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aus: IWK, Heft 3/2003, S. 363 - 376 [Heft bestellen] Lese-Biographie oder Forschungsstand?Anmerkungen zu Thomas Welskopp*Von Dirk H. MüllerUm es vorwegzunehmen: Die Arbeit hinterläßt einen äußerst zwiespältigen Eindruck. Neben und innerhalb glänzend recherchierten Passagen und originellen wie materialreichen Interpretationsansätzen, die hoffentlich innovative Kontroversen initiieren werden, finden sich unerträgliche Inseln historiographischer und analytischer - gelinde gesagt - Fehleinschätzungen, häufig im Gewand verbaler Verblasenheit. Licht und Schatten sind derart eng verwoben, daß es dem Charakter des Buches nicht gerecht werden würde, das eine getrennt vom anderen zu rezensieren. Folgen wir also dem Seitenlauf. Die einleitende Forschungsstandanalyse beginnt mit einer Überraschung: Die Frühgeschichte der Sozialdemokratie sei "eigentümlich unbeschrieben" (S. 19). Gemeint ist wohl eher, daß eine zusammenfassende und weiterführende Gesamtdarstellung fehlt. Die erfreulich differenzierte Historiographie der 1960er und folgender Jahre finden wir nur in der Bibliographie, weder ihre Methoden, noch ihre Ergebnisse werden skizziert. Statt dessen figurieren einige Veröffentlichungen, denen nicht immer archivalische Forschungen zugrunde liegen, als repräsentativ, ihre Autoren werden als "man" bezeichnet und es wird so ein Erkenntnisstand und ein Bewertungsschema suggeriert: "Die historische Literatur hat" die "Protagonisten" der frühen Sozialdemokratie "zumeist als Träger mehr oder weniger 'richtiger', sprich marxistischer, ideologischer Positionen dargestellt" (S. 20). Wird da die eigene Lese-Biographie mit der historischen Literatur verwechselt? Die weiterführenden Fehleinschätzungen ungenannter Autoren über die Arbeiterbewegung der Revolutionszeit wird einerseits als historiographischer Standard ausgegeben, andererseits wird in der entsprechenden Anmerkung diese Einschätzung mit dem Wörtchen "dagegen" konterkariert, belegt mit unzureichenden Hinweisen auf einen kleinen Teil derjenigen Literatur, die den zuvor konstruierten historiographischen Popanz widerlegt. Unbeeindruckt vom eigenen Anmerkungsapparat fährt Welskopp jedoch fort: "Darüber hinaus koppelte man die Arbeiterbewegung der 1860er und 1870er Jahre an die Industrialisierung. Man rechnete die mehrheitlich handwerkliche Anhängerschaft der frühen Sozialdemokratie gegen das Idealbild vom männlichen gelernten Fabrikarbeiter in mittleren Jahren auf, das man aus den Jahren um 1900 in ihre Frühphase zurückblendete" (S. 21). In der entsprechenden Anmerkung wird - ohne Seitenangabe - auf Jürgen Kocka verwiesen. Ob er der Urheber dieser Projektion ist, oder nur stellvertretend genannt wird, bleibt offen. Das ist zwar schlampig, suggeriert aber Mut und Unabhängigkeit, weil Kocka diese Habilitationsschrift betreute. Aber Kocka ist nicht "man", war es nicht und will es vielleicht auch gar nicht sein. Bei der weiteren Explikation seines Verdikts weist Welskopp pauschal auf Hartmut Zwahr hin. (An fehlenden Seitenangaben werden wir uns gewöhnen müssen.) Schauen wir mit Zwahr hinter den von diesem - systembedingt - inflationär gebrauchten Begriff "proletariat", so entdecken wir das Bemühen um eine differenzierte Klassenanalyse. Zwahr untersucht jeden einzelnen Protagonisten der Konstituierung der Leipziger Arbeiterbewegung nach seiner Stellung im Produktionsprozeß.1 Seine Einordnung vieler Aktivisten in die Rubrik "Manufakturarbeiter und Fabrikgesellen" mag skeptisch beurteilt werden, aber immerhin schlägt er sich mit einem Problem herum, das nach Welskopp für Zwahr nicht existiert. Zum Beleg für die von Welskopp fahrlässig als Forschungsstand ausgegebene, tatsächlich aber längst obsolete und in vielen Studien ausgiebig widerlegte Behauptung, die "organisatorische Nähe und Koexistenz von Gewerkschaften und Partei" sei als "unproblematisch unterstellt" worden, bemüht er ausschließlich Christian Gotthardt, dem er eine Seitenangabe gönnt. Wenn er schon in diesem Zusammenhang von dem "Großteil der deutschen Arbeiterbewegungshistoriographie" spricht, wäre es angemessen, diese auch zu rezipieren. Doch Welskopp zieht es bei seiner historiographischen Bilanzierung statt dessen vor, die zahlreichen wissenschaftlichen Studien über die organisatorische Kristallisierung der frühen Arbeiterbewegung durch die Buchproduktion ausgewählter akademischer Meinungsführer zu substituieren, wobei er dem Leser monströse Argumente zumutet: Weil in der Historiographie die "parteipolitische Emanzipation vom bürgerlichen Liberalismus und von der bürgerliche Demokratie [...] als selbstverständlich [galt]", "verlor" die "Frühzeit der Sozialdemokratie [...] jede Selbständigkeit": "Als Folge lief sich die Arbeiterbewegungsforschung, die sich schon früh in hochideologische Grabenkämpfe um die 'richtigen' Ursprünge und Vorväter verwickelt hatte, an ihren inneren Widersprüchen regelrecht tot, bis sie in den 1980er Jahren versandete [...]" (S. 21). Ach, hätte er doch nur seine eigene Bibliographie mit einem Knopfdruck chronologisch geordnet. Die "Frühgeschichte" der deutschen Arbeiterbewegung ist nicht - wie Welskopp meint - "eigentümlich unbeschrieben", sie ist von Welskopp eigentümlich ungelesen. Warum er die umfangreiche und ihm in groben Schattenrissen bekannte Spezialliteratur, die den diffizilen Gegenstand angemessen beschreibt und analysiert, nicht sachbezogen zur Kenntnis nimmt und warum er Forschung, Geschichtsschreibung und Ideologieproduktion nicht unterscheidet, bleibt rätselhaft.2 Ratlosigkeit hinterlassen auch Welskopps methodische Vorbemerkungen: Es gibt ein Organisationsleben. An ihm nehmen Milieus teil (S. 49). Da ist schon mal die Dialektik von Bewegung und Organisation implizit ausgeklammert. Oder "repräsentieren" die Milieus die Bewegung? Und wenn ja, welche Bedeutung hat das schlichte Verb "teilnehmen" im Verhältnis von Organisation - Leben - Milieu? Oder konstituieren ein oder mehrere Milieus die