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Auszug aus: IWK, Heft 3-4/1998,
S. 297 - 315
Geschlechterbilder in der politischen AuseinandersetzungEinleitungVon Brigitte Kerchner und Sigrid Koch-BaumgartenInhaltsübersicht1 "Gender" in der historischen Gewerkschaftsforschung
"Die alten Schachteln sollten lieber zu Hause bleiben und Kartoffeln kochen."1 Mit dieser plastischen Aufforderung erntete ein Mitglied des Bauarbeiterverbandes auf dem Zehnten Gewerkschaftskongreß des "Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes" (ADGB) im Jahre 1919 nicht etwa Empörung, sondern "große Heiterkeit". Zwar bemühte sich die Kongreßleitung, die Bemerkung als "unangebracht" und als isolierte Einzelmeinung eines Delegierten herunterzuspielen, der im Eifer des Gefechtes über die Stränge geschlagen war. Aber im zeitgeschichtlichen Kontext der Auseinandersetzungen um Frauenerwerbsarbeit und um die Integration von Frauen in die Gewerkschaften2 erhält diese Äußerung politische Brisanz. Die "unangebrachte Bemerkung" nämlich aktivierte gängige Vorstellungen über Weiblichkeit, über Frauenerwerbsarbeit und auch über den Status von Frauen in den Gewerkschaften. Hier wurde genau jenes Ernährer-Hausfrau-Modell visualisiert, das sich im 19. Jahrhundert in den Industriegesellschaften durchgesetzt hatte, um die moderne Form der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung abzusichern.3 Prägnant und polemisch verkürzt hatte der Bauarbeiter an dieses Ernährermodell erinnert, um die weitere Öffnung der Verbände für Frauen abzuwehren, die gerade beschlossen werden sollte. Denn mit der Aufforderung an die Frauen, "lieber zu Hause [zu] bleiben und Kartoffeln [zu] kochen", hatte es 1919 eine spezielle Bewandtnis. Hier formulierte ein einzelner nur, was in den unmittelbaren Nachkriegsjahren während der Demobilmachung viele dachten.4 Durch die gerade einsetzenden Versuche, Frauen aus dem Erwerbsleben zurückzudrängen, stand den Zeitgenossen der Gegensatz zwischen männlichen und weiblichen Berufsinteressen schärfer denn je vor Augen. Doch ein mit allen Mitteln auf Ausgleich und Harmonie bedachter Gewerkschaftskongreß wollte einen offenen Geschlechterkonflikt nicht riskieren.5 So wurden die aufbrechenden Gegensätze mit Hilfe indirekter Reden und unterhalb der programmatischen Ebene ausgetragen. Sie zeigten die Diskrepanz zwischen programmatischem Emanzipationsanspruch und unterschwelliger Frauenfeindschaft und signalisierten den weiblichen Delegierten, daß sie als Gewerkschafterinnen, als Arbeiterinnen - und vor allem als Frauen - fehl am Platze waren. Noch während die Integration der Frauen offiziell auf der Tagesordnung stand und die männliche Solidarität mit den weiblichen Berufsinteressen in lautstarken Reden eingefordert wurde, war es mit Hilfe der scheinbar unbedachten Äußerung gelungen, frauenfeindliche Strategien in den gewerkschaftlichen Diskurs einzuschleusen. Die "unangebrachte Bemerkung" illustriert, wie es im Rückgriff auf diffamierende Geschlechterbilder möglich war, die offizielle Verbandspolitik der Gewerkschaften zur Frauenarbeit bereits zu konterkarieren, noch bevor sie beschlossen wurde. Doch worauf genau beruht die Wirkung solcher Geschlechterbilder? Für sich gesehen konnten die "alten Schachteln" wie die "Kartoffeln kochenden Frauen" als lächerlicher Lapsus durchgehen. Doch faktisch weckten sie Emotionen und mobilisierten Assoziationen vom "Familienernährer" und der "Hausfrau", sie erinnerten also an Vorstellungen, die bei den Delegierten und darüber hinaus in der