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aus: IWK, Heft 4/2003, S. 437 - 445 [Heft bestellen]

Zuckererbsen und Sozialismus

Rede auf der akademischen Trauerfeier der Universität Bremen für Hans-Josef Steinberg am 21. Januar 2004

Von Till Schelz-Brandenburg

Der Tod, jeder Tod, ist schnell, auch wenn ihm ein längeres Sterben vorausgeht. Und deshalb wohl dauert es oft länger, bis wir begreifen: Hier ist einer nicht mehr. Vor fünf Wochen, am 16. Dezember 2003, starb Hans-Josef Steinberg in seiner Wohnung in Würzburg, bis zuletzt betreut und getröstet von seiner Lebensgefährtin Margret Krolow. Die Diskussion über ein gerade fertiggestelltes Manuskript, die Rückfrage zwecks Beseitigung von Unsicherheit, das Feiern kleiner und großer Feste mit der Lust am intellektuellen Spiel - und am Wein, das Projektemachen, ja gerade das Projektemachen für die nächsten Semester, für Kongresse und Institute, und die geselligen Abende im kleinen Kreis, die auf irgendein Stichwort hin sich plötzlich in Rezitationsveranstaltungen verwandelten, wenn Hanjo aus dem Stegreif ein Gedicht von Andreas Gryphius, Heinrich Heine, seinen geliebten Romantikern, von Wilhelm Busch oder Richard Dehmel vortrug - dies alles gibt es nicht mehr, und jetzt, allmählich, kommt es uns zu Bewußtsein. Und auch nicht mehr jene kleinen Telefonate, lakonisch, weil eingebettet in intensive Kommunikation, wie noch im letzten Sommer, als er einleitungslos mitteilte: "Die Reaktion marschiert!" Nach einigem Kombinieren konnte ich antworten: "Gratuliere zum Enkelsohn, aber haben sie ihn wirklich Gerhard genannt?" Doch diese Schlußfolgerung erwies sich als falsch, der Knabe heißt Konrad.

Mit dieser facettenreichen und widersprüchlichen, zugewandten, offenen und manchmal schwierigen und unverständlichen Persönlichkeit intensiven Kontakt gehabt zu haben war ein großes Glück. Diesen Freund und Lehrer verloren zu haben, macht sehr traurig. Wenn ich im folgenden versuche, Hanjo Steinberg zu würdigen, ihm also zu danken, so wird das nur unvollkommen gelingen- nicht nur meiner geringen Fähigkeiten wegen, sondern auch, weil dies Erleben der Person Hanjos, briuzend van aktiviteit, wie die Niederländer sagen, durch keine Schilderung zu ersetzen ist. Und ich bitte auch um Nachsicht, sollte ich das eine oder andere nicht so glänzende Ereignis vergessen haben.

So unterschiedlich Urteil und Wertung auch ausfallen mögen, niemand, der Hanjo Steinberg auch nur ein wenig kannte, wird bestreiten, daß seine Gesellschaft immer anregend war, und zwar klassenübergreifend. Er, der keiner Theoriedebatte über historischen Materialismus und Verwandtem aus dem Weg ging, war dem Verwaltungsmitarbeiter des Fachbereichs 8 ein ebenso ernsthafter wie freundlicher und zugewandter Gesprächspartner wie seiner Sekretärin oder dem Bergarbeiter aus Essen, den er anregte, seine Sammlungen und Beobachtungen über die Arbeiterquartiere im Ruhrgebiet zu einer Dissertation zu verdichten, was dank seiner Betreuung und der Großzügigkeit der Bremer Promotionsordnung, selbst Leute ohne Abitur und Studium zuzulassen, auch gelang. Und er hat sich bis zum Schluß engagiert bei der sogenannten Nichtabiturientenprüfung, die es Menschen, die nicht den klassischen Bildungsweg hatten durchlaufen können, erlaubte, einen fachspezifischen Zugang zur Hochschule zu erlangen.

