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Auszug aus: IWK, Heft 3/2004, S. 291 - 311 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen] Politische Wissenschaft und Caspar David Friedrich - Oder um einen Johannes Agnoli von innen bittendVon Wolf-Dieter Narr
(Fast) ein tragisches Paradoxon. Politikwissenschaft im besonderen, ähnlich und anders den Sozialwissenschaften im allgemeinen, kann sich als Wissenschaft nur konstituieren und halten, in Distanz zu Herrschaft, ihren Formen, Gesichtszügen und Praktiken. Die Feststellung gilt, wenn man annimmt, daß diejenigen, die diese Wissenschaft als ihren Beruf betreiben, eine ungewöhnliche Leidenschaft zur Sache der Politik erfüllt. Politik wird rudimentär mit zwei Voraussetzungen verstanden. Die eine: Die konkrete Utopie dessen, was Politik heißt oder was Politik zu Politik macht, sie in Begriff und Praxis schier identisch werden läßt, bestehe in verantwortlich gestaltendem Zusammenhandeln gleichrangiger Menschen mit anderen Gleichrangigen. Diese Grundannahme gleichen Rangs der assoziierten Menschen und seine stringenten Folgen gelten gerade dort, wo Konflikte gegeben sind, also Entscheidungen getroffen und ausgeführt werden müssen. Die andere Voraussetzung besteht darin, daß keine weiteren Voraussetzungen unbefragt akzeptiert werden. Sprich: Alle Annahmen über politisch-gesellschaftliche Verhältnisse, über Menschen in ihrer Mehrzahl und den ihnen möglichen und nötigen, je nach Kontext wechselnden Bedingungen, über Organisationsformen x, y und z - alle solchen und andere Annahmen müssen auf die transparente, in ihren Gewichtungen angegebene Waage gelegt und ihrerseits dem Politikprozeß verantwortlich gleichschultrig Handelnder ausgesetzt werden. Soziale Anarchie kann die erste Prämisse genannt werden. Die zweite besteht darin, bis zu den bekannten "Kinderfragen" hinauf oder hinab, substantiell zu zweifeln, nicht nur "methodisch". Ontologismen aller Spielarten, Annahmen, die als Gegebenheiten allen menschlichen Seins ausgegeben werden, haben keine Chance. Chancenlos sind vor allem die wirksamsten Unterstellungen: die insgeheimen. Solche werden in der Regel nicht erörtert. Peter Bachrach und Morton Baratz, amerikanische Kollegen, haben sie vor einer Generation in der Auseinandersetzung mit der "Pluralismustheorie" Non-Decisions, Nichtentscheidungen, genannt, nicht mehr zur Disposition gestellte Voraussetzungen. Hebt man politisch reflexiv so an, wird Kritik der Politik zum Kern der Wissenschaft, die sich als Politikwissenschaft auskristallisiert. Subversives Denkhandeln durchdringt alle bestehenden politischen Formen, ihre Inhalte, ihre politischen und außenpolitischen Bedingungen. Geübt wird, womit alle Philosophie beginnt. Man denke nur an die Vorsokratiker. Phänomene, auf deutsch: Erscheinungsweisen, werden möglichst genau wahr- und demgemäß ernstgenommen. Dann wird der Spaten in die Hand genommen. Hinter und unter den Ereignissen, dem, was der Fall ist (oder zu sein scheint), wird geschürft und gegraben. Je nach Spaten, Kraft und Zeit, einen Spatenstich oder mehrere Stiche tief. Rerum cognoscere causas lautet die lateinische Devise. Sie ist freilich zu simpel geraten. Als ließen sich "Ursachen" ohne weiteres erkennen. Als handelte es sich in der Regel um klar und eindeutig zusammenhängende Wirkkomplexe. Die Spatenführung ergibt sich aus der Doppelfrage, nach den Entstehungs- und nach den je