Gesellschaft als Leitorientierungen tief verwurzelt waren. Hier scheint sich jenseits politischer Programmatik eine zweite Wirklichkeitsebene der Politik zu präsentieren:6 die gewerkschaftlichen Funktionsträger artikulierten kodiert ihr Selbstverständnis als "Männerbund" und ein geschlechterpolitisches Ordnungsmodell, das die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit selbstverständlich voraussetzte. Welche Rolle nun spielten Geschlechterbilder in den historischen Auseinandersetzungen um Männer- und Frauenarbeit, um weibliche Repräsentanz in Gewerkschaften oder um die in den Gewerkschaften vertretene Geschlechterpolitik? Vor allem: Welche Eigenschaften sind es, die den von den Gewerkschaften aufgegriffenen und perpetuierten Geschlechterbildern ihre nachhaltige Wirkung und ihre außerordentliche Beharrungskraft - mitunter bis heute - verleihen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Autorinnen des vorliegenden Schwerpunktheftes der IWK. Sie versuchen damit, die Geschlechterverhältnisse in den Gewerkschaften aus einer neuen Perspektive zu thematisieren. Das Interesse setzt an der subtilen Funktion geschlechtsspezifischer Zuschreibungen innerhalb der gewerkschaftlichen Debatte an, um übergreifende Fragen nach der Geschlechtsspezifik gewerkschaftlicher Interessenpolitik, die Herausbildung von Geschlechterhierarchien und die langanhaltende Unterrepräsentanz von Frauen in den Verbänden zu behandeln. Dabei verweisen die hier ins Auge gefaßten Bilder auf eine bislang kaum berücksichtigte Dimension (gewerkschafts)politischen Handelns. Analysen der Gewerkschaftshistorie interpretieren bislang gewerkschaftliche Politik als intentionales, zweckrationales Handeln, das durch politische und ökonomische Interessen einerseits und durch ideologische, politisch-normative Orientierungen andererseits geleitet werde. Grundlegend dafür ist ein Verständnis von Politik als auf Machterwerb und Interessendurchsetzung zielendes rationales Handeln, wie es von Max Weber begründet wurde.7 Neuere Untersuchungen der politischen Psychologie, der Geschichts-, Kultur- und "Gender"-Forschung hingegen verweisen auf die Bedeutung von Emotionen für die Praxis von Individuen, Kollektiven und Institutionen. Gefühle gelten nicht mehr ausschließlich als Störfaktoren im politischen Raum, vielmehr bilden Kognition und Affekt zwei gleichberechtigte Seiten menschlichen Handelns und Erlebens.8 Emotionen und vorbewußte Orientierungen sind kodiert, möglicherweise lassen sie sich über Rituale und Bilder erschließen. Diese wiederum können - wie im eingangs dargestellten Beispiel - strategisch eingesetzt werden, um einen Orientierungsbedarf in der Gesellschaft oder einer gesellschaftlichen Gruppe zu bedienen, um dadurch Loyalitäten und Handlungsbereitschaften zu sichern.9 Sie können jenseits offiziell-programmatischer Richtungsentscheidungen eine zweite Beschlußgrundlage bilden, die erstere stützt oder konterkariert. Vielleicht erklärt sich aus dieser "dualen" Beschlußlage auch der gerade für die Gewerkschaften typische Widerspruch zwischen Programmatik und Realpolitik, der die Gewerkschaftsgeschichte durchzieht: zwischen sozialistischem Ziel und reformerischer Praxis, zwischen dem Postulat der Frauenemanzipation und faktischem Antifeminismus, zwischen der verbalen Anerkennung des Rechts auf Frauenerwerbsarbeit und der Verteidigung eines männlichen Erwerbsmonopols, zwischen der Forderung nach Lohngleichheit und der Durchsetzung von geschlechtsspezifischen Lohngruppen in Tarifverträgen. Bevor die