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aus: IWK, Heft 1/2006, S. 1 - 2 [Heft bestellen]

Editorial

Am 8. Januar 2007 lief - glaubt man den Einschaltquoten - die liebste Sendung der Deutschen: "Wer wird Millionär?" Und die erste Million des neuen Jahres gewann der 27jährige Marburger Student Timur Hahn. Die Bedeutung der Buchstaben "S" und "A" in der PISA-Studie, die Frage nach dem Haber-Bosch-Verfahren, die Rolle des Komikers Freddie Frinton und schließlich die Frage nach einem mythischen König, der zum Namensgeber eines Meeres wurde - alles kein Problem. Die Medien drückten dann auch ihr Erstaunen über diesen Studierenden aus. Er sei "ein ganz origineller Vogel", eine "interessante Figur - vom Habitus und der Sprache her", sagen seine Dozenten; doch kein Bericht kommt ohne Verweis auf das doch recht zauselige Alter aus: "Langzeitstudent knackt die Millionenfrage". Vor seinem jetzigen Magisterstudium hatte er nämlich vier Semester Chemie belegt. Timur Hahn hatte sich also Zeit genommen, sich nicht häppchen- und punktesystematisch hetzen lassen, wurde vielleicht bestimmt durch Neugier und ein sich langsam bildendes Urteilsvermögen.

Das ist beileibe kein Plädoyer für ein überdehntes Studium, wohl aber Anlaß, auf das im Heft abgedruckte Diskussionsangebot "Studierende - verweigern Sie den Bachelor-Abschluß!" der Hochschullehrer Peter Grottian und Wolf-Dieter Narr hinzuweisen. Beide streiten mit Aplomb gegen eine zunehmend strukturell verankerte und habituell eingepaukte Entbildung, die sie am Exempel der Bachelor-Studiengänge, "die so tun, als ob Menschen einer durchgeschobenen Pizza gleich durch ein sechssemestriges Studium wissenschaftlich begründete Urteilsfähigkeit erwerben könnten", als "bildungspolitisches Verbrechen an den jungen Menschen" geißeln. Und das ist keine Petitesse.

Sven Steinacker untersucht am Beispiel der "Marterhöllen der kapitalistischen Republik" die sogenannte Fürsorgeerziehung in der zweiten Hälfte der Weimarer Republik nicht nur als spezifischen Tätigkeitsbereich staatlicher Sozialisationsagenturen, sondern auch als politisches Kräftefeld, in dem eine Vielzahl staatlicher wie nichtstaatlicher Akteure mit je unterschiedlichen Absichten und Interessen agierten. Breiten Raum nehmen dabei die Beschreibung und die Bewertung individueller oder kollektiver Verweigerung und Protest von Jugendlichen ein. Der Aufsatz enthält auch einige Lithoschnitte aus dem Zyklus "Fürsorgezögling" von Carl Meffert. Für die freundliche Genehmigung zum Abdruck danken wir der Stiftung Clément Moreau in Zürich.

Klaus-Dieter Groß wagt mit "'Berg frei' jenseits des Atlantiks?" einen ersten Versuch über die Naturfreundebewegung in den USA und markiert Rahmen und Fragestellungen für weitere detaillierte Untersuchungen.

In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich die Diskussion um eine Faschismusdefinition lebhaft entwickelt. Vor allem die 1991 publizierte Arbeit "The Nature of Fascism" des in Oxford lehrenden Politologen Roger Griffin hat die internationale Faschismusdiskussion stark beeinflußt. Die zentrale Formulierung seiner idealtypisch konstruierten Definition lautet, daß Faschismus als politische Ideologie eine palingenetische Form eines populären Ultranationalismus sei. Manfred Weißbecker setzt sich nun mit einer Debattenrunde um Griffins Thesen auseinander. Weitere Besprechungen schließen sich an.

Abschließend ist es mir ein besonderes Bedürfnis, Hartmut Rübner für die uneigennützige Hilfe und gute Zusammenarbeit bei der Redaktion auch des vorliegenden Heftes zu danken.

Das nächste Heft wird im Frühjahr als Doppelnummer mit dem schon letztens angekündigten thematischen Schwerpunkt über das Milieu von "1968" in Westberlin, aber auch weiteren Aufsätzen, darunter dem ebenfalls schon avisierten über die Karriere eines kommunistischen Gestapokonfidenten, erscheinen.

Berlin, im Januar 2007 Andreas Graf

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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 19.02.2007