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Auszug aus: IWK, Heft 1/1999, S. 7 - 65 (ohne Anmerkungen) Ein Präsident auf ReisenErste Annäherung an ein verdrängtes Kapitel der Sozialistischen Arbeiter-InternationaleVon Henryk Skrzypczak
I. AnfangsverdachtFür ein Blatt, das einem Heinrich Brüning so viel zu verdanken hatte, ergab die Linie dieses Wahlkampfes sich gewissermaßen von selbst. Als Organ der christlichen Gewerkschaften stand "Der Deutsche" - Untertitel "Tageszeitung für deutsche Volksgemeinschaft und für ein unabhängiges Deutschland" - zur Sache ebenso wie zur Person. Auf die handverlesene Redaktionsmannschaft Am Johannistisch 5 in Berlin-Kreuzberg konnte der Reichskanzler sich verlassen. Das Feindbild war klar, und auch die Kampflage war klar, die Sozen hatten sie ja eben erst wieder deutlich genug umrissen. Ihr Einbruch in die Arbeiterreihen der Zentrumspartei vor zwei Jahren langte ihnen bei weitem immer noch nicht. "3½ Millionen Wähler aus dem Proletariat", hatte Parteichef Otto Wels ihnen die Rechnung aufgemacht, waren 1928 "dem verballhornten Sozialismus von Moskau" nachgelaufen, "mindestens eine Million steht noch im Lager der bürgerlichen Gruppen. Sie müssen wir gewinnen, wenn wir die Mehrheit erlangen wollen. Und die Eroberung der Mehrheit, das ist unser Ziel!" In Wirklichkeit wäre es wieder nur eine weitere Etappe, wäre es ein zusätzlicher Ansporn für die Genossen, "Position auf Position in Kommune, Staat und Reich zu erobern". Wie hieß doch jetzt schon das Losungswort, mit dem sie ihren Anhang mobilisierten? Allarbeiterpartei! Die Front der christlich organisierten Arbeitnehmer aufzurollen und dauerhaft zu schwächen, genau darauf waren sie aus. Nun, man würde ihnen was. Ihre skrupellose und durch keine inneren Hemmungen beschwerte Agitation bekamen sie heimgezahlt. Auge um Auge und Zahn um Zahn. Mit der Bergpredigt allein war eine Wahl schließlich nicht zu gewinnen. Angriffsflächen bot sie einem ja genug, diese Partei des permanenten Versagens. Ihre Hilflosigkeit, ihre innere Unwahrhaftigkeit und Unehrlichkeit, ihre nicht mehr zu überbietende Demagogie - all das schrie nachgerade zum Himmel. Sie konnte, weiß Gott, einen Hund jammern, diese "Politik" der Genossen. Die hatten es sich jetzt schon weidlich verdient, als "Totengräber der Demokratie" gebrandmarkt zu werden. Und was wohl würde von ihnen erst zu gewärtigen sein, wenn sie, wie das ja doch in der Luft lag, erneut dem radikalen Marxismus verfielen, wenn sie, umgetrieben von Sehnsucht nach ihrem legitimen Kind, die Brücke hinüber zum kommunistischen Lager betraten. Ein absurder Gedanke das, wo diese Kerle sich gegenseitig doch unablässig beharkten? Eine hundsgemeine Unterstellung, die durch ihre ständige Wiederholung nicht im mindesten glaubhafter wurde? Von wegen. Wer Augen hatte zu sehen und Ohren zu hören, der wußte es längst: Die Sozen hatten den Sowjetteufel im Leib. Beweise dafür? Nichts leichter als das, man brauchte sich nur an die Bibel zu halten: Suchet, so werdet ihr finden. Und da hatte man es ja auch schon. Der "Lügen-Vorwärts", wie sein noch röteres Bruderblatt das sozialdemokratische Zentralorgan sachkundig nannte, war als Fundgrube in dieser Schlammschlacht wahrlich unübertroffen.
Sieh einer an - Vandervelde in Moskau. Ja, träumte man denn. Oder hatte man möglicherweise diesen Umsturzappell vom letzten Mai nur geträumt, diesen Aufruf "An die Arbeiter Rußlands!", mit dem Vanderveldes Exekutivkomitee die "Proletarier der Sowjetunion" gegen ihre eigene Regierung mobil zu machen versuchte? "Freiheit des Wortes! Freiheit der Organisation! Freie und geheime Wahlen! Schluß mit der Todesstrafe, mit den Massenhinrichtungen! Amnestie den politischen Gefangenen! Schluß mit der Schande, daß Männer und Frauen, die als Freiheitskämpfer der Arbeiterklasse in den Kerkern des Zaren gesessen sind, heute in den Kerkern der GPU, in den Konzentrationslagern, in den Verbannungsorten Sibiriens schmachten!" Ein Vierteljahr gerade mal erst lag dieser Erguß zurück, und trotzdem ließen sie den Mann, der das zu verantworten hatte, anstandslos über die Grenze. Ach so, er kam ihnen ja nicht in seiner präsidialen Würde des Wegs. Auszuspannen begehrte er, sein müdes Haupt in Moskau zur Ruhe betten wollte er, "diese interessante Stadt" seiner Angetrauten zeigen wollte er nur. Das Risiko dreckiger Bemerkungen hinterher? In seinem Fall würden sie sich darauf nicht gefaßt machen müssen. Schließlich wußte er zu genau und gab es ihnen zum Dossier, daß man sich bei lediglich fünf Tagen Aufenthalt ein Urteil schlechterdings nicht herausnehmen durfte. Die Absicht, "irgendwelche sowjetrussischen Einrichtungen" zu besichtigen, lag ihm deshalb ja auch meilenweit fern, na, und während der Durchfahrt bekam er Rußland ja ohnehin nur vom Abteilfenster aus zu sehen. Harmloser also ging es nun wirklich nicht. Da fehlte bloß noch der Hinweis, daß die Landroute im Vergleich zum Seeweg einfach billiger war. Keine Frage, die Sache war faul. Mochte die Antragsbegründung noch so unpolitisch gewesen sein - Einreisevisen für Sozialdemokraten, selbst wenn sie weniger auf dem Kerbholz hatten, gab es bei denen nicht. Und dann ausgerechnet Vandervelde. Die Sache war sogar oberfaul. Was aber steckte dahinter? Was konnte die Russen dazu bewogen haben, daß sie ihm den jüngsten Affront seiner Internationale einfach so durchgehen ließen? Aber ja doch - warum war man nicht gleich drauf gekommen. Es traf also zu, was gewisse Leute, Leute, die sich auskannten, einem damals zu diesem Manifest geflüstert hatten: daß diese Posaune von Jericho beileibe so ernst nicht gemeint war, wie sie erdröhnte, im Gegenteil, daß der Aufruf in Wirklichkeit - "eine Brücke bilden sollte zur Moskauer Internationale". Absoluter Schwachsinn das? Auch das wieder mal nur eine perfide Unterstellung des "Deutschen"? Das paßte doch überhaupt nicht ins Bild? Und ob es das tat. [...] |
| IWK-Redaktion | E-Mail: info@iwk-online.de | 15.01.2001 |