsbegriffs nahe, die das Regime selbst praktizierte, indem es qua Theorie (nicht immer auch de facto) noch die harmlosesten Spielarten politischen und gesellschaftlichen Danebenbenehmens als politische Untergrundtätigkeit (PUT) kriminalisierte. Andererseits kann aus heutiger Sicht im Grunde nur die Forderung nach Abschaffung der DDR und baldmöglichster Wiedervereinigung als Ausdruck "bewußter politischer Opposition" gelten. In dem Fall wäre freilich sehr zweifelhaft, ob eine solche überhaupt existiert hat. Möglicherweise erklärt dies, warum in der längst unüberschaubar gewordenen Flut von Veröffentlichungen über DDR-Opposition und "Wende" so wenig Hinweise auf die Wert- und Zielvorstellungen, die Absichten, Konzepte und Utopien zu finden sind, welche die Dissidenten im Lauf der achtziger Jahre bewegten.

Die Akteure selbst zeigen sich vor der Frage, um was es seinerzeit ging, in einem Maße uneins, das anhand ihrer Samizdat-Hinterlassenschaft schwer nachzuvollziehen ist. Aus dem kontroversen, nicht selten von aggressiven Untertönen gekennzeichneten Meinungsbild seien drei Stellungnahmen zitiert. Während Gerd Poppe "die Rolle und die politische Lage der DDR-Opposition heute von einer ganzen Reihe von Historikern mißverstanden und fehlgedeutet" sieht, welche "unterstellt, sie hätte eine bessere DDR herbei reformieren wollen", obwohl es doch "nur eine Minderheit in der Opposition" gewesen sei, "die vorrangig das Ziel verfolgte, den Sozialismus 'zu verbessern'", behauptet Reinhard Schult, unermüdlicher Organisator und Gründungsmitglied des Neuen Forums, das genaue Gegenteil: "Wenn ich mich recht erinnere, ist die DDR-Opposition von Veränderung des Sozialismus ausgegangen auf der Grundlage der wirklichen Vergesellschaftung und Demokratisierung der Produktionsmittel, sprich der Betriebe. [...] Vom Gros der Ausreiser stieß uns nicht deren Aufgabe des Engagements in der DDR ab, sondern die Entscheidung für das kapitalistische System." Und Wolfgang Rüddenklau, langjähriger Dissident und führender Kopf der Berliner Umweltbibliothek, bemerkt, daß sich noch zu Beginn des Jahres 1989 kein Oppositioneller einen Sturz der Staatspartei vorstellen konnte, es sogar fraglich sei, "ob viele das wollten. Wenn ja, dann hätte die Frage nach den Alternativen von Anfang an deutlicher beantwortet werden müssen." Natürlich ist es die von Poppe erinnerte Opposition, die Eingang in das freiheitlich-demokratische Pantheon der Bundesrepublik Deutschland gefunden hat. Jedoch fehlt es nicht an Stimmen, die hier "Vorzeige-Bürgerrechtler" geehrt sehen: "Erfüllungsgehilfen westdeutscher Macht" und "peinliche Speichellecker des heute herrschenden Systems", welche "auf offizieller Bühne als stubenreine Zeugen der DDR-Geschichte gelten", obschon sie nur "eine Minderheit aus dem vielfältigen Spektrum" der Opposition repräsentierten. [...]


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 28.11.2003