einzelnen Beiträge vorgestellt und zusammenfassend einige Erkenntnisse über die "historischen Geschlechterbilder in den Gewerkschaften" reflektiert werden, empfiehlt es sich, nach Anknüpfungspunkten in der bisherigen Forschung zu suchen. In welcher Weise wurde der Geschlechteraspekt in der neueren Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegung und der historischen Gewerkschaftsforschung behandelt? Inwieweit wird dort die unterschiedliche Arbeits- und Lebenssituation von Männern und Frauen reflektiert und den geschlechtsspezifischen Differenzen in der Interessenartikulation Rechnung getragen? Welche Anregungen vermag die neuere Sozial- und Arbeiterbewegungsgeschichte, die die kulturelle Dimension besonders akzentuiert, zu geben, um der politischen Funktion von "Bildern" in der Geschichte auf die Spur zu kommen? Und schließlich: Welche Beiträge liefern dazu die neueren Ansätze der "Gender"-Forschung? Möglicherweise vermag die Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen der Geschichte der Arbeiterbewegung, der Sozial-, Kultur- und Geschlechtergeschichte zu einem Verständnis von "Bildern" hinzuführen, das es erlaubt, diese als ein zentrales strategisches Element in der politischen und gewerkschaftlichen Auseinandersetzung, ja als eine wichtige Legitimations- und Mobilisierungsressource für die historische Praxis von Interessengruppen zu begreifen. [Seitenende] 1 "Gender" in der historischen Gewerkschaftsforschung[...] 2 Sprachliche Bilder in symbolischen Auseinandersetzungen[...] 3 Vorstellung der BeiträgeSicherlich erfassen die Aufsätze in diesem Schwerpunktheft nur einen Teil des Bilderreichtums in der Gewerkschaftsbewegung. Exemplarisch werden einzelne Branchen und Verbände in verschiedenen historischen Zeitabschnitten untersucht: freigewerkschaftliche, christliche und deutschnationale, gemischtgeschlechtliche und weibliche Interessenorganisationen von Heimarbeiterinnen und Beamtinnen, von Beschäftigten des Dienstleistungs- und Industriesektors. Branchenübergreifend, zeitlich auf das Kaiserreich und die Weimarer Republik bezogen sind die beiden Eingangsaufsätze. Sigrid Koch-Baumgarten untersucht Männer- und Frauenbilder in Nachrufen als Teil proletarischer Totenrituale, in denen sich die gewerkschaftliche Gemeinschaft selbst darstellte und sich als soziale Einheit definierte. Sie kann aufzeigen, daß über die Männerbilder des "zähen Kämpfers" und "treuen Kollegen" im Kaiserreich bzw. des "Familienernährers", Vollzeitaktivisten und selbstlosen Gewerkschaftsbeamten in der Weimarer Republik der Verband und seine Funktionsträger vorrangig männlich typisiert wurden. Gewerkschaften öffneten sich zwar partiell auch für die "Kollegin" und "Mitkämpferin"; als Frauenleitbild fungierte jedoch eher die eheliche "Kameradin", die ihre häusliche Arbeit in den Dienst des sozialistischen Ideals und des öffentlichen Engagements des Mannes stellte. Am Beispiel der Rechtsberatung der Arbeitersekretariate beschäftigt sich Beatrix Geisel mit den Geschlechterbildern in der freigewerkschaftlichen Bewegung. Demnach empfanden die Rechtsberater die weiblichen Ratsuchenden nicht als ernstzunehmende Klientel, sondern eher als "Störfaktoren". Gängige Geschlechterstereotype prägten ihre Sichtweise. In der Beratung von Frauen konnten sich die Arbeitersekretäre selbst als "Vormünder", "Experten", "Autoritäten" und "heroische Kämpfer", ja als "kraftvolle und robuste Beschützer" inszenieren. Demgegenüber betrachteten sie die Frauen als wenig einsichtsfähig und irrational, mitunter