Dies war ganz sicher eine Folge seines Lebenswegs, der in jenen Serpentinen verlief, die man einschlagen muß, sollen wirklich steile Berge bezwungen werden. Läßt sich auch die Wendung vom Meßdiener zum Juso-Vorstand im Unterbezirk Köln der SPD noch als rheinische politische Normalkarriere beschreiben, so konnte er als Werkstudent bei Bayer Leverkusen und in der Sportredaktion des Kölner Stadtanzeigers schon erste Erfahrungen sammeln mit der Realität der Mehrwertproduktion und den Anstrengungen, dieselbe nicht zu weit ins Bewußtsein der Produzenten dringen zu lassen. Jetzt mag es nicht mehr allzu sehr erstaunen, daß der examinierte Historiker und Germanist nicht etwa als Assistent an einem Lehrstuhl für Geschichte landete, sondern bei Joseph Quint, Ordinarius für Ältere Germanistik in Köln. Hier erhielt er offenbar entscheidende Prägungen, die seinen Studenten später zugute kommen sollten: als Spezialist für deutsche Mystik und Herausgeber der Texte von Meister Eckehart vermittelte Quint seinem jungen Mitarbeiter Geschichte und Mysterien der deutschen Sprache, so daß später manche Studierende Steinbergs neben der fachlichen Kritik ihrer Arbeit auch erstmals etwas über die korrekte Konstruktion von Appositionen oder den Unterschied von Final- und Konsekutivsätzen erfuhren und lernten, daß wohlgestaltete Gedanken nicht in die Lumpen sprachlichen Geschwurbels passen - und er zitierte gerne Matthias Claudius: "Klopstock sagt: 'Du, der du weniger bist und dennoch mir gleich, nahe dich mir und befreie mich, dich beugend zum Grunde unserer Allmutter Erde, von der Last des staubbedeckten Kalbfells.' Ich sage dafür nur: 'Johann, zieh mir die Stiefel aus.'"

Und ganz sicher wies ihn Meister Quint, wie Steinberg seinen ersten akademischen Lehrer stets nannte, auf das Schicksal Eckeharts hin, der nämlich kaum in Köln mit der Lehre begonnen hatte, als er auch schon mit einem Häresieprozeß überzogen wurde. Gleichzeitig leistete der Jung-Altgermanist den Jusos Aufbauhilfe: in einem ausführlichen Artikel in seiner Regionalausgabe Bergisches Land heißt es im "Kölner Stadt-Anzeiger" vom 1. November 1965 über die erste öffentliche Versammlung des Kreisverbands Refrath: "Die Wörter Himmel, Scham, Leichnam und Hemd haben alle den selben Wortstamm. Sie sind vom indogermanischen Wort 'kem' (= bedecken) abgeleitet. Über die Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache aus dem Indogermanischen, wie es vermutlich vor mehr als 5000 Jahren im heutigen europäischen Raum gesprochen wurde, berichtete Hans-Josef Steinberg in einem Referat mit dem Thema 'Das Geheimnis der Sprache' vor den Refrather Jungsozialisten", und zwar "in einer lebendigen, humorvollen Art".

So wurde der künftige Professor für Geschichte und Theorie der Arbeiterbewegung durch seine Lehrjahre zuverlässig davor bewahrt, sich seinen Blick durch ein Spezialgebiet verengen zu lassen.

Ein Stipendium des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn entzog dann der Germanistik ein Nachwuchstalent und brachte den Doktoranden Steinberg in die weite Welt. Zum einen wurde er Teilnehmer des illustren Doktorandenseminars bei Theodor Schieder, wo unter der Ägide des damaligen Assistenten Hans-Ulrich Wehler u. a. Lothar Gall, Hans-Christoph Schröder und Wolfgang Mommsen beisammensaßen. Zum anderen arbeitete er rund zwei Jahre am Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam, war doch dort der entscheidende Archivbestand für seine Dissertation über den Sozialismus und die Sozialismusvorstellungen der deutschen Sozialdemokratie im Kaiserreich zu finden. Das Thema, das insbesondere den damals fast vergessenen einstigen Cheftheoretiker nicht nur der deutschen, sondern der internationalen Sozialdemokratie, Karl Kautsky, in den Mittelpunkt rückte, erwies sich als höchst zeitgemäß. Mitte der sechziger Jahre machte sich die "skeptische Generation" allmählich zur Studentenbewegung auf. Mit ihren immer dringlicheren Fragen nach den Ursachen des Nationalsozialismus und damit einhergehend danach, wer eigentlich dessen Förderer und wer dessen Gegner waren, kam die Arbeiterbewegung wieder in den Blick.

