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aus: IWK, Heft 2-3/2006, S. 141 - 144 (ohne Anmerkungen) [Heft bestellen]

Wir sind Elite

Warum wir immer noch erscheinen

Von Andreas Graf

Dixi et salvavi animam meam

Seit dem Mittag des 19. Oktobers 2007 darf sich auch die Freie Universität Berlin für ihr wegweisendes Zukunftskonzept mit dem Titel "Eliteuniversität" präsentieren. Aus bereits Vorbildlichem soll Besseres werden. Die Universität soll sich in ein Exzellenzzentrum der Wissenschaften verwandeln. Die volltönenden Ankündigungen sind in der Tat beeindruckend.

Die Situation der IWK in ihrem 43. Jahr allerdings ist nachgerade nicht exzellent; elitär kann (oder soll) sie ihren Weg nicht beschreiten - trotz achtbarer Auflage. 1995 hatte sich die Freie Universität auf eine Initiative des damaligen Wissenschaftssenators gegen unbefristete Erstattung der Personalmittel für eine BAT-Ib/IIa-Stelle verpflichtet, die vom Wissenschaftsrat im Zusammenhang mit der Evaluierung der Historischen Kommission zu Berlin positiv bewertete Zeitschrift "Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" in der Verantwortung des Fachbereichs Politikwissenschaft weiterzuführen. Das Kuratorium der FU stimmte dieser Übernahme 1995 zu. Der Haushaltsplan der FU wies 1996 erstmals eine entsprechende Ib/IIa-Redakteursstelle aus. Der Plafond wurde entsprechend dauerhaft erhöht. Mit "dem Exodus aus dem Mittelhof" hatten "für die hauptsächlich Betroffenen Zeiten der perspektivischen Umkehr und einer zunehmenden Ungewißheit ihr Ende gefunden". Aus einem sporadisch erscheinenden Newsletter war in den siebziger Jahren immerhin eine Vierteljahreszeitschrift mit quantitativ und qualitativ fortgesetzt steigenden Ansprüchen entstanden. Ein tragfähiges Fundament also, ein Haus, das bestellt schien.

1999 aber stand die IWK vor einer neuen, ganz unerwarteten und schmerzlichen Herausforderung, die in der tödlichen Erkrankung des verantwortlichen Redakteurs Gunter Krüschet ihren Ausgangspunkt nahm. In den Jahren 1999 und 2000 war es jedenfalls nur dem Einsatz freiwillig tätiger Redakteure, wie Dirk H. Müller, Ottokar Luban und Andreas Graf, der schließlich nach einer kurzzeitigen Krankenvertretung noch für einige weitere Ausgaben aus Werkvertragsmitteln honoriert werden konnte, zu danken gewesen, daß überhaupt weitere Hefte ausgeliefert werden konnten. Die Auseinandersetzungen um die damaligen Stabilisierungsbemühungen innerhalb der Universität sind in dieser Zeitschrift ausreichend beschrieben worden.

Im April 2001 wurde Graf zum wissenschaftlichen Assistenten am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft ernannt. Ein Redakteur wurde freilich nicht eingestellt. Allen Beteiligten war klar, daß ein wissenschaftlicher Assistent Aufgaben in der Lehre und in der Forschung wahrzunehmen hat, die mit den Redakteursbelastungen konfligieren. Die Leitung einer Redaktion ist immerhin eine typische Daueraufgabe. Die einzelnen Hefte sollten einen Diskurszusammenhang wahren und einen Diskussionszusammenhang darstellen. Die traditionellen Aufgaben wie inhaltliche und stilistische Redaktion der Manuskripte, Autorenbetreuung und -akquisition, Bestellung und Vergabe von Rezensionsexemplaren, aber auch das "Projektmanagement" zählen zu den Aufgaben eines Redakteurs. Bald agierte dieser nur noch allein, denn der letzte noch verbliebene Altredakteur, Franz J. Frohn, übernahm das Pressearchiv des OSI. Für ihn kam kein Ersatz. Dem verantwortlichen Redakteur fiel nun auch sein Aufgabenbereich zu. Manche Tage war er ausschließlich mit simplem Paketieren ausgelastet. Die Redaktion zog immer mal wieder innerhalb der Universität um - wie der aus Kindertagen bekannte Butzemann im Kreis herum widibum - und verbrauchte dafür allein vier Telefonnummern. Erstaunlicherweise erschienen aber immer neue Hefte.