stellten sie diese auch als "aufmüpfig", "herrsch-" und "klatschsüchtig" hin. Bei familienrechtlichen Fragen ging die Beratung vom Idealbild der "heilen Familie" aus, doch auch die arbeitsrechtliche Beratung wurde weitgehend durch Vorstellungen von einem spezifisch "weiblichen Wesen" geprägt. Gegenüber der "Hausfrau und Mutter", die sich allenfalls ein "Zubrot" in außerhäuslicher Erwerbsarbeit verdient, war der "Familienernährer" ein typisches Männerleitbild in den Gewerkschaften. Brigitte Kassel kann in ihrer Analyse der Tarifpolitik des "Deutschen Metallarbeiterverbandes" (DMV) an detaillierten Beispielen aufzeigen, wie das Konzept des Familienernährers - bereits von Zeitgenossinnen als "ideelle Konvention" und "lohnbildender Faktor" wahrgenommen - die tarifpolitische Praxis des Verbandes beeinflußte. In ihrem Zentrum stand folgerichtig nicht Lohngerechtigkeit, sondern Gehaltsprivilegierung von Männern. Vorstellungen einer "natürlichen" Geschlechterdifferenz zeigen sich besonders ausgeprägt in den von Larissa Schulze-Trieglaff untersuchten Geschlechterbildern in Kurzgeschichten und Fortsetzungsromanen, die auf der Frauenseite "Familie und Heim" der Metallarbeiter-Zeitung publiziert wurden. In stilisierten und klischeehaften "Elendskarrieren" junger Unterschichtsfrauen, in denen Frauen durchgängig als "wehrlose Opfer" und Männer als "rücksichtslose Verführer" gezeichnet wurden, erschien die biologische Anlage zur Mutterschaft als das Gravitationszentrum weiblicher Biographien, als Ausgangspunkt des Untergangs oder des "Auswegs" einer Alternativkarriere als sozialistische Mutter im Gewerkschaftskollektiv. In den Untergangsszenarien wurden auch gängige abwertende Vorurteile organisierter Arbeiter über rückständige und elende weibliche Lebenswelten - vom Haushalt über die Land- bis zur Dienstbotenarbeit - veranschaulicht. Der Metallbranche als männlich strukturiertem Sektor steht das Textilgewerbe gegenüber, in dem bereits im Kaiserreich überdurchschnittlich viele Frauen tätig waren. Daß dennoch die "Frauenindustrien" Textil und Bekleidung nicht unbedingt eine von Frauen dominierte Interessenvertretung hervorbrachten, zeigen die Beiträge von Marlene Ellerkamp und Rosmarie Beier. Indem Marlene Ellerkamp die Aspekte Organisation, Streik und Unterstützungskassen am Beispiel des "Deutschen Textilarbeiter-Verbandes" (DTAV) untersucht, stößt sie auf Leitbilder einer typischen "Männerbastion". Traditionelle Vorstellungen vom "männlichen Familienernährer" gingen dabei wie gewohnt mit bürgerlich-konservativen Ideen vom natürlichen Beruf der Frau als "Gattin und Mutter" einher. Trotz stetig wachsender weiblicher Mitgliedschaft zwischen 1895 und 1910 blieben die frauenpolitischen Anstrengungen des Verbandes halbherzig. Doch die frauenpolitische Defensive der Gewerkschaft korrelierte keineswegs mit einer geringen Aktionsbereitschaft der Textilarbeiterinnen. Im Gegenteil vermag Ellerkamp zu zeigen, daß - möglicherweise bedingt durch einen enormen Problemdruck - zumindest in der Bremer Region selbst die verheirateten Frauen maßgeblich zu den Trägerinnen der oft ungestümen Arbeitskämpfe gehörten. Rosmarie Beier interessiert sich für die Heimarbeiterinnen im Bekleidungsgewerbe, deren Organisation als besonders schwierig galt. Die im freigewerkschaftlichen "Verband der Schneider, Schneiderinnen und verwandten Berufsgenossen Deutschlands" geforderte Abschaffung der Heimarbeit ging an der Arbeits- und Lebenssituation der Frauen weitgehend vorbei. Statt die Heimarbeit als "neue