Drei Parteien rangen um dieses Erbe: die DDR, für die Tradition und Geschichte der Arbeiterbewegung einen einzigartigen Stellenwert als zentrales Moment ihrer Identitätsstiftung bekommen hatten; die Studentenbewegung, die wegen des krassen Widerspruchs zwischen dem emanzipatorischen Gehalt der Marxschen Theorie und der realen Existenz der DDR die Arbeiterbewegung neu entdeckte und auch manch neue Arbeiterbewegung; und die Sozialdemokratie, die ihre Tradition, zunächst zugunsten des Godesberger Volksparteikonzepts mehr und mehr ausgeblendet, nun wiederbelebte.

So nimmt es nicht wunder, daß Steinbergs Dissertation unter dem Titel "Sozialismus und deutsche Sozialdemokratie" 1967 sofort in den Strudel der inzwischen bedeutend verschärften ideologischen Auseinandersetzungen geriet - und seinen Autor unter den Historikern der Neuzeit schnell bekannt machte. Steinberg demonstriert in dieser Schrift sein wissenschaftliches Credo, nämlich die Theorien des Sozialismus nicht isoliert und nicht als gesetzte zu betrachten, sondern als historisch gewordene, und ihre Wirkung ebenso nicht irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten unterworfen zu sehen, sondern konkret zu untersuchen. So zeigte er auf, daß es mit dem Neokantianismus eine durchaus bemerkenswerte Strömung in der deutschen Sozialdemokratie um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gab, der historisch-analytischen Dimension der Marxschen Theorie eine ethische hinzuzufügen, die gerade auch den "Vater des Revisionismus", Eduard Bernstein, beeinflußte. Der formulierte bereits 1898: "Bis zu einem gewissen Grade gilt das 'Zurück auf Kant' meines Erachtens auch für die Theorie des Sozialismus", und konstatierte, der Königsberger Philosoph sei "faktisch ein sehr viel strengerer Realist" als "sehr viele Bekenner des sogenannten naturwissenschaftlichen Materialismus".

Und die eherne These vom sozialistisch geschärften Klassenbewußtsein der Arbeiter, die in der Partei oder zumindest in den Freien Gewerkschaften organisiert waren, überprüfte Steinberg in mühseliger Recherchearbeit an den Ausleihstatistiken der Bibliotheken bei Partei- und Gewerkschaftsorganisationen mit dem Ergebnis: Bevorzugt wurden populärwissenschaftliche Titel der Bereiche Naturwissenschaften und Geschichte. Von den Socialistica wurden nur der Bebelsche Bestseller "Die Frau und der Sozialismus" - bekanntlich nicht gerade als streng marxistisches Theoriewerk zu bezeichnen - sowie, in gebührendem Abstand, Kautskys Kompilat des Marxschen "Kapitals", "Karl Marx' ökonomische Lehren" in nennenswertem Umfang nachgefragt, das "Kapital" selber beispielsweise so gut wie überhaupt nicht. Dafür war das genannte Kautsky-Werk der Einfachheit halber oft rubriziert unter dem Verfassernamen Karl Marx mit dem Titel: "Ökonomische Lehren". Fazit Steinbergs: Die hochentwickelten Theoriedebatten zum Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts in der organisierten Arbeiterbewegung liefen weitgehend ohne die Arbeiter ab.

