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Auszug aus: IWK, Heft 1/2006, S. 3 - 59 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen] "Marterhöllen der kapitalistischen Republik"Revolutionäre Politik und subproletarischer Protest in der Fürsorgeerziehung der Weimarer RepublikVon Sven Steinacker[...] ist ein Blick auf die sogenannte Fürsorgeerziehung in der zweiten Hälfte der Weimarer Republik lohnenswert, die dadurch nicht nur als spezifischer Tätigkeitsbereich staatlicher Sozialisationsagenturen fokussiert werden kann, sondern als politisches Kräftefeld, in dem eine Vielzahl staatlicher wie nichtstaatlicher Akteure mit je unterschiedlichen Absichten und Interessen agierten. Zwei Aspekte scheinen hierbei aus der Perspektive einer Sozialgeschichte des deutschen Wohlfahrtswesens von besonderem Interesse: Zum einen läßt sich die Fürsorgeerziehung als Gegenstand hegemonialer Kämpfe als politisches Terrain in den Blick nehmen, auf dem sich unter der Oberfläche der Debatten über Sinn, Zweck und Ausgestaltung der Fürsorgeerziehung handfeste ideologische, interessengeleitete und machtpolitische Konflikte abspielten, bei denen es um die grundlegenden gesellschaftlichen Ordnungs- und Entwicklungsvorstellungen der beteiligten Fraktionen ging. Neben den traditionell tonangebenden wohlfahrtspolitischen Akteuren, das heißt in erster Linie: den öffentlichen Jugendfürsorgebürokratien, ihren politischen Trägergruppen und den mit ihnen eng verflochtenen konfessionellen Wohlfahrtsverbänden, schalteten sich im letzten Drittel der zwanziger Jahre stärker noch als zuvor auch die linksliberale Öffentlichkeit sowie Teile der revolutionären Arbeiterbewegung in diese Auseinandersetzungen ein. Einerseits galten die Praxen der Fürsorgeerziehung der radikalen Linken nicht zu Unrecht als Paradebeispiel für die menschenunwürdigen Verhältnisse des zu bekämpfenden, möglichst zu überwindenden kapitalistischen Staates, während gleichzeitig die jugendlichen Heiminsassen als potentielle "Bündnispartner" im Klassenkampf entdeckt wurden. Zum anderen läßt sich die Fürsorgeerziehung als Ort hegemonialer Kämpfe, als Arena sozialer Auseinandersetzungen zwischen den Erziehern und den zu Erziehenden, sprich den heranwachsenden Insassen der Erziehungsanstalten, fokussieren. Es geht hierbei um die bislang in der wohlfahrts- und sozialpolitikgeschichtlichen Forschung weitgehend vernachlässigte Perspektive auf Fürsorgeempfänger und -empfängerinnen als handelnde Subjekte mit spezifischen Bedürfnissen, Wünschen und Handlungsoptionen, die versuchten, ihre Lebensbedingungen im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten aktiv und kompetent mitzugestalten. Die sozialen Beziehungen zwischen Erziehern und Zöglingen waren seit den Anfängen der öffentlichen Ersatzerziehung von Konflikten und Auseinandersetzungen geprägt, deren Dynamik unter den sozialen und (wohlfahrts)politischen Bedingungen der späten zwanziger Jahre allerdings erheblich an Schärfe zunahm. Anders, als die gebetsmühlenartig vorgebrachten Klagen der Fürsorgeerzieher suggerieren, ging dies allerdings weder ausschließlich auf das Konto kommunistisch agitierter Jugendlicher bzw. entsprang einer genuin sozialrevolutionären Motivation der Anstaltsinsassen, noch schlugen sich die Proteste vorwiegend in gewaltförmigen Revolten nieder. Beides war, wenn überhaupt, nur in Ausnahmefällen der Fall. Gleichwohl blieben die Anstaltskampagnen der revolutionären Linken nicht ohne Einfluß auf die Auseinandersetzungen in den Erziehungsanstalten, als sie auf eine subproletarische Protestkultur trafen, über die bestimmte Aspekte der linkradikalen Anstaltspolitik selektiv adaptiert und in das Handlungsrepertoire übernommen wurden. [...] |
| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 19.02.2007 |