Industrie" anzuerkennen, wurde sie als "vorindustrielles Relikt" bekämpft und die weiblichen Beschäftigten als "Schmutzkonkurrentinnen", "Lohndrückerinnen" und "Streikbrecherinnen" gefürchtet. Demgegenüber galt dem christlichen "Gewerkverein der Heimarbeiterinnen Deutschlands", der als Frauenorganisation Heimarbeiterinnen unter der Obhut bürgerlicher "Vertrauensfrauen" organisierte, die Heimindustrie als ideale Arbeitsform, um Beruf und Familie zu verbinden. Doch auf Gleichberechtigung lief auch das Konzept der christlichen Gewerkschaft nicht unbedingt hinaus. Dem stand ein nationalkonservatives Frauenbild der "Mütterlichkeit" entgegen. Dem für die Frauenarbeit ebenfalls wichtigen Dienstleistungssektor wenden sich Ursula Nienhaus, Ute Planert und Brigitte Kerchner zu. In ihrem Beitrag über den rein weiblichen "Verband der deutschen Reichspost- und Telegraphenbeamtinnen" und seine Vorläufer befaßt sich Nienhaus mit einem weiblichen Selbst- und Leitbild: mit der "neuen Frau" und ihrem engagierten Einsatz für weibliche Berufsinteressen, Gleichstellung und politische Rechte. Die aktive Interessenpolitik und der hohe Organisationsgrad der Postbeamtinnen (85 Prozent) stehen in starkem Kontrast zu zeitgenössischen Vorstellungen weiblichen politischen Desinteresses, Organisationsunlust oder fehlender Berufsidentifikation. So kann Nienhaus aufzeigen, daß sich die relative Erfolglosigkeit des Verbandes nicht aus vorgeblich weiblichen Defiziten, sondern aus diskursiven und politischen Bestrebungen verschiedener "Männerlobbies und Männerkoalitionen" begründet. Wirkten die Vorstellungen über Männer und Frauen in der Mehrheit der Gewerkschaften und Berufsverbände eher auf subtile Art, so ist die von Ute Planert untersuchte Politik des "Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes" (DHV) ein krasses Beispiel dafür, wie Geschlechterbilder als "Machtfaktoren" bewußt und strategisch eingesetzt wurden. Der DHV brandmarkte ganz unverblümt die Frauenerwerbsarbeit als "Grund- und Eckstein alles sozialen Übels", entsprechend bekämpfte er sie apodiktisch. Als schlagkräftige Standesorganisation mit gewerkschaftlichen Zügen und einer völkischen Ideologie verfolgte er seine rigiden Schließungsstrategien und Obsessionen mit militanter Rhetorik. Zur Delegitimierung weiblicher Ansprüche im Handelssektor griff er dabei nicht nur auf gängige Stereotype, wie die "Schmutzkonkurrentin", zurück, sondern er stellte die weiblichen Handelsangestellten auch als weniger pünktlich, weniger ausdauernd, weniger effizient, als unzuverlässig, eitel und putzsüchtig, als disziplin- und respektlos dar. So wurden die "Fräuleins" und "Weibchen" dem Idealbild des korrekten, beflissenenen, allzeit einsatzwilligen und unterordnungsbereiten männlichen "Privatbeamten" diametral entgegengesetzt. Mit den Körperbildern in der Gastwirtsbranche beschäftigt sich abschließend Brigitte Kerchner. In diesem Sektor gehörten die sexuelle Attraktivität der Kellnerin und die ökonomische Verwertung ihres Körpers zu den typischen Merkmalen des Arbeitsplatzes. Doch die in Frage kommenden Verbände erkannten in der sexuellen Belästigung kaum ein gewerkschaftliches Problemfeld. So behandelten die in den christlichen Kellnerinnenvereinen engagierten Bürgerinnen die Gastwirtsgehilfinnen nicht als politikfähige Mitglieder, sondern als "arme verblendete Mädchenherzen" und "Opfer", die mit karitativer Fürsorge domestiziert und an die bürgerliche Moral rückgebunden werden sollten. Im freigewerkschaftlichen "Verband deutscher Gastwirtsgehilfen" beschwor