Organisation? Aber die amorphe Semantik von "teilnehmen" hat schon ihren Sinn, denn mit "konstituieren" wäre sogleich die Frage aufgeworfen, wer oder was konstituiert das Milieu? Es gibt vier Klassen von Milieus: 1. Trägermilieus, 2. assoziierte Milieus, 3. Kontaktmilieus und 4. Parteimilieus. Das Trägermilieu, das sich - anders als die Milieus zu 2, 3 und 4 - erst im Verein bildet, ist ein "Sozialmilieu" von "Freundschaften und Geselligkeitskreise[n]": "[...] es [war] gerade der Mangel an arbeits- oder viertelbezogenen Sozialkontakten, der die Angehörigen der Trägermilieus in den öffentlichen Raum der Arbeitervereine und Versammlungen abdrängte." Also doch: Am Anfang war der Verein. Aber was tragen die "Trägermilieus"? Den Verein, den es schon gibt? Die "assoziierten Milieus" hatten vor ihren Eintritt in den Verein bereits "politische[s] Engagement und autonome gewerkschaftliche Organisationstendenzen" entwickelt (exemplarisch: Zigarrenarbeiter und Buchdrucker/Schriftsetzer). Als "Kontaktmilieus" lernen wir die "unabhängig von den Vereinen bestehenden Milieunetzwerke" der Berliner Maschinenbauer und - allgemein - der Maurer und Zimmerleute kennen, die über einzelne Milieuführer oder "Leitwölfe" ihren "Anschluss an die Organisationen" fanden. Das Parteimilieu ist durch die "Identität von Berufsmilieu- und Organisationsmilieuzugehörigkeit" gekennzeichnet, dahinter verbergen sich schlicht diejenigen, die von der Sozialdemokratie lebten (Redakteure, Expedienten, Verleger, Drucker, Literaten, Gastwirte, Volksanwälte). "Angehörige dieser vier Milieutypen fanden in charakteristischen Mischungsverhältnissen in den politschen Arbeitervereinen zusammen, wobei vor allem Vertreter der Trägermilieus, der assoziierten Milieus und des Parteimilieus das Organisationsmilieu der Bewegung bildeten" (S. 51), das - so hätte klärend hinzugefügt werden müssen - jedoch kein charakteristisches Vertretermilieu war. Die drei Hauptabschnitte der Habilitationsschrift gelten der sozialen Basis, der Vereins- und Versammlungsbewegung und der Ausformulierung wie Rolle der Ideologie. Den ersten Abschnitt will Welskopp mit der Hinterfragung des zeitgenössischen Arbeiterbegriffs beginnen, um doch sofort zur "Forschung" überzugehen, der er erneut vorwirft, sie ginge rückprojizierend und unisono davon aus, daß die abhängig Beschäftigten der "zentralisierten Betriebe" das "natürliche" Stammpersonal der Sozialdemokratie bildeten. Dagegen verweist er - zu Recht - auf Toni Offermann, der für Welskopp aber offensichtlich nicht zur "Forschung"3 gehört, obwohl er ohne dessen Studien und ohne dessen großzügige Hilfestellung, ihm Material zur eigenen Auswertung zur Verfügung zu stellen, die zentralen Abschnitte des ersten Teils nicht hätte schreiben können. Er hätte leicht eine Vielzahl weiterer seiner Argumentationsstrategie nicht entsprechende Autoren anführen können - unter anderem Kocka mit seiner Siemensstudie -, doch dann hätte Welskopp nicht mehr simplifizierend von der Forschung sprechen können, und seine Originalität wäre dahin. Auch bemüht er sein Strickmuster aus der Einleitung. Hier nun wird der Popanz eines in sich undifferenzierten Proletariats der 1860er Jahre aus zeitgenössischen und historiographischen Elementen gebastelt: Lassalle-Marx-Engels einerseits, Kocka-Zwahr andererseits, die er erneut als "die sozialhistorische Forschung" hypostasiert. Welskopp schnibbelt mit der Nagelschere seiner selektiven Wahrnehmung in den Texten jener fünf Autoren diejenigen Stellen heraus, die nicht zum Bauplan seines Popanzes passen. Ferdinand Lassalle fällt vollständig der Schere von Welskopp zum Opfer, die zitierte Passage aus dem "Kapital" von Karl Marx definiert nicht die abhängige Beschäftigung in zentralisierten Betrieben, sondern die Arbeit als Ware.4 Diese Passage enthält weder etwas über das Produktionsverhälnis noch von Herrschaftsverhältnissen, Mehrwert, oder Entfremdung, wie Welskopp behauptet. Ergänzend wird Friedrich Engels' Einleitung zu Karl Marx' "Lohnarbeit und Kapital" in der naheliegenden dritten Auflage, Peking 1975, zitiert, und der Leser erfährt nicht, aus welchem Jahr die Einleitung stammt. Nachgeschlagen in MEW, Bd. 22, Berlin 1963, finden wir nicht nur nichts von Welskopps Behauptungen wieder, wir finden positiv den Hinweis von Engels auf eben jenen gesamten Abschnitt des "Kapitals" (Erster Bd., II. Abschnitt, 4. Kapitel, 3. Unterabschnitt), auf den Welskopp pauschal verweist. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Von Zwahr rezipiert er erneut nur Reizworte, hier das vom "geborenen Proletariat".5 Dagegen stellt er - auch unter Berufung auf neuere Literatur - eine allgemeine Rekonstruktion der sozialen und ökonomischen Heterogenität der frühen Sozialdemokratie und deren Reflex in den Formulierungen ihres Selbstverständnisses. Wem sagt er hier etwas Neues? Wir haben bis hierhin 97 Seiten gelesen und sind nicht klüger als zuvor, allenfalls ärmer an Zeit. Wir sind deshalb so erzürnt, weil es eine stark nach Gefälligkeit riechende und im Internet weltweit verbreitete Rezension des Schweizer Soziologen Martin Lengwiler gibt, der, was seine eigenen Arbeiten betrifft, vom Gegenstand eigentümlich unberührt ist, Welskopp aufs Wort glaubt und ihn wegen seiner Rückweisung minoritärer - plump marxistisch geschminkter - Positionen, die Welskopp als Positionen der Forschung ausgibt, als "profiliertesten Vertreter" der "kulturalistischen Wende" abfeiert. Mit dem zweiten Abschnitt des ersten Teils - der statistischen Aufschlüsselung einiger Vereinsmitgliedschaften - scheint der desaströse Vorspann beendet zu sein, wenn wir davon absehen, daß mit dem Begriff "Sample" nicht zufällig überliefertes Zahlenmaterial, sondern die repräsentative Teilmenge einer Gesellschaft oder ihrer Segmente bezeichnet wird,6 und wenn wir den Satz in der Anmerkung zur Tabelle (S. 108) der beruflichen Struktur des Frankfurter Arbeitervereins 1848 - "Es handelt sich bei fast allen Mitgliedern um 'fremde' Gesellen; daher gab es