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Auszug aus: IWK, Heft 3/2005, S. 310 - 328 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen] Karl Liebknecht und GenossenDie "Ausrottung der Armenier" während des Ersten Weltkrieges und die deutsche politische LinkeVon Richard AlbrechtIn ihrer "Sittengeschichte des Ersten Weltkrieges" nannten Magnus Hirschfeld und Andreas Gaspar 1929 die "Ausrottung der armenischen Bevölkerung in der Türkei" das "fraglos größte Verbrechen des Erstens Weltkriegs". Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Erkenntnis zunächst überschattet, sodann verdeckt und schließlich verdrängt von dem, was auch Hannah Arendt 1962 nur noch höchst vage und unscharf als "armenische Pogrome von 1915" erinnerte, zugleich aber angesichts der auch von dieser gebildeten und engagierten politischen Wissenschaftlerin behaupteten "Beispiellosigkeit" der Verbrechen "gegen die Menschheit, verübt am jüdischen Volk", nicht weiter behandelt. Inzwischen herbstet es auch in Deutschland. Und nun zeigt sich zunehmend, daß nicht der Holocaust (auch Shoa) genannte Völkermord an europäischen Juden während des Zweiten, sondern eher der Armenozid genannte Genozid an osmanischen Armeniern während des Ersten Weltkriegs der "Prototyp" staatlich geplanter und organisierter genozidaler oder Völkermordhandlungen war - eine Erkenntnis, die der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Louis Irving Horowitz 1980 zuerst formulierte. Insofern könnte sich auch weiter erweisen, daß, was als behauptete "Singularität" oder Einzigartigkeit des Holocaust erscheint, tatsächlich nichts anderes ist als die Fortsetzung des deutschen Sonderwegs auch in der Genozid- oder Völkermordpolitik(forschung). Darauf deuten jedenfalls, zu Ende gedacht, auch neuere wissenschaftliche Studien und Publikationen etwa von Vahakn N. Dadrian, Wolfgang Gust und Richard Albrecht hin. [...] Der folgende Beitrag bleibt zunächst unterhalb dieser - demnächst um einen neuen Autorentext zum Genozid-Armenozid-Serbozid-Komplex als GAS-Trilogie zu erweiternden - komparatistischen Ebene zu genannten drei historischen Völkermorden oder Genoziden im vergangenen Jahrhundert. Er nimmt in Form einer speziellen wissenschaftlichen Fallstudie oder eines Forschungsberichts Hinweise eines früheren Beitrags zur Kritik an Politik-, Rechts- und Sprachgeschichte am Beispiel der bis heute im Deutschen gebräuchlichen Schlüsselmetapher vom "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" - dieser Jahrhundertuntertreibung - wieder auf: Ging es dort um von der reichskaiserlich-bürokratischen Zensur 1914 (wenn nicht veranlaßte, so doch) begünstigte Sprachmanipulationen durch bewußte und doppelte Falschübersetzungen, so daß "ces nouveaux crimes contre l'humanité" (et civilisation) auf "dieses neue Verbrechen gegen die Menschlichkeit" heruntergespielt wurde - so geht es hier und vor jeder Verallgemeinerung zunächst um einen ebenfalls bis heute vernachlässigten Einzelaspekt deutscher Politikgeschichte während des Ersten Weltkriegs: es geht um den Kampf deutscher politischer Linker unter den Bedingungen wilhelminisch-bürokratischer Zensur und militärdiktatorischer Unterdrückung (oder Repression). Um so wichtiger, daß zuletzt auch im Sachbuch "Türkei, Deutschland und der Völkermord an den Armeniern" an ein wichtiges Ereignis dieses Kampfes erinnert wird: "Am 11. Januar wird ein Gespräch, das Karl Liebknecht mit Lepsius führte, Anlaß zu einer Anfrage des sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstag. Es ist ein solitärer Vorstoß, der im Parlament kaum Resonanz findet: 'Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt' - so Liebknecht -, 'daß Professor Lepsius geradezu von einer Ausrottung der türkischen Armenier gesprochen ...' Hier wird der Vortrag durch die Glocke des Präsidenten mitten im Satz unterbrochen. Es kommt zu tumultartigen Szenen, der Redner versucht vergeblich weiterzusprechen. Rufe 'Ruhe! Ruhe!' werden laut. Der Präsident des Reichstags: 'Herr Abgeordneter, das ist eine neue Anfrage, die ich nicht zulassen kann!'?" [...] |
| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 14.09.2006 |