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Auszug aus: IWK, Heft 3/2005, S. 347 - 365 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

"1968" in England - ein vergessener Erinnerungsort?

Von Steffen Bruendel

[...] Um den Versuch einer historischen Einordnung von "1968" in der britischen Memorialkultur geht es im folgenden. Es werden sowohl die Erinnerungen von Zeitzeugen und ehemaligen Aktivisten als auch die geschichtswissenschaftlichen Deutungen in den Blick genommen und unter Rückgriff auf das methodische Konzept der Erinnerungskultur analysiert, das von Maurice Halbwachs begründet und von Jan Assman, Peter Burke u. a. konkretisiert wurde. [...]

Entscheidend ist, daß Erinnerungen immer eine "Rekonstruktion der Vergangenheit mit Hilfe von der Gegenwart entliehenen Gegebenheiten" darstellen und es vom aktuellen Handlungskontext, den Gegenwartsinteressen oder den Zukunftserwartungen abhängt, welche vergangenen Ereignisse in welcher Form erinnert oder vergessen werden. Als eine "selegierende Kraft" (David Rapaport) wirken dabei auf individueller Ebene Emotionen und auf kollektiver Ebene das geschichtspolitische Interesse der Deutungsexperten: Unangenehme Erinnerungen werden entweder unterdrückt oder verdrängt, während Angenehmes oder Identitätsstiftendes erinnert wird. Vergangenheit existiert daher nicht "als solche"; sie wird durch den sozialen Rahmen der Gegenwart rekonstruiert. Die "Erinnerungskultur" einer Gesellschaft ist deshalb nichts Statisches. Die sozialindividuelle Wahrnehmungs-, Deutungs- und Orientierungsleistung muß jede Generation erneut vollbringen. Folglich gibt es in jeder Gesellschaft einen Kampf auf der Ebene der Deutungskultur, wobei offizielle und inoffizielle Erinnerungen auseinanderklaffen können.

Dieses Phänomen zeigt sich insbesondere an der Erinnerung an "1968" in England. Zunächst sollen die Darstellung der britischen "1968er" Jahre in der Forschungs- sowie in der Erinnerungsliteratur skizziert und die beiden Hauptthesen aufgezeigt werden, welche die Interpretation von "1968 in Britain" charakterisieren. Anhand einiger ausgewählter Ereignisse und Themen wird dann "1968" in Großbritannien vorgestellt und an konkreten Beispielen herausgearbeitet, welche Faktoren neben studentischer Bewegung und sozialem Protest für vergangenheits- und geschichtspolitische Deutungen von "1968" relevant sind. Schließlich gilt es herauszufinden, ob und inwiefern "1968" auch in der englischen Geschichte einen Erinnerungsort darstellt. [...]


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14.09.2006