unter ihnen auch nur wenige Meister" - als bloßen Lapsus einstufen. Welskopp profiliert die berufliche und sozial-ökonomische Heterogenität mittels eines von ihm entwickelten und einsichtigen Kategoriengerüstes: Gewerbe und Intelligenz der "alten Bürgerstadt"; Handwerk der "alten Bürgerstadt"; Massenhandwerke; Bauhandwerke; Buchdruck/Verlagswesen; Metallgewerbe/Maschinenbau; Arbeiter/Tagelöhner; Sonstige. Ein großer Teil des Materials - das "Sample" Offermann und das "Sample" Eisenberg - bleiben für den Leser eine Black Box, methodisch und materiell. Präsentiert werden die Angaben für 14 Arbeitervereine. Für fünf Vereine/Gemeinden entnimmt er das Zahlenmaterial älteren und neueren Studien - die in seinem Verdikt von der Forschung, die einem glattem Industrieproletariat das Wort redet, nicht berücksichtigt wurden -, für sieben entleiht er sich das Material von Toni Offermann, der sich weitere eigene Auswertungen vorbehalten hat, und bei zweien beruht das Material ausschließlich auf eigenen Recherchen des Autors. Welskopp beläßt es nicht bei der je spezifischen Auswertung des profilierten Materials zu den verschiedenen Vereinen, sondern interpretiert es im Rahmen seines Modells unterschiedlicher Vereinstypen innerhalb der von ihm neu eingeteilten Vereinslandschaften und revidiert das alte, einfache und unvollständige Modell Shlomo Na'amans. Das ist fortschreitende Wissenschaft. So interessant der Befund eines steigenden Arbeiteranteils in der Reihung: hegemonialer Verein - autonome Koloniegründung - Satellitenverein auch ist, er bedarf irgendwann eines Erklärungsversuches. Insgesamt konkretisieren und differenzieren die Befunde zur sozialen Zusammensetzung der Arbeitervereine den bisherigen speziellen Forschungstand eher, als daß sie ihn revidieren. Anders verhält es sich mit den Berechnungen der Geburtsjahrgänge (S. 148). Hier werden bisher eher vage Thesen bzw. Vermutungen fundiert: "Während in den 1850er Jahren - mit Ausnahme des Rheinlandes - eine auffällige Lücke den Bruch in der personellen Kontinuität zwischen der 1848er Generation und der Gründergeneration der 1860er Jahre belegt, expandierte die Führungselite der Sozialdemokratie in den 1870er Jahren [...]" (S. 147 f.). Leider macht Welskopp diesen schönen Eindruck zunichte, wenn er anschließend behauptet, die Mittdreißiger der 1878er Jahre hätten zusammen mit den 18- bis 20jährigen dieser Jahre noch zu Beginn der Weimarer Republik die Führungsgruppe von Partei und Gewerkschaften gebildet. Diese Achtzigjährigen hätte ich denn doch ganz gerne namentlich kennengelernt. Nicht grundsätzlich neu, aber in der statistischen Verteilung doch frappant sind die Ergebnisse der Berechnungen über die Geburts- und Wirkungsorte der "Aktivmitgliedschaft", wobei mit den Angaben über die - regional unterschiedliche - lokale Mobilität der (kleinen) Funktionäre ansehnliches Neuland betreten wird. Auch seine Berechnungen zur Konfession der Elternhäuser der Aktivmitglieder sind erfrischend neu, hier könnte jedoch eine regionale Differenzierung nähere Aufschlüsselung über den überraschend hohen Anteil derjenigen Aktivmitglieder geben, die aus katholischen Elternhäusern stammten (S. 149). Die betriebliche Tragik solcher quantifizierenden Teilstudien liegt in dem unsichtbaren Widerspruch zwischen der zeitraubenden digitalen Gier der Datenbanken (Welskopp verarbeitet 2264 Datensätze) und dem bescheidenen Seitenumfang der Ergebnisse. Dies gilt auch für den - allerdings zahlenlos daherkommenden - ebenso schmalen wie bedeutungsreichen Satz: "Eine berufsstrukturelle Analyse der Aktivmitgliedschaft und des Führungspersonals von ADAV, SDAP und SAP ergibt zunächst eine weitgehende Übereinstimmung mit der eingangs bestimmten 'Normalmitgliedschaft' der frühen Sozialdemokratie" (S. 151). Anders sah es bei der Aktivmitgliedschaft aus: "Im Organisationsvergleich fällt der überproportionale Anteil von Angehörigen des Gewerbes und der Intelligenz an der Aktivmitgliedschaft der SDAP auf, obwohl diese im ADAV und in der sehr viel jüngeren SAP ebenfalls Präsenz zeigten" (S. 177). Also haben sich große Teile der Angehörigen des Gewerbes und der Intelligenz der SDAP nach der Vereinigung von ihrer Aktivmitgliedschaft zurückgezogen, oder sind gar ausgetreten! Oder ist die veränderte Zusammensetzung eine Folge der unterschiedlichen Größe der fusionierten Teilmengen? Wer so fragt, denkt nicht wie Welskopp, dieser fährt nach "zeigte" auf einer anderen Ebene fort: "Auch blieben die meisten Führungspersönlichkeiten von SDAP und ADAV in der SAP aktiv." Der unmittelbar anschließende Satz konfrontiert uns mit einer nicht nachvollziehbaren Soziologie: "Die Kontinuität dieser Führungsgruppe prägte die soziale Struktur der SAP somit stärker, als aus den Zahlen ersichtlich." Nicht die mangelnde Relation von Statistik und Struktur stört unseren interpretativen Spürsinn, vielmehr bleiben uns die soziale Technik und die Folgen des ominösen Prägevorgangs verborgen. Für den leicht interpretierbaren Befund, daß unter den Redakteuren der SAP-Zeitungen die Schriftsetzer im Verhälnis zu ihrem Anteil unter den Mitgliedern überrepräsentiert waren, bemüht Welskopf sein Milieu-Modell, das er - ohne dies allerdings zu begründen - für diesen Zweck dreifach ummodelt: Jener Befund bestätige "die Klassifikation des Buchdrucks als ein Gewerbe [sic!], dessen Charakter zwischen dem eines assoziierten Milieus und dem eines gewerkschaftlichen Kontaktmilieus changierte" (S. 180). In seinem Milieu-Panorama war weder davon die Rede, daß das Gewerbe ein Milieu gewesen sei, noch davon, daß die Buchdrucker zwischen zwei Milieus changierten, auch wurde das Kontaktmilieu nicht als ein gewerkschaftliches, sondern berufliches Milieu definiert. Zu Beginn des vierten Abschnittes des ersten Teils überfällt er uns mit der beiläufigen Bemerkung, die "Bürgerstädte" seien "noch wenig sozial segregiert" gewesen (S. 185). Das lassen wir besser unkommentiert und wenden uns wieder der Statistik zu. Daß die Meister unter den