Die Redaktion versucht die Quadratur des Kreises, dauernd damit beschäftigt, den Betrieb irgendwie in Gang zu halten, Schwierigkeiten zu beheben und das Profil der Zeitschrift weiterzuentwickeln. Die Tatsache, daß es keinen ausschließlich für die IWK mehr zuständigen Redakteur gab, die Zeitschrift quasi nebenberuflich redigiert und produziert wurde und wird, schrieb die unregelmäßige Erscheinungsweise, seit Jahren ein ungeliebtes "Marken"zeichen, fort.

Im März 2007 endete Grafs Assistenz, und er verließ die FU; davon blieben seine Mitgliedschaft im wissenschaftlichen Beirat der IWK und die Schriftleitung jedoch unberührt. Auch die Redaktion, die aus Heiner M. Becker, Andreas Graf, Andreas Hansen und Hartmut Rübner besteht, arbeitete auf Zuruf weiter - freiwillig und solidarisch (und entgeltlos). Ein Ergebnis ist das vorliegende Heft; zwei weitere Hefte werden gewissermaßen im Monatstakt folgen. Und das ist wörtlich zu nehmen.

Im Sommer 2007 erhielt die Redaktion erstaunte Anfragen von Verlagen, Abonnenten und Autoren, warum ihre Sendungen an die IWK mit dem Vermerk "unbekannt" zurückkämen. Weder der wissenschaftliche Beirat noch die Redaktion waren von der Auflassung der Poststelle unterrichtet worden. Computer, Telefon, ja selbst die Website werden mittlerweile privat betrieben und bezahlt. Urplötzlich mußten auch die in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand genutzten Räume aufgegeben werden. Nur bürokratische Routine oder doch eine kalte Liquidation? Dankbar nahmen wir daher das Angebot der Kollegen vom Basisdruck-Verlag an, uns in ihren Räumen zu behausen.

Wir befinden uns in einer seltsamen Zwischenphase. Die Zeitschrift wird von der FU herausgegeben, während ihre Redaktion dort keinen Platz mehr hat - nur noch das Lager. Der nicht nur wirtschaftliche Schaden, der damit der IWK zugefügt wird, ist nahezu irreparabel.

Eine wie auch immer geartete Planungsperspektive, ohne die eine Redaktion schlechterdings kaum verbindliche Absprachen mit Autoren treffen kann, ist durch Ungewißheit ersetzt. Wir arbeiten mithin gleichsam für eine Zukunft, ohne zu wissen, ob es überhaupt noch Zukunft gibt. Doch wenn offenbar die frisch geadelte Universität unter ihrem Präsidenten Dieter Lenzen die IWK nicht will, so wäre die Alternative die Verlagerung der Redaktion in einen verläßlichen Bereich. Und da steht nun gerade nicht irgendwer bereit, sondern das weltweit reputierliche Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, das durch seinen Direktor Jaap Kloosterman schon im März 2007 erklärt hat, das Patronat über die IWK übernehmen zu wollen. Doch man spricht schlicht nicht mit ihm. Zwei in Aussicht genommene Gesprächstermine wurden kurzfristig abgesagt oder gar nicht erst wahrgenommen. War da nicht irgendwo von internationalen Kooperationen und Vernetzungen die Rede? Oder indiziert das schon die Grenzen des Elitären? Papier ist eben geduldig. Die Angelegenheit drängt, denn hinter diesen ganzen Querelen stehen auch Menschen, die sich bisher freiwillig engagiert haben. Und Freiwilligkeit und Solidarität sind hohe Güter. Beide sind durch nichts zu ersetzen. Aber sie haben auch ihre Grenzen. Ob man darüber auch einmal nachdenken könnte? Doch wer interessiert sich heute noch für solche Petitessen.

