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Auszug aus: IWK, Heft 2/2004, S. 141 - 149 [Heft bestellen]

Eine "Ich-AG" für sozialistische Theorie?

Zum 150. Geburtstag von Karl Kautsky

Von Till-Schelz-Brandenburg

Ohne die Fähigkeit der Menschen, vergessen zu können, würden die Historiker einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Legitimation verlieren. Den Gesetzen der Dialektik gehorchend, entwickelt sich jene Fähigkeit um so rascher und umfangreicher, je zahlreicher und leistungsfähiger Speichermedien und -orte werden.

Seit der Erfindung der Öffentlichkeit haben sich runde Geburts- oder Todestage als brauchbar erwiesen, gleichsam per Blitzlicht eine bedeutende Persönlichkeit aus dem Dunkel der Vergangenheit zu holen. Daß es dabei meist höchst zusammenhanglos, oberflächlich und eindimensional zugeht, ist beklagenswert, liegt aber in der Natur solcher Schlaglichter. Dabei hängen Intensität und Dauer solchen Gedenkens nicht unwesentlich von der ökonomisch-gesellschaftlichen Potenz der dieser zu gedenkenden Persönlichkeit verpflichteten und von ihr profitierenden Gruppierungen und Organisationen ab.

Von daher hätte man aus Anlaß des 150. Geburtstags von Karl Kautsky, der lange Zeit unbestrittenen Autorität der deutschen Sozialdemokratie und der II. Internationale vor dem Ersten Weltkrieg, einiges erwarten können. Erst Lehrer, dann hartnäckiger und fundamentaler Kritiker Lenins, der in der Sowjetunion die Negation des Marxismus im Namen von Marx sah, mit fast 84 noch auf der Flucht vor den deutschen Faschisten aus Österreich über die Tschechoslowakei in die Niederlande, als einziger Sozialist neben Marx in den "Flammensprüchen" der Nazis bei der Bücherverbrennung genannt, enthält seine Biographie eigentlich nichts, was einer bedeutenden Ehrung entgegenstünde. Doch statt ihn anspruchsvoll und ausführlich zu würdigen, unternahm die deutsche Sozialdemokratie das genaue Gegenteil: Sie setzte eine Presseerklärung ihres Generalsekretärs Klaus Uwe Benneter über die elektronische Ausgabe des "Vorwärts" ab.

In der wurde dem einstigen Vordenker der Partei vor allem attestiert, sein Denken sei "für uns heutige Sozialdemokraten nicht mehr als zeitgemäß zu betrachten". Vom "damals modernen Darwin angesteckt", habe er auch in der gesellschaftlichen Entwicklung nach Naturgesetzen" gesucht. "Auf diesem Wege fand er zu den Marxschen Theorien, zu deren Verbreitung er wesentlich beitrug, wobei er sie nicht unerheblich vereinfachte." Überraschenderweise läßt sich die heutige SPD also die Pflege der "Marxschen Theorien" angelegentlich sein. Nachdem dann gegen den Kautskyschen "Geschichtsglauben einer zwangsläufigen Entwicklung zur sozialistischen Gesellschaft" "sein innerparteilicher Gegner" Bernstein in Stellung gebracht worden ist, "wissen wir", so Benneter, "heute", daß "es für gesellschaftliche Veränderungen beharrlich zu arbeiten gilt". Doch damals, gleichsam in dunkler Vorzeit voller Mystizismus, habe "der Glaube an die Naturgesetzlichkeit des Sozialismus" die wichtige psychologische Funktion gehabt, den "unter ärmlichen Verhältnissen lebenden Arbeiterinnen und Arbeitern [...] Mut und Zuversicht für die Zukunft" zu geben. Der solcherart zum anachronistischen Erweckungsprediger erklärte Kautsky wird aber doch noch aktuell: "Auch aus heutiger Sicht unbestritten ist Kautskys konsequentes Eintreten für Demokratie", wenn auch dieses Engagement recht eigenwillig motiviert wird: "Kautsky sah die Diktatur des Bolschewismus als Sackgasse und engagierte sich für die Demokratie." Nach nochmaliger Versicherung, daß Kautskys Gedanken "sehr zeitgebunden" seien - möglicherweise im Gegensatz zu denen Benneters -, erinnere sich die SPD "gleichwohl" an ihn, er gehöre zu ihrer "großen Tradition dazu".

Letzteres hätte man nach dieser Würdigung gar nicht mehr vermutet. Denn tatsächlich wird in dieser einzigen Stellungnahme, die die SPD-Führung für Karl Kautsky zustande brachte, nur ein Zerrbild jenes Mannes geliefert, der zwischen Sozialistengesetz und Erstem Weltkrieg wie kein zweiter das intellektuelle Erscheinungsbild der deutschen und internationalen Sozialdemokratie prägte und auch nach der epochalen Umwälzung Europas durch diesen Krieg nicht ohne Einfluß war. [...]


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 22.06.2005