Mitgliedern und erst recht unter den Handwerkern der frühen Sozialdemokratie unübersehbar waren, ist nicht neu. Daß sie in der SDAP aber ein Fünftel (19,3 Prozent) der Handwerker-Mitglieder ausmachten, ist dagegen eine weitere wichtige Differenzierung der bisherigen Befunde. Die gewerbespezifische Aufschlüsselung dieses Mitgliedersegments - auch für ADAV und SAP - macht noch einmal den Wert seiner großen Datenbank deutlich. Die Arbeit, die er in sie investiert hat, scheint - nicht nur an dieser Stelle - einen erfreulichen wissenschaftlichen Mehrwert abzuwerfen, spätere Ergänzungen und Revisionen durch andere Datenfreaks nicht ausgeschlossen. Diesen positiven Eindruck macht Welskopp aber rasch wieder zunichte, wenn er auf der Basis hochbetagten Materials, wovon er nur den in der Sekundärliteratur zitierten Teil kennt und Wolfgang Schröders Analyse über die sozialdemokratischen Parlamentarier, schließt, die SPD des Jahres 1900 sei keine reine Klassenpartei gewesen (S. 213). Die Argumentationsstrategie ist immer dieselbe: Erst wird ein potemkinsches Dorf errichtet oder als real existierendes Konstrukt einer wissenschaftlichen Historiographie unterstellt, um dann die Abrißarbeiten selbst in Auftrag zu geben und durchzuführen. Er kommt in diesem Zusammenhang erneut auf Zwahr zurück und versteigt sich zu der Behauptung: "Damit wird Zwahrs Nachweis der Entstehung eines sozial homogenen 'geborenen' Proletariats in Leipzig stark relativiert" (S. 219), wobei die Unverfrorenheit dieser Behauptung vor allem darin liegt, zu suggerieren, Zwahr habe mit eines Proletariats stets das Proletariat gemeint. Wenn Welskopp schon nicht in der Lage ist, den systembedingten verbalen Eiertanz von Zwahr zu entschlüsseln, so möge er ihm doch wenigstens nicht den Begriff "homogen" unterschieben, der sich keineswegs bei einem Blick auf die berufspezifischen Tabellen aufdrängt. Auch hätte es dem niedrigsten wissenschaftlichen Standard entsprochen, das besondere Kapitel zum geborenen Proletariat zu zitieren und nicht das vorangehende, in dem bereits zu lesen ist: "Obwohl das erbliche Proletariat im Verlauf der industriellen Revolution an Umfang und Bedeutung sichtbar zunahm, standen an seiner Seite in fast allen Arbeitergruppen [!] in nicht geringer Zahl aber stets auch Arbeiter nichtproletarischer Herkunft."7 Im eigens einem geborenen Proletariat gewidmeten Kapitel heißt es: "Folgt man Tabelle 42, so reproduzierten sich in Leipzig bestimmte typische Elemente des Proletariats am Ende der industriellen Revolution nahezu vollständig aus der Arbeiterklasse." Mit den bestimmten typischen Elementen sind laut Tabelle 42 die "Fabrik- und Manufakturarbeiter" gemeint.8 Und zusammenfassend heißt es bei Zwahr: "Obwohl die vorliegende Quellenanalyse die soziale Konstituierung der Arbeiterklasse nur punktuell zu erfassen vermag, kann abschließend festgestellt werden, daß die Herausbildung des geborenen Proletariats bei der gegen Ende der industriellen Revolution in Deutschland in die Produktion eintretenden Arbeitergeneration einen hohen Reifegrad erlangt haben muß."9 Das alles muß Martin Lengwiler nicht wissen, aber dann soll er als Soziologe mit den Schwerpunkten Militärpsychatrie, Technikgeschichte und Versicherungswesen mit Ludwig Wittgenstein besser schweigen. Doch zurück zum Positiven: Welskopps Sozialanalyse der Aktivmitgliedschaften zeigt - nicht erstmalig, nun aber in einem differenzierten Zahlenwerk ablesbar -, daß in der Sozialdemokratie nicht nur Verlierer und Bedrohte aller kleinbürgerlichen, handwerklichen und proletarisierten Gewerbe versammelt waren, sondern durchaus - und an prominenter Stelle - eine ansehnliche Anzahl von Personen, die beruflich-gewerblich erfolgreich waren. Welche Folgen dies für die Ideologiebildung hatte, wird im dritten Teil dargestellt. Zuvor widmet sich der zweite Teil der Vereins- und Versammlungsbewegung. Welskopp resümiert die Ergebnisse des ersten Teils und kommt zu dem Schluß, daß "'Arbeiterbewegung' und frühe Sozialdemokratie in Deutschland aus einer Koalition heterogener und z. T. stark individualisierter handwerklich-gewerblicher Basismilieus [entstanden], die erst durch die Organisation selber mobilisiert, integriert und zusammengehalten wurde. Erst in diesem Forum entstand ein lebensweltlicher Kontext, der die Fragmentierung der Trägergruppen überbrückte, ohne sie sozial anzugleichen, und der ihre informellen Eliten in einem eigenständigen Organisationsmilieu zusammenschweißte" (S. 235). Es folgt ein illustrativer Abschnitt über die organisatorische Genese der Sozialdemokratie innerhalb und im Umfeld der demokratischen Bildungsvereine. Dieser Abschnitt beruht auf den allgemein bekannten Studien von Frolinde Balser, Karl Birker, Na'aman, Ernst Schraepler, zahlreichen Studien späterer Autoren, wie den biographischen und historiographischen Schriften einiger Protagonisten. Originell ist dieser Abschnitt allenfalls durch die umfassenden Zusammenstellung und den auf Politisierung und innerer Parlamentarisierung zentrierten aktions- und kommunikationstheoretischen Ansatz. Der Begriff von Na'amans Versammlungsbewegung wird hier noch einmal anschaulich differenziert. Doch leider beginnt der nächste Abschnitt über die Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften erneut mit der historiographischen Popanzologie Welskopps: "Nicht nur Parteibewegung und Gewerkschaften, sondern auch Streiks und Partei und Streiks und Gewerkschaften verhielten sich eher in Spannung zueinander, anstatt sich, wie eine gängige Interpretationsrichtung annimmt, stets wechselseitig zu verstärken" (S. 255). Wer die Verursacher und Multiplikatoren dieser "gängigen" (Fehl-)Interpretationsrichtung sind, verschweigt Welskopp. Andere gängige (oder nicht gängige) Interpretationsansätze werden nicht einmal skizziert. Willy Albrecht, Ulrich Engelhardt,10 Dirk H. Müller, um ohne bibliographische Mühen nur den engsten Kreis der früh Ergrauten zu nennen, haben Gegenläufiges offenbar nie geschrieben.11 Diese