nach sozialer Zeit und sozialem Ort wechselnden Funktionsbedingungen der beobachteten Phänomene. Beide Fragen sind immer miteinander zu verbinden. Ungleichheiten nimmt der sozialanarchisch auf gleiche Freiheitsräume der Personen gerichtete Blick zuerst wahr. Ungleichheiten geschlechtlicher, arbeitsteiliger, protoherrschaftlicher Art. Und die Umgangsformen, reproduktiven bzw. produktiven Gestaltungsarten der Ungleichheiten zwischen den Freiheitsräumen, den einzelnen und Gruppen zuhandenen Ressourcen. Aus welcher "Natur", welchem Umstand rühren diese Ungleichheiten und die Muster, damit gewöhnlich nach der "Matthäus-Devise" umzugehen? Wer da hat, dem wird gegeben, damit er die Fülle habe. Zu wessen Zwecken und Nutzen sind Ungleichheiten "gut"? Einfache oder Kinderfragen dieser Art bilden, die Bildvermengung möge nachgesehen werden, den immer erneut treibenden Hefeteig auch noch der feinsinnigsten Analyse hochkomplexer, globaler, sachzwangsverborgener Herrschaft. Darum wird Herrschaft als solche der Sachzusammenhänge kaum noch erkannt. Subversion setzt voraus, daß man sich von Komplexitäten und ihren Verblendungen nicht seinerseits verblenden läßt. Dazu dürfen Komplexitäten nicht schrecklich verkürzt werden. Kinderfragen stellen, und nicht davon abzulassen, sie zu stellen, verlangt vielmehr das kindlichähnliche, wenngleich reflexiv zustande gekommene Vertrauen, sich in die Entstehungs- und Funktionsbedingungen der herrschaftlichen Proteuse und Chamäleons begeben zu können, ohne Angst, in deren Gedärmen zu ersticken oder wohlgefällig, als zusätzlich rationalisierende Herrschaftsnahrung aufgesogen zu werden. O Politikwissenschaft. Entstanden ist sie viel später, als Alexis de Tocqueville in seiner berühmten Einleitung zu "Demokratie in Amerika" verlangt hat, eines der Grundbücher aller Politikwissenschaft. Es treibt an zu lernen. Staat, staatliches Regieren und Administrieren war Jahrhunderte lang gegeben. Sie waren dort, wo Politikwissenschaft angelsächsisch zuerst Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, liberaldemokratisch verfaßt worden. Folgerichtig wurden sie zu Regierungs-, öffentlicher Administrations- und liberaldemokratischer Institutionenlehre. In Deutschland - mit seinen wenigen liberaldemokratischen Lichtflecken, die historisch über anders "gewachsene" Herrschaftsleiber hinweghuschten - wurde Politikwissenschaft als Fach importiert, anders als Soziologie in ihrer großartigsten Form als politische Soziologie des zerklüfteten Max Weber. Vor allem von der US-amerikanischen Besatzungsmacht im Rahmen ihres demokratischen Erziehungsprogramms inszeniert ("reeducation"), kam Politikwissenschaft in die westdeutschen Gänge. Sie entstand als Einbildungslehre in Demokratie, von mir kurz "demokratische Einbildungslehre" genannt. Dies blieb sie bis zum heutigen Tage: prius, also zuerst (genetisch), und primär, also an erster Stelle (funktional). Die zuletzt aufgestellte Behauptung gilt, obwohl sich das, was sich als Politikwissenschaft vor allem in den sechziger und siebziger Jahren ausbreitete und bis auf markante, z. T. wieder entstandene Lücken etablierte, nicht zur quantitativ, sondern qualitativ veränderte. Daß die Kennzeichnung als "demokratische Einbildungslehre" weiterhin vorrangig zutrifft - ich zitiere eine assistentielle Äußerung von mir selbst vor gut vierzig Jahren -, hängt mit den nicht in Frage gestellten Voraussetzungen und