In dem vorliegenden Doppelheft präsentiert Richard Albrecht unter dem Titel "Neue Armut - alte Armut" (s)eine an Karl Marx und Friedrich Engels angelehnten konzeptionellen Vorstellungen von Pauper(ismus) als "Beitrag zu einer von ihm für möglich - und wünschenswert - gehaltenen wissenschaftlichen Debatte und öffentlichen Diskussion. Thomas Meese, gewaschen und rasiert, ein von "Hartz IV" betroffener Ein-Euro-Jobber, analysiert im Anschluß zornig die fortschreitende Pauperisierung breiter Bevölkerungsteile und die Hilflosigkeit der Politik, die, in den Worten des ehemaligen Arbeitsministers Franz Müntefering, keine Schichten kennt, sondern nur "Menschen, die es schwerer haben, die schwächer sind. Das ist nicht neu. Das hat es schon immer gegeben."

Siegfried Grundmann setzt im Ergebnis einer geradezu kriminalistischen Suche Stein für Stein ein Mosaik der nachrichtendienstlichen Kariere Adolf Sauters zusammen, der zunächst für den Nachrichtenapparat der KPD, dann für die Gestapo und nach 1945 für den CIC der US-Armee sowie auch noch andere Dienste resp. als "freier" Nachrichtenhändler arbeitete. Es liegt in der Natur der Sache, daß dabei vieles lückenhaft und auch widersprüchlich bleiben muß.

Knud Andresen untersucht den Sozialistischen Schülerbund (1926 - 1932). Dieser existierte nur kurze Zeit und blieb quantitativ marginal. Obgleich das so war, war er doch eine politische Sozialisationsinstanz ersten Ranges für eine Reihe bekannter Kommunisten, so Wolfgang Abendroth, Heinz Brandt, Siggi Neumann [Paul Brandenburg], Emil Carlebach, Nathan Steinberger und Stephan Hermlin.

Nils Ferberg widmet sich den nahezu unbekannten sozialdemokratischen Aktivitäten unter den Deutschbalten in Lettland.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen ist mittlerweile in der Bundesrepublik eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit geworden. Nichtsdestoweniger stellt sich dabei die Frage, wie auf dem Hintergrund der veränderten Erinnerung an den Nationalsozialismus und des demographischen Wandels (Generationenfolge und Einwanderung) der historisch-politische Unterricht in der Schule über Nationalsozialismus und Holocaust in der Zukunft gestaltet werden soll. Diese Diskussion steckt erst in den Anfängen und wird bislang kaum von schulischen Praktikern geführt. Dieter Nelles stellt nun Befunde und seine Überlegungen zum Geschichtsunterricht in der Einwanderungsgesellschaft zur Diskussion, wie eine "Erziehung nach Auschwitz" auf der Ebene der Lerninhalte und des unterrichtlichen Zugangs, auf der pädagogischen Ebene und auf der Ebene der Lehrenden umgesetzt werden könnte.

Wladislaw Hedeler und Andrej Savin haben drei Dokumente aus dem Bestand Feliks Dzierzynski aus dem Russischen Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte ediert, die nachweisen, daß die OGPU der Sowjetunion bereits 1925, also lange vor der nationalsozialistischen "Machtergreifung" die Theorie einer deutschen "fünften Kolonne" aufgestellt hatte, die dann in der Zeit des "Großen Terrors" 1937 bis 1938 zur Anwendung kam.

Einen Vorgeschmack auf eines unserer nächsten Hefte liefert der Bericht über die Tagung "Die deutschen Gewerkschaften zwischen 1933 und 1945: Kapitulation und Anpassung - Wartestand und Widerstand" von Christopher Schmidt. Literaturkritische Miszellen - Hartmut Rübner über "Neuere Untersuchungen zum Verhältnis von Anpassung, Zustimmung und Dissens im 'Dritten Reich'?", Reiner Tosstorff über die "Deutsche Volksfront" und Ilko-Sascha Kowalczuk über die "Suche nach der Opposition" - und Rezensionen sowie wissenschaftliche Mitteilungen beschließen das Heft.

Zu guter Letzt ist Michael Peschke für die kritische Lektüre einiger Aufsätze nachdrücklich zu danken.

Berlin, im November 2007


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IWK-Redaktion E-Mail: info@iwk-online.de 02.01.2008