Auf dem theoretischen Gebiet machte er Karl Kautsky, von seinem Schüler Lenin schließlich als Renegat gebrandmarkt, wieder zum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung. Wie nötig dies war, demonstrierte Steinberg gerne mit einer ihm von seinem Kollegen Georges Haupt mitgeteilten Anekdote: Bei einem Vortrag in Kanada wunderte sich Haupt, daß sein durchaus sachverständiges Publikum ständig vom "Renegade Kautsky" sprach. Sein anfänglicher Verdacht, in eine Versammlung von Leninisten geraten zu sein, wurde aber rasch zerstreut: die kanadischen Jungakademiker hielten "Renegade" für den Vornamen Kautskys.

Zog sich der Autor auch schnell den Zorn der staatssozialistischen Geschichtsschreibung zu, so setzte sich die Qualität der Arbeit doch insofern durch, als die ideologisch motivierte Abwehr begleitet wurde von einer intensiven und freizügigen Ausbeutung des von Steinberg präsentierten Quellenmaterials. Und auch in der Bundesrepublik stieß das Buch auf erstaunliches Interesse: fünf Auflagen dokumentieren eine für eine Dissertation eher ungewöhnliche Verbreitung.

Kaum promoviert, finden wir Steinberg wieder im "Kölnischen Stadtanzeiger", und zwar auf einem nicht weniger als fünfspaltigen Foto mit dem eingeklinkten Titel: "Guten Tag, ich bin Ihr Kandidat!", der Bildunterschrift: "Dr. Hans-Josef Steinberg auf Wahlreise in seinem Bezirk im Gespräch mit einer jungen Hausfrau" und der tröstlichen Schlagzeile: "Niemand knallte die Türe zu". Der nunmehrige wissenschaftliche Angestellte der Friedrich-Ebert-Stiftung machte Wahlkampf für das Kreisparlament des rheinisch-bergischen Kreises. Und nicht nur seine Wahl, sondern auch seine anschließende Reise nach Washington, wo er nicht die Strategien des US-Imperialismus studierte, sondern die Kommunalverwaltung der amerikanischen Hauptstadt, ließen nun auf eine politische Karriere des Historikers schließen.

Doch eine weitere wissenschaftliche Arbeit führte zu erneuten, eher noch heftigeren Auseinandersetzungen: die Rede ist vom Buch "Widerstand und Verfolgung in Essen 1933 - 1945". Die großzügige Unterstützung der Stadt Essen für diese Arbeit - sie stellte 30.000 DM zur Verfügung und kaufte außerdem 2000 Exemplare des Buchs auf, um es an die Schulen weiterzureichen - ging auf die Initiative des damaligen Oberstadtdirektors und ehemaligen Widerstandskämpfers Dr. Rewoldt zurück. Der mußte Steinberg in der Schlußphase seiner Untersuchung zur Eile mahnen, denn der Widerstand inder sozialdemokratischen Mehrheitsfraktion im Stadtrat gegen das Projekt wuchs in jenem Maße, in dem bekannt wurde, daß ein zentrales Ergebnis der Studie die Dokumentation der herausragenden Rolle der Kommunisten im Widerstandskampf sein würde. Diese wiederum unterzogen das Buch einer vernichtenden Kritik in der "Tat", einer Zeitschrift aus dem Umfeld der gerade eben gegründeten DKP, weil Steinberg nicht nur die hohe Opferbereitschaft und den Mut kommunistischer Arbeiter belegte, sondern auch die selbstmörderische Taktik der externen KPD-Leitung anprangerte, die zu einer ziemlich raschen Dezimierung der antifaschistischen Kämpfer führte. Obwohl, und das zielte wiederum ins Zentrum der bürgerlichen Legitimationsideologie, die Nazis keineswegs über einen ubiquitären Unterdrückungsapparat im Schwermaschinen- und Rüstungszentrum Essen verfügten: ganze 40 Gestapoagenten waren in Essen stationiert, und die hatten, wie sie sich bei ihrer Leitstelle in Düsseldorf beschwerten, zur Verfolgung von Verdächtigen nicht einmal Eisenbahnfahrkarten zur Verfügung. Wenn es trotzdem auch in Essen nicht zur Revolte gegen die Nazis kam, dann, so Steinbergs Fazit, lag das daran, daß die Masse der Bevölkerung eben nicht in einer Art kollektiver innerer Emigration verharrte, sondern bereit war, die Nazidiktatur etwa per Denunziation zu unterstützen. Die aus dem Kreis der Steinberg-Eleven herausragende Wissenschaftlerin Inge Marszolek, selber Autorin eines Buches über die Goerdeler-Denunziantin Helene Schwärzel, hat gerade eben ein großes, von der VW-Stiftung gefördertes Projekt über politische Denunziation in Deutschland abgeschlossen, das in mehreren Studien wirtschaftlich unterschiedlich strukturierter Regionen diesen Befund teilweise erschreckend bestätigt. Übrigens mußte Steinberg im Vorwort zur zweiten Auflage seines Essen-Buchs 1973 feststellen, daß in der akademischen Welt der Bundesrepublik der Arbeiterwiderstand immer noch so gut wie nicht zur Kenntnis genommen wird.