Verfahrensweisen zusammen, selbst wenn die Methoden noch so elaboriert und in ihrem jargonoresken Glanz streng geworden sind. Dort oft besonders, wo sie so geworden sind. "Der Staat" ist als Prämisse abgetaucht. Er gilt wie eine zweite Natur selbstverständlich. Gleiches gilt seiner Herrschaft und seinem Monopol. Ebenso ergeht es der staatlichen "Normal"-Verfassungsform unserer globalisierten Tage, nämlich liberaler oder repräsentativer Demokratie. Mit diesen Voraussetzungen, die als solche nicht mehr in den Blick kommen, ist ein ganzer Schwanz weiterer Institutionen und ihrer Funktionen so gesetzt, daß allenfalls Binnengliederungen und Binnenwirkungen, ebenso erhebliche und unübersehbare Kontextänderungen à la Globalisierung untersucht werden. Politikwissenschaft fast aller Spielarten wird, wenn nicht zur Herrschaftswissenschaft, so doch bestenfalls zu einer Wissenschaft, genauer Technik, im Rahmen immer schon fraglos gegebener Herrschaft. Die Banalität von Herrschaft fungiert als Basis der Wissenschaft. Zwei Politikwissenschaften also? Ein wirklichkeitsbewußtes und darob geradezu kategorisches Nein! Die Politikwissenschaft, auf deren bundesdeutsche Variante ich mich stellvertretend konzentriere, wäre nie zu einem Universitätsfach geworden, sie hätte sich nicht zeitweise expandierend, heute wenigstens aufhaltsam gehalten, wäre sie nicht primär als Einbildungslehre und Technikwissenschaft gernegroß geworden. Infolge günstiger Umstände, die auch in der früheren Universität als Einrichtung gegeben waren, die mit manchen Nischen, Winkeln und heterogenen Einsprengseln ausgestattet gewesen ist, keimten und wuchsen Disteln radikaler Herrschaftskritik. Der Distelwuchs hängt also nicht nur mit den bösen Radikalinskis, den "68ern", zusammen: den Kentauern, den Halbtierhalbmenschen, aus dem Untergrund. Der geistige Boden solcher Disteln ist eingangs gesichtet worden. Die konkrete Utopie anarchisch zielender, subversiver Politikwissenschaft als die wahre Wissenschaft trat der herrschaftstechnischen Variante entgegen, genauer, allzu friedsam und bescheiden neben sie. Sosehr der Schreiber jedoch und sein Kollege und Freund, dem dieser Aufsatz gegenwartsbezogen nach-denkt, errötend der zuletzt genannten Politikwissenschaft folgen, sosehr sie diese für die einzig "wahre" erkennen und nur in ihrem Rahmen Lessings Dreiringparabel wissenschaftszählen wollen, so nüchtern muß ein kapitaler Widerspruch ausgehalten werden: daß die von mir, von uns (anderen) als richtig erkannte, a- und antidogmatische Politikwissenschaft, also reich an Varianten und Konflikten, nur als zeitweiliger Mitesser der "eigentlich" etablierten Politikwissenschaft ihr institutionelles Leben fristen konnte (und in raren Personen in Zukunft vielleicht kann). Darum prangt Caspar David Friedrichs romantisch wunderbares Gemälde "Gescheiterte Hoffnung" in der Überschrift: die sich blockierenden, in sich verkanteten Eisschollen. Die Politikwissenschaft, die sein müßte, kann (fast) nicht sein. Die aber, die ist, kann (fast) keine Wissenschaft in irgendeinem substantiell aufklärerischen Sinne des Worts sein. Der aufklärerische Sinn beginnt schon mit dem unvergeßlichen Sokrates und seiner subversiven Dauerfrage: ti estin? Was ist es eigentlich, was du unter Politik verstehst oder was in der Polis unter Politik verstanden und betrieben wird? [...] |
| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 10.09.2005 |