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Auszug aus: IWK, Heft 1/1999, S. 123 - 127 Hat Geschichte der Arbeiterbewegung als Disziplin Zukunft?Zum Stand der Diskussion um eine Neuorientierung der ITHVon Helmut Konrad[...] In der Phase des Kalten Kriegs hatte sich im neutralen Österreich, ausgehend von einer Initiative Bruno Kreiskys, eine Dialogplattform der Historiker der Arbeiterbewegung herausgebildet, wo seit nunmehr dreieinhalb Jahrzehnten Begegnungen von unterschiedlichsten Positionen möglich gemacht wurden. Die "Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung (ITH)" traf und trifft sich jährlich im September in Linz, und die Durchsicht der Protokolle der Konferenzen, die schon ein ganzes Bücherregal füllen, macht deutlich, daß die ITH vom Subjekt bereits zum Objekt der Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung werden kann. Es wird nicht mehr lange dauern, und Diplomarbeiten und Dissertationen werden sich mit ihrer Geschichte und ihrer Funktion beschäftigen. Einige Jahrzehnte lang, solange die Teilung der Welt als historische Konstante gelten konnte, war die Funktion der Drehscheibe von außerordentlicher Bedeutung. Historiker aus dem Osten hatten in Linz ihr Tor zum Westen (und umgekehrt), der gemeinsame Forschungsgegenstand einte trotz unterschiedlicher theoretischer und politischer Grundpositionen, trotz Methodendifferenzen und trotz gegensätzlicher Schlußfolgerungen. Auch diplomatiegeschichtlich gab es aufregende Momente: die Begegnung von Forschern aus Israel mit Palästinensern, den Aufeinanderprall unterschiedlicher Fraktionen aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die Wellen des chinesischen Politikverständnisses oder die unmittelbare Einbindung in die afrikanische Zeitgeschichte. Die Frauen (wenige an der Zahl) forderten vehement die Einbringung der Kategorie "Geschlecht" und setzten schließlich eine lange, fast barocke Erweiterung des Vereinsnamens in "Internationale Tagung der Historikerinnen und Historiker der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung" durch. Sozialgeschichte und Kulturgeschichte begannen sich neben der Politikgeschichte zu behaupten. Das jüngste Jahrzehnt war aber deutlich auch ein Jahrzehnt der Krise des Faches und der Konferenz. Der Sozialismus schien abgewirtschaftet, der Kommunismus zusammengebrochen, und die Linzer Konferenz wirkte wie ein Relikt aus vergangenen Jahrzehnten. Dazu kam, daß die Struktur der ITH, um den Möglichkeiten des Ostens Rechnung zu tragen, sich über Institute herausgebildet hatte, die (viel leichter als Einzelforscher) Ausreisen für Delegierte bewerkstelligen konnten. Diese Institutsstruktur rutschte mit den Instituten in die Krise. Teilweise hatten die Institute ihre Tätigkeit eingestellt, teilweise hatten sie sich nachhaltig verändert, so daß Linz nicht mehr wirklich ins Konzept der jeweiligen Außenbeziehungen paßte. [...] Der in den vergangenen Jahren eingeschlagene Mittelweg ist tatsächlich eher als ein Rettungskonstrukt denn als ein Zukunftsprojekt zu sehen. Er hat funktioniert, hat die ITH auf die wissenschaftlichen Kalender zurückgebracht und stabilisiert. Jetzt ist es hoch an der Zeit, die entscheidenden Fragen zu stellen und noch in diesem Jahrhundert die organisatorischen und inhaltlichen Konsequenzen aus den Antworten zu ziehen. [...] |
| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 15.01.2001 |