schwebend unwirksame, historiographisch gleichwohl nachvollziehbare Kontroverse zu rezipieren hätte freilich Welskopps Eingangsthese, die Geschichte der frühen Sozialdemokratie sei "eigentümlich unbeschrieben" relativiert. Die Rubrizierung des Abschnitts über die frühen Gewerkschaften im Großkapitel "Vereins- und Versammlungsbewegung" wird weder begründet noch entspricht sie dem dort entfalteten Material. Die Passagen über die Anfänge gewerkschaftlicher Organisationen, Streiks und die Rolle der politschen (Vereins-)Parteien werden hier nicht näher rezensiert, weil Welskopp nur eine Leerstelle füllen und diesen Komplex in einer weiteren Arbeit untersuchen will.12 Eingangs dieses Abschnitts macht er jedoch das, was er der bisherigen Historiographie vorwirft: Er projiziert spätere Entwicklungen auf die Frühzeit: "Gewerkschaften agieren als Kartelle auf dem Arbeitsmarkt, die fähig zum Arbeitskampf sind, und zwar auf der Basis sowohl von beruflichen oder betrieblichen Solidargemeinschaften als auch von finanziellen Ressourcen, die es erlauben, Arbeitskämpfe als eine Phase versicherter Arbeitslosigkeit durchzustehen, bis es zu einer Wiederaufnahme der Beschäftigungsverhältnisse kommt" (S. 256 f.). Im Abschnitt über "Vereinsöffentlichkeit und Versammlungsdemokratie" (S. 291 bis 338) überrascht Welskopp den Leser mit der Behauptung, die "Versammlungsdemokratie" habe "ständische Wurzeln" gehabt (S. 293). Als Beispiel präsentiert er die "Zunft". Zunft war nicht Stand, und versammlungsdemokratische Formen sind allenfalls in ihrem Umkreis nachweisbar. Zünftig organisierte Gesellen - doch die Gesellen waren nicht die Zunft - agierten hin und wieder in versammlungsdemokratischen Formen, meist jedoch außerhalb der verfaßten Zunft. In einer zeitlich nicht definierten "spätständisch-handwerklichen" Epoche finden wir bei Welskopp Gesellen, Zunft und Bürger filmreif in einer Marktplatzdemokratie vereint: "Spätständisch-handwerklichen Ursprungs war das Beharren auf der Unmittelbarkeit von 'face-to-face'-Interaktion als (gemeinschaftliche) Basis von Vergesellschaftung, wie es im Verständnis von Bürgerehre als aktiver Partizipationsbereitschaft zum Tragen kam. Aus diesen Wurzeln erwuchs ebenso die Vorstellung von Einfachheit, Überschaubarkeit, Homogenität und Ganzheitlichkeit: Wie eine kleine Handwerkerstadt, in der jeder jeden kannte, mit dem Marktplatz im Zentrum, auf dem die öffentlichen Dinge von allen Betroffenen ausgehandelt wurden, funktionierten in der zeitgenössischen Vorstellung der Verein und die Versammlung. Die Bürgeridentität war an die soziale Identität direkt gebunden, wie vormals in der Zunft [ ]" (S. 294). Nachdem wir zu Ende gelacht haben, stehen wir vor der unbeantworteten Frage, ob "Verein und Versammlung" nun tatsächlich so funktionierten oder nur in der "zeitgenössischen Vorstellung"? Diejenige Literatur, die den Übergang von der handwerklichen zur gewerkschaftlichen Interessenvertretung kompetent beschreibt und analysiert, vermodert in Welskopps Literaturverzeichnis, der statt dessen romantisierende Verblasenheit bevorzugt, die er als Analyse ausgibt. Seine Schlußfolgerungen und der von ihm präsentierte Stoff stehen in keinem analytischen Zusammenhang. Was wie Schlamperei aussieht, ist die Camouflage für seinen dezisionistischen Synkretismus, wie die unmittelbar folgende Passage zeigt: Der "demokratische Universalisierungkult" der "Veranstaltungskultur" "katapultierte auch traditionale kollektive Umgangsformen und Deutungsmuster in die Moderne, wertete sie um und 'entgrenzte' sie", was dazu führte, "dass der Republikanismus in Deutschland partikulare Produzenteninteressen und Weltdeutungen als Positionen des 'eigentlichen' Volkes ausgeben, eine radikaldemokratische, antikapitalistische und antiparlamentarische Spitze entwickeln und sich umstandslos mit einem auf die ökonomische Sphäre ausgeweiteten Assoziationssozialismus' verbinden konnte" (S. 294 f.). Der "radikaldemokratische, antikapitalistische und antiparlamentarische" Republikanismus wird zunächst weder sozial-, noch politik- oder formationsgeschichtlich zugeordnet! Die dechiffrierte Zusammenfassung seiner Begründung für den langen Marsch von der Versammlungsdemokratie zum radikaldemokratischen, antikapitalistischen und antiparlamentarischen Republikanismus lautet: Die Dekorporierung der Gesellschaft habe den Ort des ständischen Bewußtseins ins Milieu verlagert und die versammlungsdemokratischen Vergesellschaftungsformen in den Vereinen waren das Vehikel dafür, partikulare Interessen als allgemeine auszugeben (S. 295): "Die Beziehungsmuster in den Vereinen und Versammlungen gruppierten sich um eine demonstrative 'Kultur der Vergesellschaftung' und bezogen einen Großteil ihrer Vitalität gerade aus der diskursiven Beschäftigung mit sozialen Konstitutionsregeln" (S. 294). Als einziger Beleg hierfür gilt: "Die Manie der Geschäftsordnungsdebatten, die Konflikte um Rednerlisten und Redezeiten, die gedruckten Statuten, Tagungsordnungen und Veranstaltungsplakate sowie die Unmengen der publizierten Versammlungsberichte legen hiervon Zeugnis ab" (S. 294 f.). Ohne auf die multiple konzeptionelle und organisatorische Zersplitterung der frühen Arbeiterbewegung als ein mögliches Motiv für diesen Formalismus einzugehen, findet Welskopp die Ursache in der "individuellen Persönlichkeit": "Das Element der individuellen Persönlichkeit - eine Erfindung der Moderne - ging konstitutiv in den Voluntarismus der Assoziationsidee ein. Die Vorstellung von der Gleichheit besaß keine ständischen Wurzeln; erst auf ihrer Grundlage konnte sich der gesellschaftliche Horizont der Zeitgenossen auf das gesamtgesellschaftliche Verantwortungskollektiv aller Produzenten erweitern. [...] Das Prinzip der Neu- und Selbshilfeorganisierbarkeit von sozialen Beziehungen wiederum schuf die Möglichkeit der Institutionenbildung, der selbstgewählten Formalisierung sozialer Beziehungen, ohne dass man noch auf die ständischen Metaphern der Familie und des Hauses