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Auszug aus: IWK, Heft 3/2003, S. 342 - 359 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

Trotzkis "Wiener Pravda"

Von Jürg Ulrich

[...] Wir untersuchen hier, ob die Lehre des polnisch-ukrainischen Bakteriologen und Wissenschaftstheoretikers Ludwik Fleck neues Licht auf die politischen Konzepte der russischen Sozialisten werfen kann. [...]

[...] Fleck zeigte die von ihm gewonnen Erkenntnisse anhand der serologischen Syphilisdiagnostik, die durch die Arbeitsgruppe um August von Wassermann in den Jahren 1906 bis 1925 entwickelt wurde. Unter den beteiligten Wissenschaftlern unterschied er zwei Arten von Denkkollektiven: exoterische und esoterische: "Das esoterische Zentrum des wissenschaftlichen Kollektivs teilt sich heute in Fachleute im engeren Sinn (Spezialisten), d. h. Fachleute eines bestimmten Problems […] und allgemeinere Fachleute [...]." Die exoterischen Denkkollektive bestehen aus der Gesamtheit aller wissenschaflich Interessierten, ja sogar unter Einschluß Wissenschaftsfremder. So ging der Auftrag an Wassermann, eine Methode zur Syphilisdiagnostik zu entwickeln, von der deutschen Regierung aus. Diese wollte anhand solcher allgemein anerkannter Forschung ihren Vorsprung gegenüber Frankreich nachweisen. Im Gegensatz dazu bestehen die esoterischen Denkkollektive aus den in die Wissenschaft selbst Eingeführten, den unmittelbar an der Forschungsarbeit Beteiligten ("esoterisch" in diesem Sinne hat selbstverständlich nichts zu schaffen mit Geheimlehren vom Einwirken des Geistes auf die Materie). Im Falle der Syphilisforschung handelte es sich um Ärzte und Naturwissenschaftler, welche über die neuesten Erkenntnisse und Theorien der Immunologie und Bakteriologie aufs genaueste informiert waren. Die esoterischen Denkkollektive planen die vorzunehmenden Experimente und besprechen die Interpretation ihrer Resultate. [...]

[...] Der Ideenaustausch der russischen sozialistischen Emigrantenzirkel war ähnlich affektgeladen wie Diskussionen zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Schulen. Es stellt sich deshalb die Frage, ob in der Entwicklung ihres Denkens ähnliche Gesetzmäßigkeiten herrschten, wie sie Fleck und Kuhn in den Naturwissenschaften beobachteten. Spuren von Erschütterungen in der Theoriebildung, aber auch Versuche diese zu bagatellisieren, wären in diesem Falle in den zeitgenössischen und späteren Schriften der russischen sozialistischen Emigranten nachweisbar. Arbeiten Leo Trotzkis sind für eine Suche nach solchen Spuren besonders geeignet, weil er im Laufe seines Lebens einzelne Problemkreise immer wieder aufgriff. Trifft unsere Vermutung zu, daß die Entstehung seiner politischen Konzepte in der Erinnerung ähnlich modifiziert wurde, wie diejenige medizinisch-naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, so sollten frühe Schriften zu einem Thema Unsicherheiten zeigen, die er in der Rückschau als Ausdruck einer geradlinigen Entwicklung darstellt. Wir werden hier die Beziehung zwischen intellektuellen Sozialisten und der Arbeiterschaft, die Probleme der Nationalitäten und der Parteiorganisation in Trotzkis Werken herausgreifen. Sie wurden in Artikeln der "Wiener Pravda" erstmals öffentlich erläutert. [...]


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 15.04.2004