man die Kellnerin zwar als "gedrückte Arbeiterin" und "natürliche Mitkämpferin", andererseits stempelte man sie als "unlautere Konkurrentin", als "organisationsunfähig" und "unwillig" ab. Um ein Verbot der Frauenarbeit zu erreichen, scheuten manche Gewerkschafter sogar vor schärfster sexueller Stigmatisierung nicht zurück. [Seitenende] 4 Ergebnisse und AusblickIn sämtlichen der hier vorgestellten Beiträge dominieren deutliche Vorstellungen einer oftmals biologisch begründeten Geschlechterdifferenz, die in Kontrast stehen zur auf Gleichheit, Frauenemanzipation und -organisation zielenden Gewerkschaftsprogrammatik. Abwertende Frauenbilder - Lohndrückerinnen, Schmutzkonkurrentinnen, Streikbrecherinnen, "Störfaktoren" - signalisieren eine geringe Akzeptanz von Arbeiterinnen als Erwerbstätige, als Organisationsmitglieder und Funktionsträgerinnen. Frauen wurden in den historischen Gewerkschaftsdebatten als schutzbedürftig, irrational, klatschsüchtig und durchgängig als schwach stilisiert. Idealisiert hingegen wurden sie in ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau. In den freien Gewerkschaften war die Arbeiterin auch als "Kameradin" und "Weggenossin" erwünscht - jedenfalls, solange sie sich in den Dienst des Sozialismus und der gewerkschaftlichen Interessenpolitik stellte und den privaten Aktionskreis nicht überschritt. Zwar erlangten dort die Frauen als "Mitkämpferinnen" auch innerhalb der gewerkschaftlichen Verbände und Politik eine gewisse Bedeutung, die in der Weimarer Republik noch zunahm. Aber auch die "Mitkämpferin" war nie Gleiche unter Gleichen, sondern sie erhielt bestenfalls eine segregierte weibliche Teilöffentlichkeit zugewiesen. In den christlichen Gewerkschaften, wo die "Erziehung" ohnehin eine größere Rolle als der "Kampf" spielte, machten sich bei den dort führenden Bürgerinnen Klassenressentiments gegenüber den "Schützlingen" bemerkbar. Die in den Gewerkschaften produzierten Fremdzuschreibungen provozierten entsprechende Gegenbilder bei den erwerbstätigen Frauen und weiblichen Mitgliedern. Im Gegensatz zu den sie mißachtenden Frauenleitbildern sahen sie sich selbst als "achtbare Kollegin", "neue Frau" oder "Kämpferin", suchten nach Anerkennung und klagten ihr Recht auf Beruf und - wenn auch weniger lautstark - ihr Recht auf Repräsentation im Verband ein. Allerdings gelang es ihnen nur selten, die weiblichen Negativbilder und vor allem die allseits präsenten Männerbilder zu übertönen. So dominierten in den gewerkschaftlichen Diskursen des Kaiserreiches und der Weimarer Republik die Familienernährer, die kraftvollen Beschützer und heroischen Kämpfer, die rationalen, starken, proletarischen Gewerkschaftsbeamten. Bei all dem war eine ganze Reihe von Gewerkschaften bestrebt, die vermeintliche Zweitklassigkeit der Frau in den weiblichen Körper einzuschreiben. Dann stellten sie entweder, wie Planert am Beispiel der weiblichen Angestellten zeigt, die Frauen als besonders "krankheitsanfällig" dar, oder sie charakterisierten, wie Beier im Falle des freigewerkschaftlichen Schneiderverbandes nachweist, gleich die ganze weibliche Heimarbeit als "krankhaft". Immer wieder wurde, wie Geisel, Schulze-Trieglaff und Kerchner herausarbeiten, den erwerbstätigen Frauen ein Hang zum sexuellen Laster nachgesagt. Das Paradox von der "unsittlichen Kollegin" erweist sich sogar als besonders effektives Diskurselement: mit der Anrede "Kollegin" bekannten sich alle gemischtgeschlechtlichen gewerkschaftlichen Verbände zur Frauenemanzipation, doch mit der Attributierung "unsittlich" dequalifizierten viele gleichzeitig die weiblichen Beschäftigten als Mitglieder. So erweist sich die "unsittliche Kollegin" als ein weiteres wichtiges Bild, mit dem die ökonomischen und politischen Ansprüche der Frauen zurückgewiesen und die "Frauenfrage" selbst auf moralisches Terrain abgeschoben werden konnte. Um die Monopolisierung männlicher Erwerbsarbeit auf Dauer legitimieren und politisch unanfechtbar machen zu können, erwies sich demnach die "unmoralische Frau" als die Idealfigur. Insgesamt überrascht das Ausmaß des antifeministischen Denkens und Verhaltens, das in den hier vorgestellten Bildern zum Ausdruck kommt. Vielleicht hat der hier eröffnete Zugang zu indirekten Redeformen, zu subtilen Praxen der innergewerkschaftlichen Kommunikation, zur emotionalen Seite institutionellen Handelns latente Strukturen freigelegt, die den Ergebnissen der bisherigen und stärker an der äußeren Programmatik orientierten Geschichtsschreibung der Gewerkschaften zuwiderläuft. Denn den Antifeminismus hatte man doch eher der Frühphase der Arbeiterbewegung, etwa den Lassalleanern, zugeordnet,53 während die weitere Entwicklung im Sinne einer zunehmenden Öffnung der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung gegenüber den Frauen gedeutet wurde. Genau in dieser Wahrnehmung konnte sich jeder bestätigt fühlen, der auch nur einen flüchtigen Blick auf die offiziellen Organe, Protokolle und Publikationen der Gewerkschaften geworfen hat. Diese betonen gegen Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich immer stärker die Integration der Frauen, sie sprechen immer häufiger von der Notwendigkeit, den besonderen Anforderungen weiblicher Erwerbsarbeit gerecht zu werden, und sie verlangen, die weiblichen Beschäftigten in die gewerkschaftlichen Gremien und Politiken einzubeziehen. Auch von den Erfolgen, die darin bereits erreicht wurden, wird allenthalben gesprochen. Die hier präsentierten Ergebnisse stimmen allerdings skeptisch. Sie deuten an, daß antifeministische Ressentiments und misogyne Strategien auch nach der Jahrhundertwende nicht aus der gewerkschaftlichen Auseinandersetzung verschwanden, daß von einer linear gedachten Öffnung gegenüber den Frauen, einer zunehmenden Akzeptanz der weiblichen Erwerbsarbeit und einer stetig steigenden Partizipation weiblicher Mitglieder also nicht die Rede sein kann. Offenbar verliefen die Prozesse der Integration und Exklusion von Frauen wechselvoller und widersprüchlicher, als dies bislang gesehen wurde. Aber die Geschlechterbilder bringen keineswegs nur negative Gefühle, Misogynie und Ignoranz ans Licht. Auch positive Ansätze emanzipatorischen Strebens lassen sich mit ihnen einfangen. Die Erkenntnis eines tief verwurzelten resistenten Antifeminismus innerhalb der Gewerkschaften darf also nicht den Blick auf jene historischen Leistungen verstellen, die die Gewerkschaften für die Emanzipation des weiblichen Geschlechts erbrachten. Diese gilt es nach wie vor adäquat zu würdigen, und entsprechend werden sie in den Beiträgen dieses Bandes auch immer wieder erwähnt und hervorgehoben. 