zurückgreifen musste. Auf der Basis dieser dezidiert modernen Elemente schließlich war begriffliche Abstraktion möglich, eine diskursive Suche nach identitätsstiftenden Gemeinsamkeiten, die 'Übersetzungen' von partikularen Interessen in eine 'höhere' Allgemeinheit zuließ" (S. 295). Eben noch hatte die Versammlungsdemokratie, die auf dem Prinzip der Gleichheit beruht, ständische Wurzeln, jetzt hat dieses konstitutive Element keine ständischen Wurzeln. Das Scheitern jener Transformation lastet Welskopp den partikularen Milieus an: "Verein und Versammlung waren zugleich Gegenstand, Forum und Vehikel dieser Modernisierungsprozesse. Das war politisch brisant, weil Verein und Versammlung die zentralen Institutionen der aufkeimenden politischen Öffentlichkeit im 19. Jahrhundert waren, in die nun sozial spezifische Trägermilieus eigenständige Politikformen einbrachten und dabei traditionelle Partikularinteressen mit dem modernen Anspruch auf Gleichberechtigung zu einer explosiven Mischung verbanden. [...] Das soziale Einrichten handwerklich-gewerblicher Trägermilieus in der Sphäre der 'allgemeinen' Vereine und Versammlungen usurpierte Institutionen der politischen Öffentlichkeit durch Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens, die ihre Bindung an diese Institutionen lebensweltlich abstützten, emotional aufluden und damit enorm intensivierten" (ebd.). Diese Schlußfolgerungen finden sich versteckt hinter dem Abschnitt über das quantitative und organisatorische Verhältnis von Milieus und Sozialstruktur der Vereine einerseits und den einleitenden Passagen über die Versammlungskultur andererseits. Diese Schlußfolgerungen werden nicht aus der Entfaltung des Materials gewonnen, sie verkleben schlicht verschiedenen Referate. Der Anfang des letzten Groß-Kapitels enttäuscht uns erneut. Wieder müssen wir begriffliches Kauderwelsch über uns ergehen lassen: Die "immense Ideologiehaltigkeit" der deutschen Sozialdemokratie sei "nicht in einem simplifizierenden marxistischen Sinne als Zeichen fortgeschrittener theoretischer Selbstreflexion zu interpretieren" (S. 510). Wer oder was zwingt Welskopp eigentlich, tatsächlichen oder unterstellten Dummquatsch zum Ausgangspunkt seiner Fragestellung zu nehmen? Auch scheint er von dem Zwang besessen zu sein, immer wieder - die offenbar selbstbefreiende - Behauptung aufstellen zu müssen, daß eine "umfasssende Neuinterpretation des Phänomens frühe deutsche Sozialdemokratie [...] eine Sprengung des marxistischen Begriffsrahmens [verlangt], innerhalb dessen es stets implizit oder explizit verortet worden ist" (ebd.). Wer nun eine Bestimmung des Begriffsrahmens erwartet, hat Welskopps Machart immer noch nicht verstanden. Marx wird freihändig aus willkürlich ausgewählter Sekundärliteratur, Hegel ohne jeden Beleg zitiert. Doch da haben wir noch Glück gehabt, denn die Stellen, an denen er uns - wenn auch aus zweiter Hand belegte - vollständige Zitate liefert, sind noch schmerzlicher zu lesen. Folgendes ist für ihn ein untrüglicher Beweis für eine "kriegerische Nationalbegeisterung" der Sozialdemokratie zwischen 1849 und den 1860er Jahren: "Unsere National-Sache gegen Dänemark beansprucht uns alle, da uns der Krieg einen intelligenten Arbeiter nach dem anderen wegzieht" (S. 523). In der anschließenden Passage bewertet er den Aufruf norddeutscher Gliederungen des ADAV zur Teilnahme an einer bewaffneten Auseinandersetzung mit Dänemark als "revolutionäre[n] Nationalismus". Er suggeriert, daß hinter diesem Aufruf ein Appell zur Bildung von Freiwilligenverbände gestanden habe, indem er die Formulierung "unsere Armee, unsere Macht" als Beweis dafür sieht, daß diese Gliederungen "einen deutschschwärmerischen Irredenta-Nationalismus [den es erst später in Italien gab] an den Tag [legten]" (S. 524). Das "unsere" bei Armee und das "unsere" bei Macht wird offensichtlich nur deshalb auf die Arbeiterbewegung bezogen, weil sie unmittelbar im Anschluß an "Brüder!" stehen. Und weil dieser Kontext bei der Formulierung "Unser Vaterland" eingangs desselben Aufrufs fehlt, wird "Unser Vaterland" offenbar nicht als Vaterland der Werktätigen interpretiert. Das Weltbild der Sozialdemokratie wird als "panoptisch" charakterisiert, d. h., man kann "von jedem seiner Einzelelemente alle anderen Elemente übersehen und wie von einem "archimedischen Punkt" aus direkt ableiten" (S. 530). Der "hohe diskursive Aufwand" - daß panoptisch und diskursiv einander ausschließen, stört möglicherweise nur den Rezensenten - hatte darin seine Ursache, daß "widersprüchliche Erfahrungsbestände" auf einer "höheren ideologischen Ebene 'aufzuheben'" waren (S. 530). Der hohe diskursive Aufwand war "notwendig, weil dieses Weltbild trotz seiner einfachen Struktur inhaltlich nicht simpel war, sondern äußerst komplex. Anders als ein strahlenförmiges monistisches Weltbild, das alle Bezüge aus einer einzigen Prämisse ableitet, etwa aus der Erfahrung der Lohnarbeit, besaß das 'panoptische' Weltbild der Sozialdemokraten eine sphärische Gestalt; es sah aus wie ein globales Gitternetz von Prämissen, die sich nicht aufeinander [!] reduzieren ließen und trotzdem aufeinander verwiesen. Von jeder einzelnen dieser Prämissen ließ sich das Weltbild in seiner Gesamtheit aufschlüsseln. Obgleich die Elemente des Weltbildes so eng verkoppelt waren, dass sie sich auseinander ableiten ließen, war dieses weder eng noch im strikten Sinne geschlossen" (ebd.). Das alles erfahren wir, bevor die Genese der sozialdemokratischen Ideologie rekonstruiert wird. Der archimedische Punkt des panoptischen Weltbildes war die Kategorie der "Selbstbestimmung", die im Zentrum der frühen Parteiprogramme stand. Im Programmantrag zum Nürnberger Vereinstag (1868) wurde bestimmt, daß nicht nur jeder Mensch das Recht auf Selbstbestimmung habe, sondern auch die "Association der Einzelnen - das Volk, die bürgerliche Gesellschaft, der Staat": dieses Selbstbestimmungsrecht sei von der Majorität "zur Geltung" zu bringen (S. 531). Kaum sind wir beim sozialdemokratischen