Es sind aber nicht nur der Respekt vor den Quellen, das unermüdliche Suchen nach Parallelüberlieferungen, das den Wissenschaftler Steinberg so resistent gegen die Hitze der damaligen ideologischen Gefechte machte. Es ist auch seine Leidenschaft, die Menschen nicht auf ihre Funktion im Produktionsprozeß und das ihnen von den Theoretikern jeweils zugewiesene Klassenbewußtsein zu reduzieren, sondern gerade auch die ihr Milieu prägenden kulturellen Einflüsse zu berücksichtigen - lange vor Erfindung der Kulturwissenschaft. Und nichts war ihm so fremd wie die Methode, zu einem vorgegebenen Ergebnis die geeigneten Belege zu suchen. Ermöglicht wurde diese Herangehensweise durch seine tiefe Skepsis gegenüber monokausalen Abfolgen in der Geschichte. Er hielt es mit der Einsicht, daß selbst die Tatsache, daß jemand unter Paranoia leide, noch kein stichhaltiger Beweis dafür sei, daß derjenige nicht verfolgt werde.

Zu alledem trat nicht nur die Lust an der Auseinandersetzung, sondern auch eine bemerkenswerte Dialog- und Kooperationsbereitschaft - vor allem, wenn es gegen inhaltsleere Rituale ging. So war bis zum Fall des Eisernen Vorhangs die jährliche Konferenz im österreichischen Linz das Forum für den wissenschaftlichen Disput zwischen Ost und West über die Geschichte der Arbeiterbewegung. Auf einer dieser Treffen wurde Steinberg nach seinem Referat vom Doyen der DDR-Historiographie für die Geschichte des deutschen Kaiserreichs, dem ihm in vielem kongenialen Dieter Fricke aus Jena, gefragt, warum er sich zwar auf Marx und Engels, nicht aber auf die Schriften Iassys berufen habe, der doch einigen Einfluß auf das Denken der beiden Klassiker gehabt habe. Steinberg räumte ein, dessen Bedeutung nicht genügend gewürdigt zu haben; allerdings sei Iassys Wirkung auf Marx und Engels erst in allerletzter Zeit bekannt geworden. Fricke aber wertete dies als bedenkliches Defizit. Im Kreis der übrigen Experten wurden diese Ausführungen unter mehr oder weniger großer Verlegenheit und schweigend verfolgt. Nach Sitzungsende erkundigten sich einige Kollegen verstohlen bei Fricke, wer zum Teufel denn dieser Iassy sei. Die Antwort war einfach: Iassy hieß der rumänischstämmige Wirt der Pension, in der Steinberg und Fricke abzusteigen pflegten, und ihm wollten sie seiner Freundlichkeit wegen in systemübergreifender Aktion auch in der Wissenschaft einen Namen machen.

