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Auszug aus: IWK, Heft 4/2005, S. 496 - 507 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

Heinrich Cunow oder der Narren Mühsal

Von Bernd Florath

[...] Dem Marxismus der II. Internationale, insonderheit dem, wie er sich in Deutschland unter Wortführerschaft seines Kirchenvaters Karl Kautsky ausgeprägt hat, haftet der Ruch des Epigonentums an. Georgij Plehanovs Drohung, "aus dem 'Kapital' ein Prokrustesbett zu machen für alle Mitarbeiter des 'Vestnik Narodnoj voli'", illustriert diesen Ruf zwar eher, als sie ihn wirklich erklärt, doch weist sie drastisch auf die Weigerung hin, das Marxsche Erbe als methodisches Beispiel theoretischer Entwicklung anstatt als gegebene und nur noch zu interpretierende und zu popularisierende "wissenschaftliche Weltanschauung" zu sehen. Diese "wissenschaftliche Weltanschauung" - ich kann diese contradictio in adiecto beim besten Willen nicht aus den zitierenden Anführungszeichen entlassen - lag gleichsam wie eine konservierende Folie über dem ebenso chaotischen wie beunruhigenden Erbe, das Marx seinen Schülern hinterlassen hatte. Man konnte es sehen, doch nicht berühren. Die Unordnung des Schreibtisches wurde zum Museum, statt als normaler Zustand eines Labors angenommen zu werden, der nach permanenter ordnender Wiederherstellung eines anderen chaotischen Zustandes schreit.

Diese Situation ist oft genug beklagt worden. Kaum gefragt wurde indes nach dem Sinn dieser Marxistischen Selbstbeschränkung. Die bloß interpretierende und popularisierende Arbeit der Epigonen gewann eine derart dominierende Faktizität, daß Erklärungsversuche ihr nicht beikommen, wenn sie sie nur als defizitäre Rezeption begreifen. Es soll hier also nicht gefragt werden, was an der intellektuellen Arbeit der Sozialisten der II. Internationale gleichermaßen Zeichen theoretischer Basisinnovation war bzw. ob und inwiefern sie sich von ihren theoretischen Urvätern entfernt hatten. Vielmehr soll der Frage nachgegangen werden, was sich an Unabgegoltenem in der Arbeit eines Historikers der Sozialdemokratie findet, dem sicher eines nicht nachgesagt werden kann: funkelnder Esprit, brillante Argumentation, ja nicht einmal glanzvoller Stil.

Heinrich Cunow, von dem hier die Rede sein soll, ist zweifelsohne einer der produktivsten Historiker in der deutschen Sozialdemokratie. Er ist ebenso zweifelsfrei Kind jenes Epigonentums, das gleichermaßen bemüht wie engagiert auf den Spuren dessen wandelte, was sie für das Erbe seiner Gründungsväter hielten. Und so wäre man fast geneigt zu glauben, daß die Beschäftigung mit Cunows Texten wenig Erhellendes hergibt: zu unnahbar dröge sein Werk, dessen Lektüre den unabweisbaren Eindruck trockenster Buchstabengelehrtheit hinterläßt.

Aus nur grober Kenntnis seiner Biographie wäre immerhin eine These denkbar, zu der er indes weniger als Subjekt, als Autor, denn als Objekt späterer Betrachtung taugt: die These nämlich, daß sich die Änderung der Stellung des Wissenschaftlers in den politischen Schlachtordnungen seiner Zeit mehr oder minder unmittelbar auf Resultate seiner Forschungen ausgewirkt habe. Mit welchem Gestus hat Heinrich Cunow die Französische Revolution vor 1914 untersucht und mit welchem nach dem Ersten Weltkrieg. Es ließe sich vermuten, daß in dem Maße, in dem sich Cunow vom linken auf den rechten Flügel der Sozialdemokratie bewegte, sich seine Sympathien von den Radikalen um Robespierre zu den Moderaten um Danton verlagert hätten, die Gewichtungen von Demokratie und Diktatur, Freiheit und Gleichheit in der Sicht eines mehrheitssozialdemokratischen Historikers sich gewandelt hätten. Doch Cunow läßt sich zum Beleg derart wohlfeiler Hypothesen nicht vorführen. Eine erneute Lektüre seiner Texte über die französische Revolution, die sich hartnäckig vorgefertigten Hypothesen verweigert, rief mir indes einige seiner Überlegungen in Erinnerung, die wie seine Texte, ja wie Cunow selbst, vollkommen zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. [...]


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01.12.2006