Bekenntnis zu Parlamentarismus angelangt, weist Welskopp jene vorab versprochene antiparlamentarische Spitze im Republikanismus der Sozialdemokratie nach. Dieser Nachweis findet - entgegen aller diskurstheoretischen Beteuerungen - chronologisch als Salto rückwärts und als textwidrige Interpretation des Chemnitzer Programms der Sächsischen Volkspartei von 1866 statt, von dem Welskopp behauptet: "Aus dem demokratischen 'Selbstbestimmungsrecht' leitete sich die Forderung nach der direkten Gesetzgebung durch das Volk ab" (S. 532). Aber weder im Chemnitzer noch im Nürnberger Programm ist von "der direkten Gesetzgebung durch das Volk" die Rede. Das Nürnberger Programm enthält - mit Ausnahme der Formulierung "im demokratischen Staat" - keine programmatischen Äußerungen zu einer künftigen Konstitution, das Chemnitzer fordert ausdrücklich: "Allgemeines, direktes und gleiches Wahlrecht mit geheimer Abstimmung auf allen Gebieten des staatlichen Lebens (für Parlament, Kammern der Einzelstaaten, Vertretung der Gemeinden usw.). Volkswehr an Stelle der stehenden Heere. Ein mit Machtvollkommenheit ausgerüstetes Parlament, welches namentlich auch über Krieg und Frieden zu entscheiden hat."13 Zunächst also wäre die antiparlamentarische Spitze der Sozialdemokratie - hier in bezug auf den VDAV - abgebrochen. Die "direkte Gesetzgebung" als antiparlamentarische Spitze bei Lassalle und den Lassalleanern erwähnt er nur en passant, wobei er den Lassalle unterstellten Antiparlamentarismus allein einer nachträglichen zeitgenössischen Schrift eines späteren innerparteilichen Kritikers des Lassalleanismus, Julius Vahlteich, entnimmt (S. 556). Darüber hinaus erfahren wir von Lassalle, außer daß sein Weltbild auch "panoptisch" gewesen sei (S. 549), nicht Neues. Originell dagegen ist der Hinweis, daß im "panoptischen" Weltbild mit einzelnen "Formeln auch gegensätzliche Positionen begründet werden" konnten, solange sie sich in dem "Rahmen" hielten, "den das viel breitere demokratisch-sozialistische 'Normalweltbild' dem Diskurs setzte" (S. 558). Illustriert wird dies an den drei Schlagworten vom "ehernen Lohngesetz", der "einen reaktionären Masse" und am Beispiel der durch Lassalle spezifizierten Formel "durch Einheit zur Freiheit". Welskopp folgend, blieben diese Formeln so lange unangetastet, bis die neuen Ausführungsbestimmungen oder Lesarten, die durch die veränderten Realitäten induziert wurden, allgemein akzeptiert waren, so daß die alte Formel fallengelassen werden konnte. Da sieht man doch, welche analytische Kraft das Modell von der Panoptik innerhalb des Normalweltbildes besitzt. In seinem eigens dem sozialdemokratischen Antiparlamentarismus gewidmeten Abschnitt kommt Welskopp nicht mehr auf die Lassalleaner zurück14 und greift - mit Ausnahme eines Zitats aus der "Arbeiterverbrüderung" von 1848 - ausschließlich auf Quellen der Eisenacher Richtung bzw. der vereinigten SAP zurück (S. 584 - 592). Erneut behauptet er, die Forderung nach "direkter Gesetzgebung" in den Parteiprogrammen der 1860er und 1870er entdecken zu können (S. 584), ohne - wie bei Wolfgang Renzsch zu entnehmen ist, auf den er jedoch an dieser Stelle nur pauschal verweist - klarzustellen, daß es sich bei den Programmen der 1860er Jahre nicht um alle, sondern nur um eins, das Eisenacher Programm von 1869, handeln kann. Der nur pauschale Hinweis auf Renzsch hat seine Ursache darin, daß Welskopp in drei wesentlichen Punkten von Renzsch abweicht: Erstens ist die direkte Gesetzgebung auch im Erfurter Programm von 1891 zu finden, das bis 1921 galt, zweitens war die direkte Gesetzgebung als ergänzendes und konkurrierendes Institut neben dem Parlament bzw. das Parlament als Kontrollorgan der Exekutive gedacht, und drittens stellt Renzsch die These auf, daß die Forderung nach direkter Gesetzgebung nicht einem Weltbild entsprang, sondern - ereignisgeschichtlich - durch Rezeption eid- und zeitgenössischer Entwicklungen zu erklären sei.15 Welskopp stellt die Forderung nach direkter Gesetzgebung dagegen in einen größeren Zusammenhang und leitet sie überzeugend aus den "Konzepten der Ganzheitlichkeit und Unmittelbarkeit" des sozialdemokratischen "Normalweltbild[es]" ab (S. 584). Diese Konzepte belegt er mit eindrucksvollen Zitaten über die Zurückweisung des Repräsentativsystems. Wie nun aber die - nach Welskopp kontradiktorischen - Forderungen nach direkter Gesetzgebung und parlamentarischer Konstitution, die programmatisch unmittelbar nebeneinander standen, in einem panoptischen Weltbild aufeinander bezogen waren, ist nicht überzeugend dargelegt. Welskopp vermengt durch eine asynchrone und eklektische Zitatologie Antiparlamentarismus, direkte Gesetzgebung und die Prognose vom Absterben des Staates. In diesem Zusammenhang verbreitet Welskopp über Marx mal wieder Sachwidriges: "Es war keine theoretische Initialzündung von Marx, die die Rezeption seiner Doktrin vom 'Absterben des Staates' im Sozialismus einleitete" (S. 585). Selbstverständlich fehlt an dieser Stelle der Beleg, er muß fehlen, denn es handelt sich nicht um eine Doktrin: In seinen "Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei" (Kritik des Gothaer Programms) schreibt Marx, daß die Frage, welche Funktionen dem Staat in Zukunft verbleiben, ausdrücklich: "Diese Frage ist nur wissenschaftlich zu beantworten [...]