So war Hans-Josef Steinberg bestens ausgerüstet, 1971 den ersten Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der Arbeiterbewegung in der Bundesrepublik zu übernehmen. Er begann seine Lehrtätigkeit im sogenannten integrierten sozialwissenschaftlichen Eingangsstudium. Hier sollten Jurisprudenz, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ihre historische Grundlegung erhalten. Nicht die Geschichte der Fachwissenschaften sollte gelehrt werden, sondern welchen Stellenwert diese Wissenschaften in der Geschichte der Neuzeit haben und unter welchen Voraussetzungen sie entstanden sind. "So weit, so gut", schreibt Steinberg in seinem letzten Aufsatz, einem Beitrag zur Festschrift für Manfred Hahn, der nun postum erscheinen muß, "aber welche Geschichte sollte denn hier grundlegend für drei wichtige Studiengänge werden? Da hatten die Kommissionen ein interessantes Rezept. Erstens: Die Geschichte der Arbeiterbewegung mit all ihren speziellen Erscheinungsformen und ihren Theorien und zweitens: Die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft." Damit, so Steinberg, solle sowohl der Aspekt der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft als auch der ihrer Überwindung durch die sozialistische Arbeiterbewegung berücksichtigt werden.

Fand Steinberg diese Aufgabenstellung schon attraktiv, so vor allem auch das Herzstück des Bremer Modells, die Drittelparität, also die gleichberechtigte und gleichgewichtige Beteiligung von Hochschullehrern, Studierenden und den sonstigen Mitarbeitern, damals wenig liebevoll "Dienstleister" genannt. Das zwang nicht nur zu Diskurs, sondern auch zu Konkretisierung, beides ja Steinbergsche Leidenschaften. Dies waren auch ganz wichtige Gründe für ihn, bereits nach fünf Semestern, also weit innerhalb der Regelstudienzeit, sich als Kandidat für das durch den Rücktritt des Gründungsrektors Thomas von der Vring vakant gewordene Amt des Rektors zu bewerben, wozu er schließlich im Frühjahr 1974 auch gewählt wurde. Da ich weder wiederholen möchte, was mein Vorredner schon ausgeführt hat, noch der Studie über die Geschichte der Universität Bremen vorgreifen will, die zur Zeit am Uni-Archiv entsteht, möchte ich nur zwei Aspekte des Rektorats Steinberg hervorheben.

Erstens: Zu Beginn seiner Amtszeit gab es 3103 Studierende, das Wintersemester nach seinem Rücktritt 1977 startete mit 6019, also eine Verdopplung innerhalb von gut drei Jahren. Die Behauptung, das Bremer Modell hätte nur abschreckenden Charaktergehabt, wird noch weiter obsolet, wenn man weiß, daß in diesen Jahren die Zahl der Studienplatzbewerber je nach Fächern doppelt bis achtmal so hoch wie die der Zulassungen war. Es gehörte unterhalb der großen Auseinandersetzungen etwa um das Hochschulrahmengesetz zu einer der kompliziertesten politischen und juristischen Aufgaben, den Bremer Numerus clausus für alle Fächer aufrechtzuerhalten.

Zweitens: Mit Beginn seiner Amtszeit sah sich Steinberg Umbrüchen gegenüber, auf die die Universität keinen Einfluß hatte, insbesondere die ökonomische Strukturkrise, die Bremen besonders hart traf. Das bewirkte zunächst eine Veränderung des Ausbildungsschwerpunkts: wollte man nicht an den Realitäten allgemein rückläufiger Bildungsetats vorbeiproduzieren, mußte das Quasimonopol der Lehrerausbildung durchbrochen und die hohe Konzentration auf die Geisteswissenschaften abgeschwächt werden. So wurden unter Steinberg die Fächer Biologie und Chemie neu eingeführt und von Anfang an auch als Diplomstudiengänge ausgestaltet. Die Krise schränkte aber vor allem den Spielraum des politischen Senats weiter ein. Damit aber erhöhte sich der propagandistische Druck gegen die Universität. Welch absurde Ausmaße dieser publizistische Feldzug gegen die "rote Kaderschmiede" annahm, verdeutlicht ein Bericht der konservativen "Kölner Rundschau" vom Januar 1977. Der Reporter gibt darin zunächst seiner Verwunderung über die Sauberkeit in den Räumlichkeiten der Hochschule Ausdruck: "Keine ausgetretenen Zigarettenkippen, nirgends Transparente, keine Aktionstische von irgendwelchen Komitees. Die Kanzler der rheinischen Hochschulen hätten ihre wahre Freude." Mit diesen Beobachtungen konfrontiert, klärt ihn dann die Bremer CDU-Fraktion so auf: "Lassen sie sich davon nicht beirren. [...] Wie soll es da auch anders aussehen? Die Linken sind ja unter sich und brauchen keine Unruhestifter." Daß diesem eher amüsanten Beispiel auch Entgleisungen ganz schlimmer Art wie die Bezeichnung "Verbrecherbande" für die Hochschullehrer oder die Empfehlung, die Hervorbringungen Bremer Wissenschaftler dem Feuer zu übergeben, zur Seite standen, soll nicht weiter vertieft werden.