1 Protokoll der Verhandlungen des Zehnten Kongresses der Gewerkschaften Deutschlands vom 30. Juni bis 5. Juli 1919 in Nürnberg, Auszug in: Frau und Gewerkschaft. Hrsg. von Gisela Losseff-Tillmanns, Frankfurt a. M. 1982, S. 86 - 94, hier S. 92. [Text] 2 Dazu legte Gertrud Hanna, die Leiterin des Arbeiterinnensekretariats im ADGB, diesem Kongreß einen ausführlichen "Bericht" vor, der sich in weiten Teilen als ungebrochene Erfolgsgeschichte liest, so daß der Eindruck entstand, der aktuelle Kongreß habe nicht mehr darüber zu entscheiden, ob die Organisierung der Frauen notwendig sei, sondern nur noch darüber, wie diese Integration weiter erfolgreich vorangetrieben und möglichst effektiv unterstützt werden könne. Vgl. a. a. O., S. 87 - 92, hier bes. S. 87. [Text] 3 Karin Hausen, Frauenerwerbstätigkeit und erwerbstätige Frauen. Anmerkungen zur historischen Forschung, in: Frauen arbeiten. Weibliche Erwerbstätigkeit in Ost- und Westdeutschland nach 1945. Hrsg. von Gunilla-Friederike Budde, Göttingen 1997, S. 19 - 45, hier bes. S. 21 - 30; Karin Hausen, Wirtschaften mit der Geschlechterordnung. Ein Essay, in: Geschlechterhierarchie und Arbeitsteilung. Zur Geschichte ungleicher Erwerbschancen von Männern und Frauen. Hrsg. von Karin Hausen, Göttingen 1993, S. 40 - 67, hier bes. S. 55. [Text] 4 Helga Grebing, Frauen in der deutschen Revolution 1918/19, Heidelberg 1994, S. 23 - 24; Susanne Rouette, Nach dem Krieg: Zurück zur "normalen" Hierarchie der Geschlechter, in: Geschlechterhierarchie und Arbeitsteilung, a. a. O., S. 167 - 190; Ute Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1989. [Text] 5 Zu den Debatten des 10. Gewerkschaftskongresses von 1919 in Nürnberg vgl. Gisela Losseff-Tillmanns, Frauenemanzipation und Gewerkschaften, Wuppertal 1978, S. 301 - 309. [Text] 6 Vgl. dazu grundlegend: Murray Edelman, Politik als Ritual. Die symbolische Funktion staatlicher Institutionen und politischen Handelns, Frankfurt a. M. und New York 1976, S. 2. [Text] 7 Max Weber, Politik als Beruf, Stuttgart 1993, S. 62 f.; ders., Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen 1980, S. 167 - 176. [Text] 8 Jeff Hearn, Emotive Subjects: Organizational Men, Organizational Masculinities and the (De)construction of "Emotions", in: Emotion in Organizations. Hrsg. von Stephen Fineman, London et al. 1998, S. 142 - 166; vgl. auch Birgit Sauer, "Politik wird mit dem Kopfe gemacht". Überlegungen zu einer geschlechtersensiblen Politologie der Gefühle, in: Masse - Macht - Emotionen. Hrsg. von Ansgar Klein und Frank Nullmeier, Opladen 1998 (i. E.). In historischer Perspektive bereits: Emotionen und materielle Interessen. Sozialanthropologische und historische Beiträge zur Familienforschung. Hrsg. von Hans Medick und David Sabean, Göttingen 1984. [Text] 9 Vgl. etwa Andreas Dörner, Die Inszenierung politischer Mythen. Ein Beitrag zur Funktion der symbolischen Formen in der Politik am Beispiel des Hermannsmythos in Deutschland, in: Politische Vierteljahresschrift, Jg. 34 (1993), H. 2, S. 199 - 218; Politik der Symbole. Symbole der Politik. Hrsg. von Rüdiger Voigt, Opladen 1989. [Text] [...] 53 Werner Thönnessen, Frauenemanzipation , a. a. O., S. 15 ff.; Molly Nolan, Proletarischer Antifeminismus. Dargestellt am Beispiel der SPD-Ortsgruppe Düsseldorf, 1890 - 1914, in: Frauen und Wissenschaft. Beiträge zur Berliner Sommeruniversität für Frauen, Juli 1976, Berlin 1977, S. 356 - 377; "Proletarischer Antifeminismus", in: Daniela Weiland, Geschichte der Frauenemanzipation in Deutschland und Österreich. Biographien - Programme - Organisationen, Düsseldorf 1983, S. 218 - 220; Elisabeth Haarmann, Schwestern zur Sonne zur Gleichheit. Die Anfänge der proletarischen Frauenbewegung, Hamburg 1985, bes. S. 42 - 51; kritisch dazu Sabine Schmitt, Der Arbeiterinnenschutz im deutschen Kaiserreich. Zur Konstruktion der schutzbedürftigen Arbeiterin, Stuttgart und Weimar 1995, S. 43 - 57. [Text] |
| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 15.01.2001 |