."16 In dem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, warum die Zurückweisung Marxscher Positionen im akademischen Betrieb so selten wissenschaftlich ist. Für Welskopp aber steht fest, daß das Absterben des Staates eine "Parole" von Marx gewesen sei, die er "auf der Basis einer weithin geteilten Mentalitätsdisposition" entwickelt habe (S. 585). Bei Marx kann die "Parole" vom Absterben des Staates nicht nachgewiesen werden, allenfalls aus seiner Bestimmung des Verhältnisses von Klassenunterdrückung und Staat und der Perspektive der Aufhebung der Klassenunterschiede kann die Tendenz zum Absterben des Staates gefolgert werden.17 Es ist Engels, der in seiner - später als "Anti-Dühring" bezeichneten - Artikelserie18 von 1878 vom "einschlafenden", oder "absterbenden" Staat spricht. Hier stellt sich die Frage, warum Welskopp sachwidrig argumentiert. Wenn seine Einschätzung stimmt, daß die Historiographie lange Zeit marxistisch orientiert war, muß er mit belesener Kritik rechnen. Außerdem gibt es seit 1983 ein Sachregister und seit kurzem eine preiswerte CD der Schriften von Marx und Engels und jüngst die Suchmaschine "Google". In diesem weiten Feld haben sachwidrige Argumente also eine wissenschaftliche Halbwertzeit, die nahe bei null liegt. Welskopp scheint dagegen mit dem Zeitgeist zu spekulieren, an dessen akademischer Börse Gewinnmitnahmen mitunter mafiotisch organisiert werden. Das ist deswegen so tragisch, weil das Buch - von Text kann nicht die Rede sein - immer wieder intelligente Abschnitte enthält, wie den über "die Assoziation" als Vermittlerin zwischen Individualität und Kollektivität" (S. 566 - 584) oder über "Mit 'kühlem Kopf' und 'heißem Herzen': Wissenschaftspathos, Ehre, Männlichkeit" (S. 596 - 608). Aber so anregend diese Abschnitte auch sind, so negativ aufregend sind andere. Vollkommen konfus ist der Abschnitt über "Die Trennung der 'proletarischen' von der bürgerlichen Demokratie" (S. 614 - 621). Hier zeigt sich, daß ihm manchmal die einfachsten sprachlichen Mittel nicht zur Verfügung stehen. Wenn Gustav Mayer über die "Trennung A von B" schreibt, heißt dies nicht unbedingt, daß A sich von B getrennt habe, was Mayer so auch nicht sagt.19 Die "Trennung A von B" kann auch heißen, daß A und B sich voneinander getrennt haben. Welskopp dagegen glaubt, historiographisches Neuland zu betreten, wenn er behauptet, B habe sich statt dessen von A getrennt. Welskopp beschreibt in etwa dieselben Ereignisse wie Mayer, allerdings auf anderer - vor allem organisationsgeschichtlicher - Quellenbasis. Von Mayer nimmt er außer dem Titel nur das Bebel-Zitat vom "Abschluß eines Scheidungsprozesses" (S. 620) zur Kenntnis, das Welskopp offensichtlich nach altem Familienrecht interpretiert. Es folgen vierzig Seiten von bester Qualität (S. 622 - 667). Die einzelnen Befunde sind zwar nicht neu. Die Synthesen über "schlechtes und gutes Eigentum", den "politischen Antikapitalismus", den "aufgezwungenen Klassencharakter des 'arbeitenden Volkes'" und die konkurrierenden - vereinsrechtlichen versus staatsrechtlichen - Assoziationsvorstellungen sind eine Bereicherung der Historiographie. Der folgende Abschnitt: "Vom Lassalleanismus zum Marxismus" ist wieder von unsagbaren historiographischen Fehleinschätzungen gekennzeichnet, die vor allem darauf basieren, Wolfgang Schröder und Hannes Skambraks als repräsentativ hinzustellen: "Zu lange ist die Ideologiegeschichte der frühen deutschen Arbeiterbewegung als eine Geschichte der unvollständigen Rezeption sozialistischer Ideen geschrieben worden. Die Lektüre kanonischer Schriften und die Verwendung ihrer Schlüsselkategorien galten dabei als Gradmesser des Fortschritts unterstellter Lernprozesse" (S. 670). Wie man glauben kann, die historiographische Einleitung zu diesem Kapitel schreiben zu können, ohne Hans-Josef Steinberg auch nur zur Kenntnis zu nehmen, ist nicht nachvollziehbar, selbst wenn nur die ersten Abschnitte von Steinbergs Analyse zum Forschungszeitraum von Welskopp gehören. Steinberg ist in der Wissenschaft über Jahrzehnte international und nicht nur in der "Arbeiterbewegungshistoriographie" - richtungsübergreifend - rezipiert, um nicht die Übersetzungen bis ins Japanische aufzuführen, Schröder und Skambraks sind dagegen nur von einem engen Kreis von Spezialisten zur Kenntnis genommen worden, ohne nachhaltige historiographische Spuren zu hinterlassen. Oder wird wieder einmal, wie schon eingangs vermutet, die eigene Lese-Biographie mit der Historiographie verwechselt? Darüber hinaus passen die meisten Autoren, die Welskopp zum Beleg seines folgenden Referats heranzieht, nicht in sein historiographisches Zerrbild. Und indem er dieses Zerrbild widerlegt, wird, wie so oft in diesem Buch, das Rad neu erfunden. Die wenigen neuen Befunde stehen in keinem Verhältnis zum Aufwand: Die innere Reichsgründung habe die ideologische Gangart auch in der Sozialdemokratie verschärft, die vertrockneten revolutionären Hoffnungen seien durch eine staatssozialistische Utopie substituiert und die alltäglich Praxis sei durch eine allmähliche Konkretisierung von Forderungen wie Aktionsformen und den Übergang zum Primat des Parlamentarismus gekennzeichnet. Die begrüßenswerte Einbeziehung der Dühring-Kontroverse ergänzt eher die Skizze von Dieter Dowe und Klaus Tenfelde, als sie wesentlich zu revidieren. Doch dieser positive Eindruck wird wieder zerstört, wenn Welskopp behauptet, die deutsche Sozialdemokratie sei nach 1877 von Marx und Engels als Musterschüler der Internationale erachtet worden (S. 722). Welcher Internationale? Die 2½. Internationale ist bekannt, die 1½. wäre eine Entdeckung. Das Buch schließt mit zwei Schlußbetrachtungen. Eine, die sich auf das Buch bezieht, die andere wagt den internationalen Vergleich des Sonderweges, von dem es nur einen gegeben zu haben scheint, mit dem Hauptweg. Beide sind wie das Buch: eine Achterbahn. Beide Schlußbetrachtungen fassen mehr zusammen, als zuvor präsentiert wurde, sachlich wie zeitlich. Beide, wie das Buch, lassen vermuten, daß sich Welskopp im historiographischen Supermarkt nicht zurechtfindet und aus den Regalen nimmt, was in seinen grenzenlosen Einkaufskorb paßt. Leider paßt nicht alles zur Geschichte, wie die Behauptung, daß die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie in der Zeit "zwischen der Mitte der 1870er Jahre und den 1890er Jahren" von der "Ablösung eines demokratischen, partizipatorischen Politikstils durch eine von hierarchisch [!] organisierten Parteien [!] getragene Massenpolitik" charakterisiert sei (S. 776, Anm. 13).
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| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 15.04.2004 |