Wie in seiner wissenschaftlichen Arbeit ließ sich Steinberg auch in der Hochschulpolitik von Ideologien nicht imponieren. Um die behauptete Abkapselung der Uni einerseits und den angeblichen Widerwillen der Bürger gegen diese Institution andererseits zu überprüfen, veranstaltete er erstmals einen Tag der offenen Tür - die Hochschule wurde von Interessenten überflutet. Er öffnete die Universität den Medien auch für spektakuläre Aktionen wie jenem legendären Badegang der gesamten Unispitze inklusive AStA im Tümpel am Zentralgebäude, blieb der Dauerpolemik der Bremer Sektion des Bundes Freiheit der Wissenschaft und ihrem offenbar unter dem Motto "invino veritas" agierenden Vorsitzenden, dem Weinhändler Segnitz, keine Antwort schuldig, gab Interviews- und blieb bei alledem aktiver Hochschullehrer, machte Lehrveranstaltungen, nahm schriftliche und mündliche Examina ab und trieb Forschungsprojekte voran. Eine der ersten Pressemitteilungen des Rektorats Steinberg verkündete, die DFG habe Personal- und Sachkosten für das unter seiner Leitung stehende Editionsprojekt des Bernstein-Kautsky-Briefwechsels bewilligt.

Doch Steinberg scheiterte mit seiner Vision einer Universität aller Beteiligten an der zunehmenden Dialogunwilligkeit sowohl seiner linken wie rechten Kritiker innerhalb der Universität als auch der politischen Instanzen. Als sich auch der Bremer Senat- wie man hört, gegen die Stimme seines Präsidenten- der Forderung nach Aufhebung der Drittelparität anschloß, trat Steinberg zurück. Wissenschaftlich kein Ideologe, war er auch politisch kein Parteisoldat, was ihm im übrigen von seinem Senator wie von manch anderem Sozialdemokraten heftig und öffentlich übel genommen wurde. Aber er scheiterte wohl auch daran, daß er kein Mann für die Massenuniversität war, wie sie sich auch für Bremen verwirklichte. Ihm leuchtete nie ein, weshalb man von Effektivitätssteigerung sprechen kann, wenn statt in vier Jahren ein Historiker gut nunmehr in drei Jahren zwei schlecht ausgebildet werden sollen, und er brauchte auch auf gut kölsch seinen Klüngel, eine Gruppe von Vertrauten, nicht Untergebenen, mit der er jenseits aller Zuständigkeitshierarchien seine Politik betreiben konnte. Immerhin qualifizierte man sich beispielsweise als persönlicher Referent Steinbergs etwa für den Posten eines Bremer Innensenators.

In den folgenden über zwanzig Jahren bis zu seiner Pensionierung 1999 übernahm er kein hochrangiges Amt mehr in der Universität, aber er war bis zum Schluß der Stratege der nun längst aus den anderen Fächern in einen eigenen Studiengang zusammengeströmten Historiker. Er publizierte 1979 eine bahnbrechende Bibliographie zur deutschen sozialistischen Arbeiterbewegung bis 1914, bahnbrechend auch deshalb, weil er nicht mit deftigen Wertungen sparte nach dem Motto: "Von Gesinnungsliteratur jedweder Couleur sollte man sich generell fernhalten."

Seine Qualitäten als Historiker, Organisator und Kommunikator kamen Hanjo Steinberg dann gleichermaßen zugute, als er 1988 anläßlich des 50. Todestags von Karl Kautsky eine wissenschaftliche Konferenz über diesen hartnäckigen Verfechter der unauflöslichen Einheit von Demokratie und Sozialismus in Bremen durchführte. Der Ertrag dieser Zusammenkunft von Historikern aus drei Kontinenten läßt sich nicht nur an dem Buch ablesen, in dem die Beiträge gesammelt sind, sondern auch daran, daß diese Konferenz die internationale Historiographie wesentlich dazu anregte, sich mit Kautsky und der nichtdiktatorischen Variante des Sozialismus zu beschäftigen. Weil Steinberg es außerdem nicht einsah, warum ein die Sinne erfreuendes Ambiente nur Tagungen von Zahnärzten und Apothekern vorbehalten sein solle, fand diese Konferenz im vornehmen Parkhotel statt. Die Finanzierung der Veranstaltung durch die VW-Stiftung ließ dann prompt den "Weser-Kurier" barmen, nun wisse man endlich, warum der rechte Rückspiegel beim Golf aufpreispflichtig sei.

Vor allem aber blieb Steinberg engagierter Lehrer. In seinem bereits erwähnten letzten Aufsatz heißt es über seinen Kollegen Manfred Hahn, dieser habe seinen Studierenden vermittelt, "daß die Geschichtswissenschaft nicht nur über eine Muse verfügt, sondern auch zäher, harter Arbeit im Umgang mit den uns überlieferten Quellen bedarf". Für ihn selber gilt dies sicher auch mit der kleinen Akzentverschiebung, daß die Geschichtswissenschaft nicht nur harter Arbeit im Umgang mit den Quellen bedarf, sondern auch über eine Muse verfügt. Und die harte Arbeit versuchte er stets schmackhaft zu machen, etwa mit Hilfe von Exkursionen nach Amsterdam, wo aus manchen interessierten Geschichtsstudenten begeisterte wurden, als sie, was anfangs noch möglich war, einen Originalbrief Rosa Luxemburgs mitsamt getrocknetem Blümchen in der Hand halten konnten. Wenn sich dann aber auf den Gesichtern der Teilnehmerinnen und Teilnehmer diese leicht verklärten, schwärmerischen Züge ausbreiteten, dann intervenierte er trocken: "Außer mit Blümchenpressen beschäftigte sich Rosa Luxemburg auch noch mit der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands."

Ansonsten hielt er von den Lehrern nicht sehr viel - mit wenigen Ausnahmen, nämlich denjenigen, die er selber ausgebildet hatte, deren Zahl allerdings zunehmende Tendenz aufwies, bildete er doch mit seinem Mediävistikkollegen und Kontrahenten in vielen sonstigen Fragen, Dieter Hägermann, das Traumduo für Examenskandidaten im Fach Geschichte.

Das Schicksal der politischen Entwicklung nicht zuletzt seiner eigenen Partei trieb ihn ganz gegen die Tradition des "links rein, rechts raus", wie sie der erste sozialdemokratische Parteisekretär Ignaz Auer formuliert hatte, allein dadurch immer weiter an den linken Rand, daß er an der Vorstellung eines Sozialismus, der nur ein humaner, nie ein barbarischer sein kann, festhielt und daran, daß bei solchen herstellbaren Verhältnissen die Produktivkraft menschliches Vermögen große Segnungen materieller und kultureller Art hervorbringen kann, wie er es bei Karl Marx im dritten Band des "Kapitals" formuliert fand: "Die Freiheit in diesem Gebiet (der Produktion) kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung." Also das Brot muß für jeden da sein; aber nicht das Brot und die Mühen, es zu beschaffen, sind das Ziel, sondern jenes Extra, das nicht zweckgebunden und rational existiert, sondern das die Lust zu leben befördert und befriedigt, und zwar hier und nicht in den Wolken, so wie Heinrich Heine schrieb:

"Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen."

Der Tod, jeder Tod, ist schnell, auch wenn ihm ein längeres Sterben vorausgeht. Und deshalb wohl dauert es oft länger, bis wir begreifen: Hier ist einer nicht mehr.


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 09.08.2004